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Sachbuch

Ein bisserl dazugehören

Der zweite Band von Ruth Klügers Erinnerungen.

Von RENATE WIGGERSHAUS

Der Titel des zweiten autobiografischen Buches der aus Wien stammenden US-amerikanischen Autorin Ruth Klüger ist wie der des ersten kleingeschrieben und lapidar, melancholisch und nüchtern: "unterwegs verloren" ist jenem Kapitel entnommen, in dem von den Dilemmata des Ruhms die Rede ist, zum Beispiel vom Verlust von Freunden durch Neid, vor allem aber vom Verlust des Freundes Martin Walser.

Denn was die berühmt gewordene Literaturwissenschaftlerin von dessen Roman "Tod eines Kritikers" hielt - das konnte nicht private Ansicht bleiben, sondern wurde (in Gestalt eines Offenen Briefes in der FR) unvermeidlich zu einer öffentlichen Distanzierung. Solche spektakulären Vorgänge gehören zu den Erlebnissen einer Autorin, die einen ausgeprägten Sinn für die Paradoxien, Ambivalenzen, Zufälle und Absurditäten menschlicher Beziehungen, Situationen und Lebensläufe hat.

Ruth Klüger, 1931 in Wien geboren, überlebte zusammen mit ihrer Mutter mehrere Konzentrationslager. Kurz vor Ende des Krieges gelang beiden die Flucht. 1948 emigrierten sie nach New York. Vierzig Jahre später begann Ruth Klüger, die Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend im antisemitischen Wien und in den Lagern niederzuschreiben. Sie erschienen 1992 unter dem Titel "weiter leben". Sowohl Martin Walser wie Marcel Reich-Ranicki trugen dazu bei, dass das Buch zu einem Bestseller wurde. Nun ist die Fortsetzung erschienen: die Schilderung der so schwierigen wie erfolgreichen Jahre in der "neuen" und die Wiederbegegnung mit der "alten Welt".

Auf charakteristische Weise beginnt das Buch mit der Geschichte einer Nummer - einer Geschichte, die die vielschichtige und sich wandelnde Bedeutung und Deutung der KZ-Nummer vergegenwärtigt. Für die einstige Trägerin war die Nummer, die ihr von "geübten Häftlingshänden" in den linken Unterarm eintätowiert worden war, ein Symbol der "herdenmäßigen Herabsetzung" des Menschen.

Für die Überlebende stellte sie aber auch eine Verpflichtung gegenüber den Toten dar. Sie war ein "Stück Mahnmal", das an Klügers in Auschwitz vergasten Vater und ihren mit 17 Jahren ermordeten Bruder erinnerte. Mit dem Älterwerden verblassten die Erinnerungen an die Toten allmählich. Indem sie zu Schatten wurden, verlor auch das in den Körper geritzte Zeichen seinen Sinn für die Trägerin. Sie ließ es entfernen.

Ruth Klüger war 16 Jahre alt, als sie nach New York kam. Rasch lernte sie Englisch. Die Ehe mit einem zwölf Jahre älteren deutschstämmigen Amerikaner scheiterte. Vier Jahre nach der Geburt ihres zweiten Sohnes ließ sie sich scheiden in dem Bewusstsein, für diesen Mann nichts weiter als ein "Krückstock für seine Karriere" gewesen zu sein.

Während Klüger zwei Söhne großzog, war sie als Bibliothekarin in einer mobilen Buchausleihe tätig. Sie begann ein Germanistikstudium, arbeitete als Sprachlehrerin in Berkeley, promovierte, unterrichtete in Cleveland, Cincinnati, Irvine und erhielt schließlich einen Ruf an die Princeton University. Doch wird der streitbaren Feministin bald klar: Man wollte sie nicht wegen ihrer wissenschaftlichen Qualifikation als Spezialistin für Barockliteratur bzw. die Werke von Lessing, Kleist und Schiller, sondern weil das bis dahin ausschließlich männliche Kollegium eine Frau brauchte.

Einerseits machten die sechs Jahre Princeton die erste und einzige Ordinaria der deutschen Fakultät "wehleidiger und ungeschützter, leider auch zynischer", andererseits erlebte sie die akademische Lehre als einen "wunderbaren Beruf mit unvergleichlichen Höhepunkten".

Ambivalenz prägte auch Klügers Verhältnis zur deutschsprachigen Welt ihrer Herkunft. Einerseits wurde sie, wie sie schreibt, mit Ehrungen und Preisen überschüttet, begegneten ihr Menschen wie Ilse Aichinger oder die Herausgeberinnen der ältesten deutschsprachigen Frauenzeitschrift "AUF" freundschaftlich und offen.

Andererseits irritierte sie, dass in Wien nicht nur dem einstigen Bürgermeister und berüchtigten Antisemiten Karl Lueger ein Denkmal errichtet worden war, sondern auch ein Platz und eine Straße seinen Namen trugen. Eine Gastprofessur der Universität nahm sie an, um "auf meine alten Tage in der Stadt meiner Eltern ein bisserl dazuzugehören". Doch niemand hieß sie bei der Ankunft willkommen, niemand sagte bei der Abfahrt Dankeschön.

Das Buch - zugleich reflektierte Autobiografie und ein Stück Literatur - schließt mit den Erfahrungen einer Kreuzfahrt. Sie sind so vielschichtig wie die Geschichte einer Nummer am Anfang. "Es ist mir schon schlechter gegangen", ist nicht nur der abschließende Kommentar der Autorin zu ihrer Schiffsreise, sondern auch das geflügelte Wort, mit dem sie und die geschätzteste ihrer Altersfreundinnen sich über ihre Sicht der Dinge zu verständigen pflegen. Das hat zwei Seiten. Die eine ist die fröhliche: ",,Her mit einem Glas Sekt' - wir haben alles überstanden." Die andere ist "die unbewusste Ermahnung, dass Verdrängen nicht das gleiche ist wie Vergessen und schon gar nicht wie Überwinden".

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