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Buchmesse - Preis der Hotlist 2017

Bettmilben der Literatur

Am Freitagabend wurde im Literaturhaus Frankfurt der Preis der unabhängigen Verlage verliehen. Unsere Blog-Redaktion war vor Ort und hat einige kuriose Eindrücke zusammengestellt

Von Die Blog-Redaktion

Die Frau, die unter einem Namen auf der Gästeliste in die Veranstaltung kommt, für den sie kein Gesicht hat.

Die schwere Tür, die während der Preisverleihung ungefähr 147 Mal auf- und wieder zugeht und dabei einen Singsang von Stimmen in den Saal lässt.

Die beiden älteren Frauen im Publikum, die mit orangefarbener Lederjacke und karamellfarbener Sonnenbrille positiv herausstechen aus dem blauschwarzgrauen Modeeinerlei der jungen Buchbranche.

Die tiefblauen Literatensakkos, die an den Schultern ihrer etwas zerzausten Besitzer hängen.

Die gelben Lichtkegel, die zappelnd, aber fast unbemerkt die Decke über den Zuschauern zieren, die alle gebannt nach vorne lauschen.

Die bunten Bücher in den nur dürftig gefüllten Bücherregalen an der Wand hinter der Bühne, über die an diesem Abend keiner spricht.

Die gigantischen Kronleuchter, die genau zwischen den Zuschauerreihen aufgehängt sind, damit sie beim möglichen Herunterfallen nicht mit einem Schlag einen ganzen Verlag auslöschen.

Der schüchterne Verleger, der für das Publikum versucht, das Unterhaltsamste aus dem von ihm verlegten Roman über einsame Begräbnisse herauszuholen, dessen Inhalt eigentlich von unkenntlicher Trauer durchzogen ist. 

Das Buch, dessen Cover keinen Preis gewinnt.

Der Autor des Siegerverlages, dessen großes, mit einem Karabinerhaken an der dritten Gürtelschlaufe von rechts befestigtes Schlüsselbund beim Aufstehen klappert.

Der Bazillus der Literatur, der sich wie Bettmilben durch unseren Alltag frisst.

Der Salon in der Beletage, der sich mit seinen fliegenden Stiften an der Decke und den vielen bunten Büchern auch problemlos in Hogwarts befinden könnte.

Die Menschen, die sich in ausufernden Gesten ihrer Gliedmaßen auf der Tanzfläche der grellen Popmusik, die eigentlich aus der Generation nach ihnen stammt, ekstatisch hingeben. 

Die tanzenden Zwei, die sich der Prüderie der anderen Anwesenden widersetzen und damit eine der DJ's dazu bringen, ihr Pult zu verlassen und mitzutanzen.

Die zwei DJ's, von denen eine fast so schön glitzert wie Samantha Jones und Smith Jerrod an Silvester

Die Vorstellung eines GIFs der Dame mit Sonnenbrille, die sich da ganz in der Mitte des Podestes sitzend, genüsslich hin- und herwiegt.

Der tschechische Schriftsteller, der die Ampel vor dem Literaturhaus umarmt und gleichzeitig mehrere Frauen mit Informationen über die besten Biere Baden-Württembergs unterhält.

Die Toiletten, die im Literaturhaus Frankfurt „Leserinnen“ und „Leser“ heißen, obwohl kein einziges Buch zum Schmökern in den Kabinen liegt.

Die aufgedrehten jungen Frauen dort, die eine reinkommende Blondine mit „Du bist auch hier, Alter?!“ begrüßen, bevor sie in ein kollektives Gekreische einstimmen.

Die Taxifahrer, die in ihren nicht mehr ganz so weißen Autos in sauberer Aufstellung vor dem Eingang auf ihren Einsatz warten.

Die Augen, die am Abend alle glänzen, nirgends mehr leuchten.

Die imposante Treppe, auf der es sich nach der Party Kippen und leere Bierflaschen gemütlich machen, um unter freiem Himmel zu übernachten. 

Der Liebesbrief, der sich erst schreibt, wenn die Nacht zu spät ist und die Liebe auch.

Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Buchmessen-Projekts „Unter Dreißig“ mit Kulturjournalismus-Studierenden der Universität der Künste Berlin.

Texte von Yannah Alfering, Monica Camposeo, Anna Fastabend, Annett Gröschner, Ina Hildebrandt, Jana-Maria Mayer, Laura Meier, Katharina Rustler, Stella Schalamon

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