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Eine Scanfachkraft digitalisiert das Inhaltsverzeichnis eines Buches in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig.

Deutsche Nationalbibliothek

Bibliotheks-Chef Frank Scholze: „Diese Pandemie ist ein Digital-Beschleuniger“

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Frank Scholze, Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, über sein Haus als Begegnungsraum und langfristige Pläne für eine Erweiterung.

Frank Scholze, 1968 in Stuttgart geboren, ist seit Jahreswechsel Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek. Damit ist er der Nachfolger von Elisabeth Niggemann. 

Herr Scholze, nicht lange nach Antritt Ihres Amtes sind Sie von der Corona-Pandemie gleichsam überrollt worden. Sie waren ja mit dem Anspruch gekommen, den digitalen Auftritt der Deutschen Nationalbibliothek weiter auszubauen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Pandemie in dieser Hinsicht eine zusätzliche Dynamik mit sich gebracht hat.

In der Tat: Diese Pandemie ist ein Digital-Beschleuniger. Am 16. März mussten wir unsere Häuser in Frankfurt am Main und Leipzig für das Publikum schließen. Noch am gleichen Tag sind viele Mitarbeiter ins Homeoffice gewechselt. 54 Prozent von ihnen waren schon entsprechend ausgestattet, inzwischen haben wir diese Quote auf rund 75 Prozent gesteigert. Tatsächlich müssen wir auf Dauer, so denke ich, eine neue Balance finden zwischen Homeoffice und der Arbeit vor Ort in den Häusern.

Wie viele Menschen arbeiten in den beiden Bibliotheken in Frankfurt am Main und Leipzig?

Es sind rund 700, die etwas größere Zahl davon in Frankfurt. Wir werden natürlich niemals auf 100 Prozent Homeoffice kommen. Dazu sind wir viel zu sehr eine physische Bibliothek, viel mehr als andere. Wir sind aufgrund des Gesetzes über die Deutsche Nationalbibliothek und des Urheberrechts verpflichtet, unsere Medien grundsätzlich nur vor Ort zur Verfügung zu stellen. Dabei geht Sicherheit vor Bequemlichkeit. Wir ergreifen Schutzmaßnahmen auch für digitale Dokumente. Der weitaus größte Teil unserer Dokumente ist nicht frei zugänglich. Auf etwa 1,4 Millionen digitale Dokumente gibt es allerdings freien Zugriff, weil die entsprechenden Lizenzbedingungen dies zulassen.

Aber die Digitalisierung schreitet ja rasant fort. Provokant gefragt: Braucht es noch die großen Lesesäle in Frankfurt und Leipzig?

Frank Scholze ist der Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek. 

Diese Frage stellt sich nicht. Als Deutsche Nationalbibliothek sind wir das kulturelle Gedächtnis der Nation. Und wir wollen ein aktives Gedächtnis sein. Es ist schon immer darüber diskutiert worden, welche Rolle eigentlich der persönliche Besuch in einer Bibliothek spielt. Das ist ein Riesenthema. Tatsächlich sind die Lesesäle der Bibliotheken in den zurückliegenden Jahren trotz fortschreitender Digitalisierung immer voller geworden. Dafür gibt es viele Erklärungsversuche. Fest steht: Bibliotheken sind Kommunikationsräume und Begegnungsorte. Wir alle sind physische Wesen und wollen uns begegnen. Eine Studie hat zum Beispiel ermittelt, dass Studierende auch deshalb gerne Bibliotheken aufsuchen, weil sie die konzentrierte Lernatmosphäre schätzen. Ich glaube, dass die physische Präsenz als ein Wesenskern der Bibliotheken bleiben wird.

Obwohl die Dominanz des Internets immer mehr zunimmt.

Aber das Internet ist kein kuratierter Ort. Frei nach Forrest Gump: The Internet is like a box of chocolate. You never know what you are going to get. Also ein buntes Durcheinander, in das ich einfach hineingreifen kann.

Sie sagten, die Corona-Pandemie wirke als Digital-Beschleuniger. Was wird sich ändern?

Nun, die Vermittlung wird immer digitaler, und die Datenmengen nehmen immer weiter zu. Sie sind immer schwerer vom Einzelnen manuell zu bewältigen. Schauen sie alleine, wie viele Pre-Prints und Dokumente zu Corona erscheinen. Das wird sich in Zukunft weiter steigern.

Die Deutsche Nationalbibliothek legt ja auch großen Wert auf Ausstellungen. Es gibt etwa in Frankfurt die sehr sehenswerte Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs, „Exil, Erfahrung und Zeugnis“, und es gibt wichtige Sonderausstellungen. Werden Sie das weiter ausbauen?

Zur Info

Die Deutsche Nationalbibliothek hat zwei Standorte: Leipzig (ehemals Deutsche Bücherei, seit 2010 auch Deutsches Musikarchiv) und Frankfurt (ehemals Deutsche Bibliothek). Am Montag öffnen beide Standorte wieder, Terminreservierung notwendig. Infos unter www.dnb.de

Ein klares Ja dazu. Das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 und andere Sammlungen bieten wichtige Diskussions- und Begegnungsräume.

Wie steht es um den physischen Ausbau der Deutschen Nationalbibliothek? Das wird ja ein wichtiges Thema Ihrer Amtszeit sein.

Das ist richtig. Am Standort Leipzig haben wir den vierten Erweiterungsbau ja im Jahre 2011 eingeweiht. Wir stellen dort bereits erste Überlegungen für die fünfte Erweiterung an. In Frankfurt gibt es ein Erweiterungsgrundstück auf der anderen Seite der Adickesallee, auf dem heute eine Tankstelle untergebracht ist. Dort wollen wir gerne im Zuge einer neuen Campusmeile gemeinsam mit der Goethe-Universität, der University of Applied Sciences und der privaten Frankfurt School of Finance & Management ein Lern- und Forschungsservice-Zentrum aufbauen, das auch für Veranstaltungen genutzt werden kann. Das soll rasch geschehen, innerhalb der nächsten Jahre. Die langfristige Perspektive ist dann, auf diesem Grundstück einen Frankfurter Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek zu errichten. Spätestens im Jahre 2050 werden wir neue Magazinflächen brauchen, bis dahin wird sich auch die Campusmeile andernorts weiter entwickelt haben.

Werden Sie von der Stadt Frankfurt dabei unterstützt?

Ja. Die Stadt sieht das positiv. Wir hatten sehr gute Gespräche mit dem Oberbürgermeister und den betroffenen Dezernenten. Wir sind auf einem guten Weg. Aufgrund der vergleichsweise knappen Zeit werden wir den Erweiterungsbau voraussichtlich nicht ausschließlich öffentlich-rechtlich, sondern auch privatwirtschaftlich vorantreiben. Zum Vergleich: In Leipzig hat der vierte Erweiterungsbau im öffentlich-rechtlichen Verfahren von der Idee bis zur Realisierung über zehn Jahre gedauert.

Eigentlich hatten wir uns zum Gespräch verabredet, um über den 30. Jahrestag der Vereinigung der Deutschen Bücherei in Leipzig und der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt im Jahre 1990 zu sprechen. Sie wollten eine große Feier organisieren, das hat jetzt die Corona-Pandemie verhindert. Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ist ja grundsätzlich von großen Verwerfungen begleitet worden, die bis in die Gegenwart reichen. Oft hatte der Osten den Eindruck, er werde vom Westen kolonialisiert. Ist das bei der Deutschen Nationalbibliothek anders gewesen?

Ich selbst war kein Akteur der Vereinigung der beiden Häuser, dazu bin ich zu jung. Aber mein Eindruck ist, dass es meinen Vor-Vorgängern Klaus-Dieter Lehmann und Helmut Rötzsch damals klug gelungen ist, diesen Prozess versöhnlicher und konsensualer zu gestalten als viele andere Prozesse in dieser Zeit. Es entstanden nicht so große Verletzungen, und es gab nicht so große Gräben wie anderswo. Es ist sehr, sehr gut gelungen, die beiden Häuser mit ihren verschiedenen historischen Wurzeln und unterschiedlichen Erfahrungshorizonten zusammenzuführen. Diese unterschiedlichen Entwicklungslinien kann man heute noch spüren. Fast 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aus dieser Zeit der Vereinigung noch im aktiven Dienst, das macht etwas aus, das ist spürbar. Aber die Deutsche Nationalbibliothek, die aus beiden Häusern entstanden ist, bedeutet mehr als die beiden früheren Bibliotheken.

Wird die Feier zur Vereinigung nachgeholt?

Wir werden leider ein physisches Fest nicht mehr im Terminkalender unterbekommen. Aber es soll eine Publikation zur Vereinigung der beiden Häuser entstehen. Zur Geschichte der Deutschen Bücherei in Leipzig sind außerdem bereits zwei umfängliche Werke erschienen, die im Sommer online frei zugänglich gestellt werden. Die Historie der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main ist aktuell in Arbeit. Diese Werke schauen zurück in die Zeit vor 1990. Im vergangenen Jahr wiederum erschien das „ABC der DNB“, in dem Stichworte zur Entwicklung in den letzten 20 Jahren zusammengetragen wurden. Die geplante Publikation zum 30. Vereinigungsjubiläum wird diesen Reigen abrunden und gleichzeitig aufzeigen, wie wir uns auch als kulturelles Gedächtnis der Zukunft weiter entwickeln.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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