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Studiofotografie für auswärtige Gäste: „Japanisches Mädchen mit einem Baby“, 1904.
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Studiofotografie für auswärtige Gäste: „Japanisches Mädchen mit einem Baby“, 1904.

Japan

Bildbände über Japan: Und verwaschen rosafarben leuchten die Kirschblüten

  • VonMartin Oehlen
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Fabelhafte Bildbände geben pünktlich zu den Olympischen Spielen Einblicke ins japanische Leben – untrennbar von dem, was sich der europäische Gast darunter vorstellte.

Japan lädt – wie man so sagt – die Jugend der Welt ein. Und der Taschen Verlag steigt mit vier opulenten Bildbänden ein, die sich der Kultur des Landes widmen. Jedes Werk ist dreisprachig angelegt, hochwertig in der Gestaltung und jeweils auf seine Weise: ein Erlebnis.

Hokusai, 1760 in Edo (dem heutigen Tokio) geboren und 1849 gestorben, begann erst 70-jährig mit seiner grandiosen Fuji-Serie. Die „36 Ansichten vom Berg Fuji“ – tatsächlich sind es dann 46 geworden – gelten unter seinen rund 3000 Werken als die berühmtesten. Zumal sich darunter auch „Die große Welle“ befindet. Bei der Darstellung von drei schmalen Booten, auf die eine schäumende Monsterwelle zurollt, handelt es sich nach Ansicht von Andreas Marks um „das bekannteste japanische Kunstwerk der Welt – selbst bei denen, deren Kunstinteresse bereits vor dem Namen des Künstlers endet.“

Detailliert präsentiert der Leiter der Abteilung für japanische und koreanische Kunst am Minneapolis Institute of Art die Darstellungen, die Japans höchste Erhebung aus allen möglichen Himmelsrichtungen zeigen. Dabei beeindruckt der Vulkan nicht nur als formvollendete Schönheit, sondern auch als Ort der Harmonie und des Friedens – ganz gegen seine eruptive Natur. Im Jahr 2013 wurde er wegen seiner religiösen Bedeutung und seiner Inspiration für die Künste zum Weltkulturerbe (und nicht Weltnaturerbe) der Unesco erklärt.

Das Fuji-Projekt gilt als „revolutionär“, weil die dafür „konzipierten Druckvorlagen die Landschaft zum allerersten Mal nicht einer menschlichen Aktivität unterordneten.“ Die Natur ist der Star. Deshalb wird der Fuji gerne mal als Bild im Bild gerahmt – etwa von einem Fass ohne Boden, an dem gerade ein Böttcher Hand anlegt. Auch neigt Hokusai dazu, die Kegelform des Bergs im Bildvordergrund aufzugreifen – in Gestalt eines Tempeldaches, eines Holzgerüsts oder von herabhängenden Zügeln eines Pferdes.

Zugleich erfahren wir viel über die Menschen im alten Japan. Da erfreuen promenierende Samurais, sturmgebeutelte Wanderer mit wegflatternden Hüten und Papieren, Stadtansichten und immer wieder eifrige Arbeiter. Nur Sportler, die findet man nicht auf diesen Bildern.

Marks liefert einen souveränen Einblick in dieses urjapanische Meisterwerk. Eine Karte zeigt die Standorte auf, von denen aus der Berg in den Fokus gerückt wird – wenngleich Hokusai nicht all diese Stätten aufgesucht hat. Vielmehr schöpfte er auch aus früheren Arbeiten und machte Anleihen bei anderen. Weiter gibt es Hinweise auf die japanische Gegenwart. Exemplarisch die Erläuterung zur ersten Tafel: „Die Ansicht zeigt das in der heutigen Präfektur Kanagawa gelegene Shichirigahama, das sich in jüngerer Zeit zum ganzjährigen Mekka für Surfer entwickelt hat.“ Shichirigahama bedeute „Sieben-ri-Strand“, was nahelege, dass dieser Küstenabschnitt sieben ri oder rund 27 Kilometer lang sei – in Wahrheit müsse sich der Gast freilich mit einem Zehntel davon begnügen.

Es ist ein großer Vorzug dieser Veröffentlichung, die wahrlich nicht die erste zum Ruhme Hokusais ist, dass sie den Varianten viel Raum gewährt. Während des Druckvorgangs, lesen wir bei Marks, unterliegen die Holzstöcke einem natürlichen Verschleiß, der sich im Druckbild zeigt: „Meist führt die Beschädigung dazu, dass hier und da eine Linie fehlt, doch in manchen Fällen traf es ganze Bereiche, die vom Holzschneider zu ersetzen waren.“ Außerdem werden zuweilen die Farben und Linien aus ästhetischen Gründen variiert: Da wechseln Hügel von Blau zu Grün, verlieren Wellen ihre dichte Folge. Der Herausgeber hat aus 2403 Abzügen in 119 Sammlungen die seiner Ansicht nach „gelungensten“ ausgewählt.

***

Es war einmal: Zwischen 1912 und 1948 warteten die Olympischen Spiele sogar mit Kunstwettbewerben auf. Da ging man in den Disziplinen Architektur, Literatur, Musik, Malerei und Bildhauerei an den Start. Doch dann stellte sich heraus, dass ein Höher-Schneller-Weiter in den Künsten nicht so leicht zu messen ist wie beim Stabhochsprung.

Als Alternative schreibt die Olympische Charta seitdem ein Kulturprogramm vor. Die Regel 39 besagt: „Das Olympische Komitee organisiert ein Programm kultureller Veranstaltungen, das mindestens den gesamten Zeitraum abdecken muss, während dessen das Olympische Dorf geöffnet ist.“ Aktuell erwähnt Tokios offizielle Olympia-Seite die Einrichtung einer „Agora“ (als Ort des kulturellen Austauschs) und eine Plakatposter-Serie (mit einer Liste der Verkaufsstellen). Eine Ausstellung mit frühen Fotografien passte in so ein Kulturprogramm ganz gut hinein. Zumal die mehr als 700 Vintage-Abzüge, die Sebastian Dobson und Sabine Arqué in „Japan 1900“ versammeln, aus der Zeit der Öffnung des Inselreiches stammen.

Lange Zeit hatte sich das Shogunat vollkommen abgeschottet. Das änderte sich mit dem endgültigen Sturz der alten Ordnung im Jahre 1868 und der Regentschaft von Kaiser Meiji. Seine Ära sorgte für Frischluft auf vielen Gebieten. Der Tenno starb 1912, als Japan das erste Mal an den Olympischen Spielen der Neuzeit teilnahm – zwei Athleten waren in Stockholm dabei.

Zu Japans Modernisierung in der Meiji-Zeit gehörte, dass sich das Land dem Tourismus öffnete. Der Hafen von Yokohama war das Tor für die Gäste aus aller Welt. Wurden zunächst nur Pässe für vorab festgelegte Städte ausgegeben, durften die Reisenden ab 1894 frei umherstreifen – soweit es die Infrastruktur zuließ.

Die Bücher:

Alle Bände sind bei Taschen erschienen, jeweils in dreisprachigen Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch.

Andreas Marks: Hokusai. 36 Ansichten vom Berg Fuji. 224 S., 125 Euro.
Sebastian Dobson /Sabine Arqué: Japan 1900. 536 Seiten, 150 Euro.
Philip Jodidio: Contemporary Japanese Architecture. 448 Seiten, 60 Euro.
Philip Jodidio: Kuma. Complete Works 1988 – Today. 460 Seiten, 150 Euro.

Die Fotografien stehen mit dieser Entwicklung in direktem Zusammenhang. Denn die Reisenden dürsteten nach Souvenirs des traditionellen, dem ihrer Auffassung nach typischen Japan. So kam es zur Gründung von Fotostudios, zumeist in der Nähe der wenigen Hotels im westlichen Stil gelegen, die mit ihren Aufnahmen diesem Bedürfnis entsprachen. Die Namen der Fotografen bekunden eine west-fernöstliche Allianz. Shima Shukichi, Felice Beato, Baron Raimund von Stillfried, Adolfo Farsari und Kusakabe Kimbei werden als Pioniere genannt.

Eine Besonderheit der Studios war, dass in ihnen Alltagsszenen nachgestellt wurden, die überhaupt nicht so tun wollten, als stünde die Rikscha am Straßenrand oder der Gemüsestand auf einem Markt. Dobson und Arqué versichern, dass der Mangel an Authentizität nicht als Nachteil empfunden wurde, vielmehr war es das Ziel, den Alltag wie in einer Theateraufführung in Szene zu setzen. Die Aufnahmen wurden recht offensiv per Hand koloriert. Zahlreiche Fotos lassen den Himmel in wolkenfreiem Hellblau und die Kirschblüte in verwaschenem Rosa leuchten.

Die Mehrzahl der Aufnahmen, die diesen neuen Band der „1900“-Reihe schmücken, sind allerdings jenseits der Studios entstanden. Als wären wir selbst auf Zeitreise, geht es einmal quer durchs Land: Vom schönen Kyushu im Westen über Kobe, Osaka, Kyoto, Yokohama und Tokio bis zu den Ainu, den Ureinwohnern im Norden. Selbstverständlich ist auch der Fuji ein beliebtes Motiv. Den heiligen Berg zu besteigen, galt in Japan ehedem als Ehrensache. Auch manch ein Tourist sah sich herausgefordert. Dass dies kein leichter Spaziergang war, bezeugt das Sprichwort: „Wer einmal auf den Berg Fuji steigt, ist weise. Wer ihn zweimal besteigt, ist ein Narr.“ (Die englische und französische Übersetzung des Bandes verzichtet auf die Vokabel „weise“; dort ist „a fool“ beziehungsweise „un idiot“, wer niemals den Fuji bestiegen habe – und wer es zweimal tue, sei es eben auch.)

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Wo sich Olympisches ereignet, da wird investiert. Das neue Nationalstadion in Tokio, das mit dominanten Holzelementen und luftigen Dächern imponiert, hat Kengo Kuma entworfen. Damit schließt sich ein Kreis. Zwar wollte Kuma, 1954 in Yokohama geboren, zunächst Tierarzt werden, weil er Katzen so sehr mochte. Doch dann zeigte ihm sein Vater während der Olympischen Spiele von 1964 in Tokio die Nationale Sporthalle Yoyogi. Das änderte das Lebensziel des Zehnjährigen: Fortan wollte er ein Architekt werden wie Kenzo Tange. Doch von all dem Stahl und Beton, den das Vorbild verarbeitet hatte, wandte sich Kuma schon bald ab. Was dabei herausgekommen ist, zeigt der Bildband „Kuma“, der das Gesamtwerk vor Augen führt.

Kuma plädiert darin für traditionelle Materialien, die den Menschen nicht von der Natur trennen, wie er sagt, sondern eine Verbindung ermöglichen. So arbeitet er vor allem mit Holz, das er zu faszinierenden Konstruktionen nutzt, aber auch mit Papier und Stroh – beispielsweise beim Marktgebäude für den Bergort Yusuhara, dessen Häuser einst strohgedeckt waren. Nicht Glätte dominiert, sondern eine aufgebrochene Struktur. Bei Kuma wird der Mensch keineswegs überwältigt von Masse und Höhe, sondern angelockt auf naturnahe und zuweilen spielerische Weise. So auch beim Mehrzweckgebäude „The Exchange“ in Sydney, dessen Fassade von Holzbändern locker-schwungvoll umgarnt wird.

Es ist ein Genuss, dieses variantenreiche Potpourri der architektonischen Behutsamkeit derart komprimiert besichtigen zu können. Am Ende wundert man sich dann auch nicht mehr über die intensive Eloge, mit der Philip Jodidio in das Werk einführt.

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Kengo Kumas Bekenntnis zu Natur und Überlieferung ist ein Paradebeispiel für das Motto, das Philip Jodidio für die gesamte zeitgenössische Architektur des Landes ausgibt: „Modern durch Tradition“. Der Bildband „Contemporary Japanese Architecture“ stellt 55 neue Gebäude in kurzen Texten und famosen Aufnahmen vor. Alphabetisch geht es voran – von Hitoshi Abes geschwungener Gedenkhalle (2017) bis zu Makoto Takeis Helix House (2015), das auf Stelzen steht und im Hohlraum unter dem Estrich einen Sandkasten nebst Kinderschaukel untergebracht hat.

Gerade die schmalen Privathäuser, die auf das knappe Bauland reagieren sowie auf die Tatsache, dass sich zwei Gebäude nicht eine tragende Wand teilen dürfen, sind von Reiz. Gerne möchte man dabei Jodidios Einschätzung vertrauen, dass Japaner „an beengte Verhältnisse gewöhnt“ seien. Auffallender sind selbstverständlich die öffentlichen Bauten – wie das Hokusai-Museum (2016) von Kazuyo Sejima, einer der wenigen Architektinnen in diesem Überblick.

Der macht deutlich: Japans Architekturszene ist originell und erfolgreich. Ein Beleg dafür sind auch die sieben Pritzker-Preisträger, die das Land seit 1987 vermelden konnte. Darunter Tadao Ando, der berühmteste Architekt der japanischen Gegenwart. Er ist mit zwei Bauten in dem Band vertreten – mit dem effektvollen Shanghai Poly Theater (2014) und dem Anno Mitsumasa Kunstmuseum (2017), das sich bescheiden in die Naturlandschaft schmiegt.

Doch nicht nur die Naturnähe prägt nach Jodidios Beobachtung die zeitgenössische Architektur in Japan. Auch werde heute „anders als früher“ – gemeint sind zumal die 1960er Jahre – „eher klein, umweltverträglich und kostengünstig gebaut“. Architekten reagierten auf die räumliche Verdichtung, die zunehmend älter werdende Gesellschaft und die wirtschaftliche Stagnation. Schließlich werde in dem Bewusstsein gebaut, dass ein Erdbeben jederzeit möglich sei. Was Jodidio zu dem Schluss bringt: „Nichts ist gewiss in Japan – nur die Veränderung.“

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