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Binnengewässers Bewusstseinsstrom

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Jeder darf in ihn hineinhüpfen, er selbst hingegen kann rein gar nichts unternehmen.
Jeder darf in ihn hineinhüpfen, er selbst hingegen kann rein gar nichts unternehmen. © Arnd Wiegmann/rtr

„Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen“: In den Erzählungen von Martin Lechner geht es drunter und drüber. Und als man ihm langsam auf die Schliche kommt, ist der Zauber schon wieder vorbei.

Was es nicht alles geben könnte. Und vermutlich gibt, nur merken wir es nicht. Mit folgendem spektakulären Anfangssatz, bisher wohl dem Anfangssatz des Jahres, beginnt Martin Lechners Erzählungsband „Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen“: „Wenn er nicht von diesem Koffer gehört hätte, der an seinem Ufer abgestellt worden war, ein Koffer mit einem Kopf darin, dann hätte er gar keine Hoffnung mehr gehabt.“ Denn wer meint, hier läge ein Bezugsfehler vor, wird eines Besseren belehrt, wenn er begreift, dass ein irritierend gut informierter Erzähler hier in der Tat die Perspektive des Sees einnimmt, eines Binnengewässers mit dem unverbindlichen Namen Schäfersee.

Der Bewusstseinsstrom des Schäfersees, ausgelöst, aufgeweckt sozusagen durch einen verdammten Zufall der Natur, wie sich später zeigt, ist lebhaft und etwas larmoyant. Man kann das nachvollziehen, denn: „Er konnte sich nicht bewegen. Nicht eine Welle, nicht einen Tropfen.“ Und: „Deshalb wünschte er sich zumindest ein paar Wasserleichen, ein paar Morde am Ufer, ein bisschen Gewalt, einfach Unterhaltung.“ Unter der schwarzen Oberfläche brodelt das Leben, Lechner hat das zu Ende gedacht in allen Facetten: Auch wie der See widerspiegelt, was an seinem Gestade so gequatscht wird. Auch dass der See ein eiskalter Kerl ist. Er weiß es nicht besser.

Nicht zuletzt hat man es hier mit einem Verwandten des bewusstseinserweiterten Eis zu tun, das in der Geschichte der diesjährigen Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo eine Rolle spielte. Die Objekte haben ihre Tücken, wie Leser schon seit Friedrich Theodor Vischers Klassiker „Auch einer“ wissen. Gegenwärtig fangen sie aber anscheinend auch zunehmend an zu reflektieren und mitzureden. Es kommt ebenso ein Duschvorhang zu Wort in einer nach Duschvorhangart recht schlappen, aber plausiblen Klage über die Vergänglichkeit. Oder eine schikanierte Puppe, die die Doppelbotschaften ihrer Besitzerin nicht mehr erträgt. „Die Stadt verlassen? Aber wie? Oder war die Natur am Ende noch gefährlicher?“

Ja, Martin Lechner scheut ihn nicht, den hohen Ton, der auf der Kippe zur Lachhaftigkeit balanciert, ohne herunterzufallen, jedenfalls nicht versehentlich. In seinem Debütroman ?Kleine Kassa?,der äußerst erstaunlichen Irrfahrt des jungen Georg Röhrs, hat er ihn 2014 bereits perfekt beherrscht. Die Prosa, teils Kürzestprosa in den „Weltmeertagen“ gibt ihm Gelegenheit, sein Interesse am Abwegigen ohne Kontextverpflichtungen weiter zu kultivieren und herrlich folgenlos zu variieren.

Keine Geschichte, in der man sich nicht neu orientieren, auf alles Mögliche einstellen müsste. Die Perspektive, die Ausgangssituation, die Relativität der Zeit. Vor allem die Relativität der Zeit, die sich allein im Satzbau, dem der reale Ablauf ja schlichtweg wurscht ist, unheimlich darbieten kann. „Am nächsten Morgen aß er einen Apfel, war pünktlich in der Schule und hatte sich mit Mitte dreißig so tief ins Unglück hineingelebt, dass er sich, und zwar mit einer allein für diesen Anlass gekauften Pistole, erschoss. Ach nein, die Kugel jagte ihm bloß durch die Frisur und er lebte noch Jahrzehnte dumm dahin.“

Zur Ruhe kommen. Oder lieber nicht

Ein Text kann sich ausführlich Platz dafür nehmen, jenes Gefühl schildern, „morgens am Haken zu hängen“. Er kann aber auch ein mögliches Leben durchrasen in wenigen Zeilen und dann auf dieses Leben dankend verzichten, so auf einer Postkarte aus Ozieri: „In Ozieri zur Ruhe kommen, zumindest ein paar Tage lang, oder eine Woche, ringsum das alles begrabende Grün, die Granitmassive, die schweigend ins Licht ragen, einkehren in diese bei Tage von allem Leben beraubte, abends mit einem Schlag laut jubelnde Stadt, dann doch ein paar Tage länger bleiben (…). Bis sie endlich, nach Jahrzehnten der Ehe und Arbeit, meine Todesanzeige plakatieren, wie es hier üblich ist, das, meine Liebe, will ich nicht, nein, ich will es nicht.“ Man merkt hier zwar schon, dass sich ein Kniff manchmal wiederholt, aber Lechner merkt es auch und setzt wieder ganz anders an.

Der Mensch in der Klemme interessiert ihn mindestens so sehr wie das Objekt in einer solchen. Ein Mann will so gerne zurück an die Arbeit, aber er darf nicht. Ein anderer muss im Büro einziehen, weil zu Hause ein sich verbreiternder Spalt den Zugang hindert, ein Szenario, das wunderbar unkafkaesk bleibt. Es ist eben so, es geschehen merkwürdige Dinge. Ein dritter verliert bei einem Missgeschick ein Ohr, kann es glücklicherweise aber wieder befestigen. Lechner mag es grausig, aber nur ein bisschen.

Natürlich sind das auch Fingerübungen auf sehr hohem Niveau, sprachliche Selbsttests, vielleicht auch einmal ein Liebesbrief darunter, wenn in „Nur eine Sandstrandgeschichte“ alles bloß schön ist. Manchmal hat der Erzähler keine Lust mehr. „Ach, jetzt habe ich keine Lust mehr, Tschüss!“ Hinreißend die Geschichten auf Kinofilme, für die man sich nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Erzählung informieren muss, um die Raffinesse und Ausgeflipptheit ganz erfassen zu können.

Und bevor man anfängt, die Zaubertricks zu durchschauen und das Unerwartete verwöhnt zu erwarten, ist der Band zu Ende. Und Lechner hängt noch ein paar schriftstellerische Lehrsätze an: „Anders als der Witz, der uns im Lachen verbindet, kennt der Irrwitz keinen Adressaten. Er verbindet auch nicht, sondern trennt.“ Und: „Alles einfach sagen. Und weiter nichts.“

Martin Lechner: Nach fünfhundertzwanzig Weltmeertagen. Erzählungen. Residenz, Salzburg/Wien 2016. 168 S., 19,90 Euro.

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