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Bilder, die den Augenblick festhalten

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Von: Arno Widmann

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Jane und Serge 1969.
Jane und Serge 1969. © Andrew Birkin

Jane Birkin und Serge Gainsbourg – in einem Fotoalbum von Bruder Andrew Birkin.

Der Band ist unpaginiert. Wir können uns also nicht mailen, ob uns das Foto, das Jane Birkin auf einer Bettkante sitzend mit einer Kamera in der Hand auf Seite X uns am besten gefällt oder das neben ihrem Vater. Die Aufnahme, die Serge Gainsbourg (1928 – 1991) zeigt, wie er – Jane Birkins Tochter Kate unter den Arm geklemmt –, mit weit aufgerissenen Augen hinter irgendetwas her oder vor irgendetwas davon rennt, ist großartig. Eine Parodie auf den deutschen expressionistischen Film. Vor allem aber einfach ein riesiger Spaß.

Natürlich sind die 176 Seiten unpaginiert. Das Buch ist schließlich die perfekte Kopie eines Familienalbums. Dazu gehört auch, dass nicht alle Fotos schön säuberlich in dem Buch abgedruckt sind. Manche liegen dem Band lose bei, wurden wie das bei Fotoalben so ist, dazu gestopft. Das Album ist voll, man kann sie nicht mehr einkleben. Ebenso selbstverständlich sind die Aufnahmen nicht beschriftet.

Ehe die Dia-Zeit kam

Mein Vater war einer der wenigen Menschen, die ein ordentlich beschriftetes Fotoalbum angelegt hatten. Dann kam die Dia-Zeit und mit dieser Herrlichkeit war Schluss. Das Album stammt von Jane Birkins ein Jahr älterem Bruder Andrew Birkin (geboren 1945). Er ist Drehbuchautor – unter anderem von „Der Name der Rose“ und „Das Parfüm“ – und Regisseur: „Salz auf unserer Haut“ und „Der Zementgarten“, Preis für die beste Regie bei der Berlinale 1993.

Die Aufnahmen Andrew Birkins stammen aus den Jahren 1963 bis 1979. Alles Familienfotos. Das ist ihr Reiz. Sie sind keine Versuche in Kunst. Sie halten den Augenblick fest, in dem Jane Birkin Abschied von dem Haus und dem Himmelbett in der Cheyne Rowe nimmt oder sie zeigen einmal den übermütigen Serge und dann wieder – viel seltener – den todtraurigen. Die Kate, die er auf dem einen Foto unter den Arm klemmt, hatte Jane Birkin aus ihrer Beziehung zum Filmmusik-Komponisten John Barry (1933-2011), 1986 Oscar für die Musik zu „Jenseits von Afrika“, mitgebracht. Sie wurde eine berühmte Modefotografin, die im vergangenen Dezember 46-jährig aus dem Fenster ihres Pariser Appartements stürzte.

Wie bei jedem Familienalbum leben auch hier die Bilder nicht von allein. Sie sind angewiesen auf die Geschichten, die wir uns zu ihnen erzählen. Das tut ein kleines Heft, in dem Andrew Birkin über sich, Serge und Jane, seine Eltern und die Kinder berichtet. Aber so schön es zu lesen ist, man beginnt auch im Internet nachzuschlagen und selbstverständlich geht man auch auf Youtube und hört sich „Je t’aime“ gleich in mehreren Versionen an. Bis die Kollegen aus den Nachbarzimmern kommen und lachend Anstoß nehmen. Auf einem Foto erkennt man, dass Jane Birkin sich seit 1953 nicht verändert hat. Es ist eine Aufnahme, die sie, ihren Bruder Andrew und ihre Schwester Linda zeigt. Andrew scheibt zu diesem Foto: „Mit unserer vier Jahre jüngeren Schwester Linda, mit der wir oft nicht spielen wollten. ‚Lasst Linda mitspielen‘, riefen unsere Eltern dauernd. ‚Es können aber nur zwei spielen‘, erwiderte ich dann. ‚Wer sagt das?‘ – ‚So sind die Regeln.‘ Woraufhin unser Vater stets antwortete ‚Dann ändert die Regeln‘.“

Die Konstellation ist, kennt man die Geschichte dazu, auf dem Foto deutlich zu erkennen. Aber eben nur dann. Wir lesen Andrews Erläuterung, betrachten das Foto und uns dämmert: das Boot ist oft schon voll, bevor auch nur die eigene Familie darin Platz genommen hat. Der erste Ausländer unseres Lebens kann das jüngere Geschwister sein.

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