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Das bin ich

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Von: Arno Widmann

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Albrecht Dürer: Frauenbad, 1496, Federzeichnung (Ausschnitt).
Albrecht Dürer: Frauenbad, 1496, Federzeichnung (Ausschnitt). © Archiv der Autorin

Der unter seinen Kleidern herausgegrabene Mensch: Anne-Marie Bonnet lässt Leser und Betrachter über Albrecht Dürers Aktzeichnungen und die Konstruktion Nacktheit nachdenken.

Die 1954 in Freiburg im Breisgau geborene, in Marseille aufgewachsene Französin Anne-Marie Bonnet ist Professorin für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte in Bonn. In ihrem neuesten Buch zeigt sie uns den von der deutschen Kunstgeschichte gar zu lange als altdeutscher Meister gemalten Albrecht Dürer (1471-1528) als den Erfinder der Aktmalerei, und sie zeigt uns, auf wie vielen Wegen Dürer sich dem immer wieder genähert hat. Dürer ist nicht artiger Handwerker, sondern Avantgarde. Einer, der seine Auftraggeber zu beglücken weiß, aber auch eigene Ziele verfolgt.

Das Wagnis mit der Badefrau

So zum Beispiel die Darstellung des Nackten. Der Anfang von etwas, so ist es auch hier, ist nie die Sache selbst. Wenn wir an Aktmalerei denken, sehen wir einen Künstler und ein nacktes Modell. Das gibt es bei Dürer nicht. Anne-Marie Bonnet schreibt: „Dürer hat gewiss zahlreiche Teilaktstudien gezeichnet, doch das einzige Modell, das er – nach dem Wagnis mit der Badefrau – je als Ganzfigur erfasste, war er selbst.“ Der großzügig ausgestattete Band erlaubt einem einen Blick auf die „Badefrau“, eine Federzeichnung von 1493 und man fragt sich, warum ausgerechnet diese einigermaßen ungelenke Zeichnung eine nach der Natur sein soll, während die zahlreichen Rückenakte, auch der auf venezianischem Papier aus dem Jahre 1506 aus dem Berliner Kupferstichkabinett, – wahrscheinlich zu Recht – als Konstruktionen betrachtet werden. Ganz abgesehen davon, dass das kokette Lächeln der „Badefrau“, das Anne-Marie Bonnet so gefällt, nirgend sonst auftritt.

Ich wüsste gerne Genaueres über die Herkunft dieses Blattes. Adam und Eva, die beiden monumentalen – mehr als zwei Meter hoch – Nacktfiguren, die heute im Prado hängen, sind nicht, wie der ungeschulte Betrachter zu glauben neigt, nach der Natur gemalt. Es gab keine Frau, die nackt vor Dürer im Atelier stand und er malte sie ab. Auch keinen Adam. Es sind Konstruktionen, die sich an antike Darstellungen von Apoll und Venus anlehnen. Vor allem aber sind es Versuche, das macht Bonnet sehr deutlich, ein neues Menschenbild zu schaffen.

Zu dem gehört die Nacktheit. Sie ist Dürer wichtig. Immer wieder hat er Nackte skizziert. Aber nicht wie Degas nach einem Modell, sondern er hat sie konstruiert. Das Nackte mag das Natürliche sein, aber das Natürliche liegt nicht einfach vor einem. Man muss es herausarbeiten aus antiken Vorbildern, es ausgraben unter den Kleidern. Bei seinen weiblichen Rückenansichten fällt der hohe Po auf. Das hat, glaube ich, genau hierin seinen Grund. Er sah Frauen in langen Gewändern, in Schuhen mit hohen Absätzen. Wenn er sie nackt malte, standen sie jetzt zwar mit flachen Füßen auf der Erde, aber ihre Pos waren noch oben, wohin die Absätze sie gebracht hatten. Man kann das sehr schön auf einer Zeichnung von 1510 sehen, auf der Adam und Eva als ein einander umarmendes Liebespaar durchs Paradies gehen. Eine scheinbar intim beobachtete Szene, die aber ganz und gar konstruiert ist.

Revolutionär: Das Selbstporträt als Akt

Völlig anders und eine wirkliche Revolution ist das 1503 entstandene Selbstporträt als Akt. Eine Feder- und Pinselzeichnung auf grün grundiertem Papier. Sie befindet sich heute in der Anna Amalia Bibliothek. Die etwas eigentümliche, unnatürlich wirkende Haltung – die Position der Beine passt nicht zu der des Oberkörpers – erklärt sich wohl dadurch, dass Dürer kein großer Spiegel zur Verfügung stand. Dieser von den Knien bis zum in einem Netz untergebrachten Haar Frontalakt wurde aus Einzelansichten zusammengesetzt. Es ist der Körper eines schlanken, muskulösen, erwachsenen Mannes. Dürer hat dem Gesicht nicht mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem Geschlechtsteil. Der Blick scheint uns zugewandt. Aber es ist der Blick in den Spiegel, mit dem der Maler sich selbst betrachtet.

Bonnet schreibt, Dürer präsentiere sich „nackt, wie Gott ihn schuf“. Das ist umgangssprachlich richtig. Aber ich glaube nicht, dass der Akzent darauf liegt: Sehet, so hat mich Gott geschaffen. Es ist mehr das: Das bin ich. Ich sehe mich, wie ich bin. Es ist mir gelungen, mich zu sehen und zu zeigen, wie ich bin. Es geht nicht um Gott, nicht einmal um den Menschen, sondern ums Ich. Ein künstlerisches Ich, das hinter die Fassaden der Konventionen schauen kann, das uns vor allem zeigen kann, wie es dahinter aussieht. Wirklich gelingt das, wenn es denn überhaupt jemals gelingt, nur mit dem eigenen Ich.

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