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Biopiraten im Visier

Rund ein Viertel aller Medikamente beruhen oder beruhten bis zur synthetischen Herstellung von Wirkstoffen auf Heilpflanzen. Das machte diese Pflanzen

Von RUDOLF WALTHER

Rund ein Viertel aller Medikamente beruhen oder beruhten bis zur synthetischen Herstellung von Wirkstoffen auf Heilpflanzen. Das machte diese Pflanzen weltweit lukrativ für die Forschung, vor allem für Pharmakonzerne. Eine Arbeitsgruppe der "Bundeskoordination Internationalismus" (Buko) hat die rasante Entwicklung dargestellt, die sich auf dem Gebiet der Biopiraterie, das heißt der Patentierung und Privatisierung von Pflanzen, in jüngerer Zeit abgespielt hat.

Die Autoren betonen, dass nicht die Forschung das Problem ist, sondern die Konsequenzen der Vermarktung von Pflanzen für die Menschen in den armen Ländern und die Folgen für das ökologische Gleichgewicht. Insbesondere die Kontrolle über das Saatgut schafft neue, quasi-koloniale Abhängigkeiten. Die Subsistenzwirtschaft kleiner Bauern in Asien, Afrika und Südamerika werde dadurch zerstört.

Zwar gibt es seit Dezember 1993 eine UN-Biodiversitätskonvention, die bisher von 188 Staaten unterzeichnet wurde. Aber sie ist eine stumpfe Waffe. Artikel 4/1 erklärt Pflanzensorten und Tierrassen für nicht patentierbar. Schon der folgende Artikel hebt den Schutz nicht nur auf, "sondern erweitert sogar noch die Möglichkeit der Patentierung von Pflanzen und Tieren".

Obwohl beispielsweise die EU-Biopatente-Richtlinie nicht erlaubt, nur eine einzelne Orangensorte patentieren zu lassen, ist es prinzipiell möglich, alle Zitrusfrüchte mit einer bestimmten Eigenschaft mit einem Patent für die private Vermarktung zu schützen. Auch der menschliche Körper und seine Einzelteile sind nicht patentierbar, wohl aber einzelne Gensequenzen. Insgesamt bietet das Buch einen nützlichen Wegweiser durch das komplexe Gestrüpp von ökonomischen Interessen und ökologischen Gefahren.

Selbstkritische Bewegungen

Soziale Bewegungen und ihre entsprechenden politischen und sozialen Milieus hatten ihre große Zeit in den achtziger Jahren. Dann kamen Rückschläge. Ein Sammelband dokumentiert mit neun Beiträgen nicht nur, dass es soziale Bewegungen noch gibt, sondern erläutert auch die neuen organisatorischen und politischen Probleme, mit denen sich Anti-AKW-Bewegung, Pazifisten, Globalisierungskritiker und Hartz-Gegner konfrontiert sehen.

Es fällt auf, dass die meisten Autoren auch selbstkritisch auf Fehler hinweisen, die soziale Bewegungen begingen und sich damit isolierten oder lächerlich machten wie jene "Autonomen", die den Irak-Krieg befürworteten und sich im Namen der "Zivilisation" auf die Seite Bushs schlugen.

Die Beiträge von Rolf Engelke über die Bürgerinitiativbewegung gegen den hybriden Ausbau des Frankfurter Flughafens und von Reimar Paul über die AKW-Bewegung übertreffen alle andern. Beide ziehen eine zwiespältige Bilanz. Einerseits können sich diese Bewegungen Erfolge zurechnen - seit mehr als 30 Jahren sind keine neuen Kernkraftwerke gebaut worden. Andererseits konnte die Anti-AKW-Bewegung nicht verhindern, dass den Kraftwerkbetreibern noch mindestens 25 Jahre Betriebszeit zugesichert wird. Und dieser "Ausstieg" steht auf so wackligen Füßen wie das versprochene Nachtflugverbot der Flughafenbetreiber. Beides kann im Handstreich gekippt werden.

Buko (Hrsg.): Grüne Beute. Biopiraterie und Widerstand. Trotzdem Verlag, Frankfurt a. M. 2006, 160 Seiten, zwölf Euro.

Rolf Engelke/Thomas Klein/ Michael Wilk (Hrsg.): Soziale Bewegungen im globalisierten Kapitalismus. Bedingungen für emanzipative Politik zwischen Konfrontation und Anpassung. Trotzdem Verlag, Frankfurt a. M. 2006, 144 Seiten, zwölf Euro.

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