Das bisschen Deutsch

Lädle und Deppensprache: Andreas Thalmayrs Kuriositäten

Von SABINE FRANKE

Andreas Thalmayr ist ein Autor, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Leserschaft an die schwierigen Dinge des Lebens heranzuführen. Seinem erfolgreichen Lyrikverführer Das Wasserzeichen der Poesie ließ er ein "Erste Hilfe"-Buch für gestresste Lyrikleser folgen. Jetzt hat er sich einem Thema zugewandt, das ungleich populärer ist als die Lyrik, einem Thema, das die Deutschen seit Jahrhunderten umtreibt und das bis heute für hitzige Diskussionen sorgt: die deutsche Sprache.

Was wurde nicht schon an ihr herumgedoktert! Man hat sie analysiert und lexikalisiert, ist vor ihr auf die Knie gesunken, hat sie beschützt und behütet und mit ihr Werke der Weltliteratur geschaffen. So mancher hat sich einen an ihr abgebrochen, begeht Verbrechen an ihr und lässt sie schamlos verlottern. Jeder darf ran, jeder ist befugt, man muss nicht Adelung und Opitz, Luther, Goethe oder Duden heißen, um mitreden zu können. In Heraus mit der Sprache nimmt Thalmayr "Deutsche, Österreicher, Schweizer und andere Aus- und Inländer" bei der Hand und führt sie mittels eines eleganten Parlandos mal richtig in ihrem Lieblingsthema herum. Eins macht er dabei ganz schnell klar: Wir sollten uns weniger aufregen und mehr staunen.

Immerhin hat unser Sorgenkind den Konjunktiv hervorgebracht

Die deutsche Sprache ist nur eine von mehr als 6000 Sprachen weltweit, die alle genauso wunderlich und wunderbar sind wie unser Sorgenkind. Da gibt es so einiges zu sehen im Kuriositätenkabinett, und man möchte vor Freude aufschreien, dass unsere Muttersprache es zum Beispiel zu so einem vertrackten, im internationalen Vergleich aber auch ganz schön ausgebufft dastehenden Konjunktiv gebracht hat, zu misogynen Schimpfwörtern wie "Brunzkachel" und zu grammatisch phantasievollen, aber eben auch ausdrucksstarken Dialekten und Idiomen, in denen man etwa "Ich gang go lädele" sagen kann, wenn man " einkaufen" meint.

Thalmayr weist darauf hin, wie klug der Fehler "Das giltet nicht" vom kindlichen Sprachanfänger konstruiert ist. Er macht komplizierte Grundideen der Linguistik anschaulich. Und er stellt Fragen, die man als Linguistikstudent vor lauter Staunen einfach nicht zu fragen wagte, zum Beispiel wie es Professor van Bulck einst gelungen sein mag, mehr als 600 Bantusprachen zu zählen.

Als Sprachwissenschaftler, so viel steht nach der Lektüre des Buches fest, scheint einem die Arbeit nie auszugehen, und Thalmayrs Buch muss - die schlechte Entlohnung in dieser Branche einmal außer Acht gelassen - unbedingt als lustmachende Einführung in das Studium der Linguistik angepriesen werden. Lesern, die ein solches bereits hinter sich haben, bietet sich ein nonchalanter Schnelldurchlauf durchs bekannte Terrain, wobei jedoch verdienten Linguisten eher von der Lektüre abgeraten werden sollte. Wer ein Leben lang Tausende von Exzerpten mit frühneuhochdeutschen Wortbelegen für ein Lexikon gesammelt oder sich gewissenhaft um eine Systematik der Modalverben bemüht hat, dem wird das "bisschen Deutsch", wie es bei Thalmayr spielerisch im Untertitel heißt, zu leichtfertig sein.

Wegen Rechtschreibreform und Denglish-Panik will der Autor sich nicht ereifern. Dass die Kapitel als "Runden" bezeichnet werden, rührt mitnichten vom Boxkampf her, sondern soll zeigen, dass er sich das Thema kontemplativ erwandert hat. Und wer einmal in Ruhe in alle Ecken der Sprachforschung hineingeleuchtet hat, für den relativiert sich vieles. Thalmayr mimt demonstrativ den Gelassenen. Das Werbeenglisch der Deutschen Bahn, eine streberhafte "Deppensprache", werde nur von einer verschwindenden Minderheit der Deutschsprechenden tatsächlich verwendet, Überfremdungsängste findet er daher nicht angebracht.

Der Autor posiert als harmloser Spaziergänger, der in der Sprache, sei sie nun gestrüppartiger Wildwuchs oder kunstvolle Gartenarchitektur, nur laienhaft seine Runden dreht, um bei der ein oder anderen Besonderheit ein bisschen stehen zu bleiben und zu gucken. Dabei entlarven bisweilen seine Kommentare die vorgebliche Gelassenheit. So kann er sich die wohlfeile Duden-Schelte ("Mannheimer Germanistenstadel") nicht verkneifen, bemängelt recht platitüdenhaft schlechte Methoden im Sprachunterricht und zieht sich, wenn es zu kompliziert wird, mit einem Witz aus der Affäre und wechselt das Thema.

Aus Andreas Thalmayr spricht die Arroganz des Könners

Es ist die Arroganz des Könners, die aus manchen Bemerkungen Thalmayrs spricht. Und nicht nur seine Gelassenheit ist aufgesetzt. Thalmayr trägt auch als Autor eine Maske, denn hinter dem Pseudonym verbirgt sich kein argloser Sprachspaziergänger, sondern der Dichter Hans Magnus Enzensberger. Vielen seiner Kommentare merkt man an, dass er nicht mit denen an der Front steht, die sich als Lehrer oder Korrekturleser, als stilistisch wenig versierte Bewerbungsschreiber oder als Ausländer abmühen müssen, es zu Texten zu bringen, die Leuten wie ihm nicht die Haare zu Berge stehen lassen.

Trotzdem ist es ein nettes Buch. Wenn man sich vorstellt, dass die Sprache tatsächlich wie ein Baum sei, dann hat Thalmayr all überall auf den Tannenspitzen bunte Wörter und sprachwissenschaftliche Kuriositäten sitzen sehen, die er, dem Leser zum Gefallen, in kurzweiliger und unterhaltsamer Weise darbietet. Er ergötzt sich an der unberechenbaren Vielgestalt der Sprache und möchte auch den Leser für diese Liebhaberei gewinnen. Bleiben wir also gelassen, und staunen wir, über "die Produktivität, aber auch das Kuddelmuddel unserer Sprache".

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