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Beunruhigende Beruhigung

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Marie Malcovati.
Marie Malcovati. © Christian Trieloff

Drei Menschen auf einem Bahnhof, die wenig voneinander wissen, aber schon fängt die Autorin an, Bezüge zu knüpfen: Marie Malcovatis stilsicheres Romandebüt „Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte“.

Von Cornelia Geissler

Es treffen sich Geld, Unentschlossenheit und Untätigkeit. Simon entstammt einem Zahnpasta-Imperium, doch anders als seine geschäftstüchtigen Brüder möchte er ganz normal leben. Das gelingt ihm so wenig, dass er schließlich in einer Fantasieuniform auf dem Bahnhof Basel strandet. Da nimmt er neben Lucy Platz, einer vielbeschäftigten Simultandolmetscherin, die aus ihrem Lebensplan gefallen ist. Sie weiß nicht mehr, was sie mit der Zukunft anfangen soll.

Untätig beobachtet Beat Marotti die beiden auf einem Monitor, der mit einer Überwachungskamera verbunden ist. Sie scheinen ihm verdächtig, der Mann in dem Kostüm, die Frau, die nicht in den Wartestand gehört. Marotti ist Polizist, wegen eines verletzten Fußes kann er nicht auf Streife gehen. Erst kürzlich war ein Drohbrief bei der Polizei eingegangen, der Anschläge einer Aktivistengruppe ankündigte.

Marie Malcovati, geboren 1982, führt die drei Typen in ihrem Debütroman gegen alle Widerstände zueinander. Ist der eine auch räumlich von ihnen getrennt, sitzen die beiden anderen so nebeneinander, als stünde eine unsichtbare Wand zwischen ihnen. Bestechend an dem Buch „Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte“ ist, was dennoch zwischen den drei Protagonisten geschieht.

Malcovati erzählt in Etappen aus der jeweiligen Perspektive, die Abschnitte sind mit M, L, S überschrieben. Sie knüpft Bezüge zwischen den Figuren, von denen diese nichts wissen: Marotti wird unruhig durch die erzwungene Bewegungslosigkeit, Lucy wiederum findet wartend: „Es gab nichts Beruhigenderes als Bewegung.“

Ungeheuerlich, gerade in der Kürze

Und Simon erkennt in ihr die eigene Erschöpfung. Ihm ist Dramatisches passiert, die Autorin berichtet es kurz, da wirkt es umso ungeheuerlicher. M beobachtet L und S so lange, dass sie zu seiner Obsession werden. Er will sie zusammenführen.

Marie Malcovati beschreibt das Sichtbare so genau, dass sich beim Lesen auch das Unsichtbare erschließt. Wie sie dadurch eine zweite Ebene in die knappe Handlung des Romans einschreibt und ihre Figuren immer interessanter macht, zeugt von dramaturgischem Geschick und großer Stilsicherheit. Das liest man einfach gern.

Marie Malcovati: Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte. Roman. Nautilus, Hamburg 2016. 128 Seiten, 16 Euro.

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