Im Bewusstsein gibt es keine Äpfel

Hier finden sich Wittgenstein und Luhmann in enger Umschlingung: Peter Fuchs' Überlegungen zum "Sinn der Beobachtung"

Von KLAUS E. MÜLLER

Das könne "man sich nicht konkret genug vorstellen", sagt Peter Fuchs, Professor für Soziologie an der Fachhochschule Neubrandenburg und Autor des Buches Der Sinn der Beobachtung: begriffliche Untersuchungen. Die Betonung der Aussage liegt dabei auf vor-stellen im Sinne von Beobachtung, dem zentralen "Leitbegriff" der Fuchs'schen "Untersuchungen". Das vermittelt den Eindruck, als gründeten sie sich auf Empirie. Doch Fuchs ist, dem postmodernen Zeitgeist verpflichtet, bekennender Konstruktivist und macht dabei auch vor sich selbst nicht Halt: "Der Autor (ich?) ist eine Konvention, die durch die Zurechnungspraxis von Kommunikation laufend re-inszeniert wird."

Entsprechend gilt, wenn es einem gefällt, Beobachtetes schriftlich zu fixieren, den "Text verbindlich unverbindlich zu machen". Die Aufforderung, ihn zu lesen, "wird transformiert in die Einladung zu einem Spiel". Doch Bedacht - wo Liberalität lockt, wächst das Bindende auch: "Fungierende Ontologien (im Gegensatz zu den essentialistischen der Metaphysik) können einen hohen Grad an sozialer und psychischer Verbindlichkeit erreichen". Wir bewegen uns auf fluidem Grund.

Gleichwohl erhält der Leser Anhaltspunkte. Der Autor sieht sich in der Tradition der Analytischen Philosophie und hier vor allem Ludwig Wittgenstein (1889-1951) verpflichtet. Die Reverenz findet jedoch lediglich in der Art der Textgestaltung Ausdruck, die den Tractatus logico-philosophicus kopiert, nicht auch dem Versuch, sich an der unerbittlichen, formallogischen Strenge Wittgensteins zu orientieren. Daneben wird auch Niklas Luhmann von Fuchs als "deutliche Schlüsselreferenz" ins Geschirr genommen.

Gewissheit als Konstruktion

Nimmt man des Autors eigenen, eingangs betonten zeitläufigen Hyperrelativismus hinzu, ist das Problem unschwer zu erkennen: Diesen, dazu die logische Begriffsanalyse sowie Luhmanns essentialistisch gehärteter Systemtheorie plausibel gegeneinander abzugleichen, entspräche dem Herkulesstreich, die Quadratur des Kreises gleichsam übers Knie zu brechen. Fuchs hat indes keine Mühe damit. Gewissheit, wie sie eine Theorie nur scheinbar verbürge, ist ihm nichts weiter als "Konstruktion", die immer auch "anders ausfallen könnte". Niemand muss glauben, "was man gesagt hat". Gleichwohl sind des Autors Aussagen nahezu ausnahmslos im Indikativ und einem apodiktischen Duktus von napoleonischer Selbstkonfidenz gehalten.

Durch Beobachtung - das heißt Fokussieren, Differenzieren und Bezeichnen von "Systemen" - entsteht die Welt; Beobachtungen "erzeugen die Ereignisse", "Wirklichkeiten sind Beobachtungsresultate"; selbst Menschen wesen als "Wahrnehmungsfälle". Hier gerät der Konstruktivismus in Konflikt mit den empirischen Kultur- oder "Realwissenschaften". Denn Beobachtungen sind nun mal vorgängig konditioniert. Fuchs räumt das auf seine Weise ein. Er benennt evolutionsbedingte "Selektionseinrichtungen", also ethologische Prädispositionen, "das Unbewusste", das Gedächtnis und vor allem vorgegebene "Sinn-Schemata", womit - beiläufig - auf die kulturellen Konditionen angespielt wird. Das alles sollte der "verbindlichen Unverbindlichkeit" eigentlich essentialistische Zügel anlegen, doch wäre diese realwissenschaftliche Rechnung ohne den postmodernistischen Wirt gemacht; denn natürlich lautet das Fazit: "dass Sinn als Information das System nicht determiniert".

Wie Sinnsysteme entstehen, was sie begründen und konkret für die Menschen bedeuten, hält der Autor offensichtlich für eine müßige Frage. Lässt Fuchs einmal mögliche Erfahrungsbezüge mit anklingen, geschieht das ausnahmslos in der abendländischen Tonalität, das heißt nach den Kriterien der eurozentrischen Optik - was den Aussagen eine äußerst begrenzte Geltungskraft verleiht, beziehungsweise sie oft genug in die Irre führt. Dass "Leben nicht im Zustand des Todes sein kann", "Tote sedimentierte Adressen" seien, "sofern und solange man noch von ihnen weiß", Tiere "nichts vom Tod wissen" oder für "Sinnsysteme größte Geschwindigkeiten und kleinste Kleinheiten keine Rolle spielen" - das hat man in vielen Kulturen ganz anders gesehen; im letzteren Fall sei allein auf die Bedeutung der Genealogien verwiesen! Reichlich gewagt sind Aussagen wie, dass "Kommunikation kein Austausch von Informationen" und "komplett bewusstseinsfrei" sei und "weder Zeitungen noch Bücher Informationen" enthalten.

Ereignisse und Möglichkeiten

Der eurozentristischen Engführung der "Beobachtung" und dem realwissenschaftlichen Bedarfsverzicht kann man sich freilich durch hochreichende Abstraktionen entziehen, allerdings um den Preis, dass die Aussagen zu Trivialitäten leerlaufen - wie etwa: "Es geschieht, was geschieht. Möglichkeiten geschehen nicht"; "durch Bindung werden offene Sinnverwendungsmöglichkeiten fixiert"; oder "das Schema Mann/Frau wird in einer Anatomievorlesung anders eingesetzt als bei einem Flirt, bei der Unterscheidung von Toilettentypen oder beim Tennis". Schwerer wiegt, dass die Fuchs'schen Diktionen ihres mangelnden Empiriebezugs wegen weder überprüfbar sind noch irgend etwas erklären.

Es bliebe der Duktus der Offenbarung. Und eine gewisse Verkündigungsattitüde kann man in der Tat den Texten nicht absprechen. Die lapidaren Dikta suggerieren Gehalt, der sich angesichts ihrer hyperbolischen Kürze allerdings nur schwer erschließt. An wen eigentlich, drängt sich dem Leser die Frage auf, sind die verknappten, "gestanzten Sätze" gerichtet? An Leute, die ihr Genügen in gedanklichen Glasperlenspielen finden? Oder handelt es sich um eine Art entdialogisierte Imaginationsphilosophie, ein immerzu fortgesponnenes Selbstgespräch auf dem Weg nach innen, in dekonstruierte Versunkenheit?

Fuchs scheint in der Tat nicht frei von mystischen Inklinationen: "Die Anstrengung, all dieses als nicht all dieses zu sehen, ist zentral für mystische Bemühungen. Die nicht-benennbare (nicht benannte) Welt ist die mystische Welt". Urworte orphisch.

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