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„Insgeheim froh / nicht selbst getroffen zu sein“, heißt es in Birgit Kreipes Gedichtband „aire“ – hier eine markante Schnuppe im Perseiden-Schauer über West Virginia.
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„Insgeheim froh / nicht selbst getroffen zu sein“, heißt es in Birgit Kreipes Gedichtband „aire“ – hier eine markante Schnuppe im Perseiden-Schauer über West Virginia.

Lyrik

Birgit Kreipe: „aire“ – Kontinente, die durch mich hindurchgehen

  • VonDaniel Jurjew
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„Ich“ und noch jemand in befremdlichen Welten: Birgit Kreipes Gedichtband „aire“ gibt lohnende Rätsel auf.

Aire“ – der Titel von Birgit Kreipes Gedichtband mutet rätselhaft an; er erinnert an das englische Wort für Luft, kann im Spanischen Luft bedeuten und im Französischen Platz. Eine Vielschichtigkeit, die in „aire“ mit der Überschrift des letzten Zyklus noch einmal ins Auge springt: „notes on aire“. Darin geht es wiederholt um Meditation – bedeutet diese die Schaffung eines Raumes und dessen Auflösung in der Luft? „gleichgültig / ob sie vergangen sind oder zukunft: // berühre ich sie, lösen sich einzelne bilder / fallen.“

Der Band besteht größtenteils aus Zyklen, die – mal mehr, mal weniger konkret angekündigt – jeweils einen Mittelpunkt haben, etwa ein geographisches Gebiet (beispielsweise Lappland) oder ein Kunstwerk. Während dabei der Maler Gerhard Richter den meisten ein Begriff sein dürfte, gilt dies für die früh in den Freitod gegangene amerikanische Fotografin Francesca Woodman (1958–1981) eher nicht – in Kreipes Nachbemerkung nimmt uns die Autorin aber mit auf eine Begegnung mit Woodmans Spuren in Rom.

Ungefähr in der Mitte des Bandes steht der Zyklus „als es den trödelstern traf“ („mit Gerhard Richter, Faust“), und das im ganzen Band immer wieder auftauchende Weltraum-Motiv ist hier besonders präsent, in einer befremdlichen Welt, in der astronomische Phänomene, die Innenwelt eines „ich“ und ein diffus bleibendes, doch merklich involviertes „man“ in einer schillernden, nie genau zu bestimmenden Beziehung zueinander stehen. Der titelgebende „trödelstern“ wird „getroffen“ und scheint allmählich in einem „bösen, gleißend / bläulichen“ Licht zu vergehen, „lichtmilch“, „milch, die sog, das gegenteil von ernährung!“.

Das Buch

Birgit Kreipe: aire. Gedichte. Kookbooks Verlag, Berlin 2021. 80 Seiten, 19,90 Euro.

Das „man“ befindet sich auf einer Mission und bricht sie im letzten Gedicht des Zyklus ab, „insgeheim froh / nicht selbst getroffen zu sein“. Das „ich“, offenbar mit dem „man“ unterwegs, ist zu dem Schluss gekommen, „dass ich es war, die den trödelstern zerstört hatte“ – doch der „trödelstern“ und seine Verbindung zum „ich“ hören, soviel sei hier verraten, nicht auf, Rätsel aufzugeben.

In „lappland im winter / lappland im sommer“ geht es um eine Reise, die von Verweisen auf die skandinavische Mythologie begleitet wird – vor allem fällt der Urriese Ymir auf, den im Mythos die Götter getötet und aus dessen Körper sie die Welt gebaut haben; „ymir stirbt immerzu“ bei Kreipe. „die berge sind knochen / sein blut wird zu meer, sein geist zieht mit wolken.“ Der Akt von Tötung und Schöpfung aus dem Mythos wird also ins Immer-wieder-Gegenwärtige geholt, in „träume / die durch mich hindurchgehen, ymirs kinder, riesenhafte // verwaiste, sternklare, groß wie driftende kontinente“.

Auch das „ich“ des Zyklus wird in existenzielle Grenzsituationen gebracht: „die schwester trägt einen kühlen mundschutz. / sie wird die wahrheit wissen. […] jetzt spricht der mundschutz der wahrheit // seine dürren antworten aus. die minute rollt weiter / erblindet; und alle gedanken sinken und werden weiß // wie zu viel blutkörperchen, die formlose erste stunde / nach dem befund, morphinkristalle, schreckliche mengen schnee.“

Birgit Kreipe, 1964 in Hildesheim geboren, schafft in „aire“ aus vielfältigen Quellen neue, eindrückliche Räume (auch Klangräume – es sei jedem geraten, sich Gedichte daraus laut vorzulesen) und bringt diese in die Luft, die wir beim Lesen atmen.

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