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Auch dieses Werbeplakat der US-Navy liefert Stoff für die "Bildtheorie".
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Auch dieses Werbeplakat der US-Navy liefert Stoff für die "Bildtheorie".

W. J. T. Mitchell

Was uns die Bilder wirklich sagen

Dass über den gewöhnlichen Mediennutzer täglich eine Bilderflut hereinbricht, zählt zu den Gewissheiten der Zeit. W. J. T. Mitchell analysiert diese Flut - seine "Bildtheorie." ist nun endlich auch auf Deutsch erhältlich.

Von MARIO SCALLA

Dass über den gewöhnlichen Mediennutzer täglich eine Bilderflut hereinbricht, zählt zu den Gewissheiten der Zeit. Mehrstündig starrt er auf unterschiedliche Bildschirme, Fotos, Plakate, Werbestrecken betteln inständig um Beachtung - nicht zu vergessen jene Bilder, die nicht bereits vorab gerahmt sind, sondern die das Bewusstsein sich selber zurechtlegen, mit einem "Rahmen", also mit Bedeutung versehen muss: Natur zum Beispiel.

Umstritten hingegen ist die Beantwortung der Frage, wie der kritische Zeitgenosse mit dieser Flut verfahren soll, ob er, um im Bild zu bleiben, am besten Deiche bauen sollte, um der Unmenge Herr zu werden, oder besser das tückische Element kanalisiert, kontrolliert sich verzweigen lässt und fruchtbringend nutzt. Der amerikanische Bildwissenschaftler W.J.T. Mitchell fordert schon seit längerem "eine globale Kritik der visuellen Kultur". Sie müsse auf "anarchistische" Weise interdisziplinär sein, populäre Bilder wie Kunstwerke, mentale und materielle Bilder umfassen und dabei stets den allzeit möglichen "Mehrwert von Bildern" bedenken.

Mitchell begann Mitte der achtziger Jahre, sein theoretisch avanciertes Programm zu entwerfen, zuerst in dem Buch "Iconology, Image, Text, Ideology", zuletzt in "What Do Pictures Want?". Auf Konferenzen in Wien oder im ZKM in Karlsruhe trug er Teile seiner Essays vor und diskutierte sie, durchaus kontrovers, mit prominenten deutschen Bildwissenschaftlern wie Hans Belting oder Gottfried Boehm. Allein die fehlende Übersetzung seiner Bücher verhinderte eine über Fachkreise hinausgehende Rezeption; lediglich in Fachpublikationen erschienen verstreut einige Arbeiten. Wenn jetzt endlich eine Auswahl seiner zentralen Texte herauskommt, dürfte das einen beträchtlichen theoretischen Mehrwert generieren.

Anders als die philologischen, bildwissenschaftlichen oder im engeren Sinn kunsthistorischen Untersuchungen seiner deutschen Kollegen wie Hans Belting oder Horst Bredekamp sind Mitchells Überlegungen an der (post-)strukturalistischen Literaturtheorie geschult. Als Linker zählt er, wie er in dem in diesem Band abgedruckten Interview mit Edward Said bekennt, zu einer aussterbenden Spezies (über Dinosaurier hat er auch ein Buch geschrieben).

Der viel zitierte Begriff des "Pictorial Turn" geht auf Mitchell zurück; aber mit diesem Begriff reiht er sich gerade nicht in die Phalanx all jener ein, die einer textzentrierten europäischen Kultur eine bildzentrierte globale Postmoderne folgen sehen. Mitchell entwickelt eine komplexere Argumentation. In seinem immer noch inspirierenden wie grundlegenden Essay "Was ist ein Bild?" von 1984 sammelt er, was alles an Bildern existiert: Es gibt optische (Spiegel, Projektionen), graphische (Gemälde, Statuen), geistige (von Träumen bis zu Ideen oder Erinnerungen), perzeptuelle (auf Sinnesdaten gründende) und sprachliche (Metaphern, Beschreibungen) Bilder. Bereits diese Aufzählung ist gegen die Puristen gerichtet, die meinen, es könne etwas geben, das ausschließlich Sprache oder nur Bild ist.

Noch hat es kein Kunsthistoriker unternommen, alle Gemälde zu zählen, die mit der Inschrift "Ohne Titel" herausgekommen sind - die Zahl dürfte in die Hunderte gehen. Wie viele es auch sein mögen: Diese Sprachverweigerung ist natürlich sprachlich und einer von vielen Belegen dafür, dass Bilder und Worte nur zusammen vorkommen. Selbst wer in aller Unschuld auf eine Landschaft blickt, wird nicht von dem, was über andere Landschaften oder das Naturschöne zuvor gesprochen oder gelesen wurde, abstrahieren können. Ebenso verhält es sich mit der Sprache: An ihrem Grund lagern Metaphern, visuelle Einflüsse, so dass sich noch im trockensten Jargon Spurenelemente von Bild-Eindrücken nachweisen lassen.

Um die kulturellen "Bild/Texte" verstehen und interpretieren zu können, mag Mitchell, und auch das unterscheidet ihn von den deutschen Bildwissenschaftlern, nicht auf eine - nur scheinbar unzeitgemäße - modernisierte Ideologietheorie verzichten. Mit seiner "kritischen Ikonologie" kann Mitchell Bilder von Velásquez, Karikaturen aus dem Mad-Magazin oder Plakate wie "Uncle Sam needs you" kombinieren und kommentieren, und am Ende kommen wir einer der großen Fragen der Zeit näher: "Was wollen Bilder nun?"

W.J.T. Mitchell: Bildtheorie.

Hg. v. Gustav Frank. Übers. v. Heinz Jatho u.a.

Suhrkamp Verlag 2008, 497 Seiten, 32,80 Euro.

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