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Die Wiener Schriftstellerin Bettina Gärtner.

Roman

Bettina Gärtner „Herrmann“: Der Fuchs in ihm

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Bettina Gärtner erzählt in „Herrmann“ von einem Mann, der unkündbar, aber nicht glücklich ist – und sie verzichtet darauf, daraus eine Komödie oder ein Splatter-Movie zu machen.

Bettina Gärtner unterläuft Erwartungen auf eine milde friedfertige Weise, aber doch hinterrücks genug, um ihren Roman „Herrmann“ spannend zu machen. Herrmann, dieser scheinbar doppelt männliche, aber ganz unmartialische Vorname – es gibt Leute, die lassen bloß ein r weg, und schon denken sie dabei an selbstgebackenes Brot –, gehört hier zu einem eine Spur ausgelaugten Junggesellen in den Vierzigern. In Österreich in seinem Heimatort ist er irgendwie hängengeblieben, hinter sich eine verunglückte Beziehung, vor sich ein zweiter Besuch bei der Betriebsärztin – mit dem Herzen stimmt etwas nicht. Dass er in seiner via Regionalbahn erreichbaren Firma inzwischen zu den „Unkündbaren“ gehört, dokumentiert nicht so sehr Sicherheit als einen Berufsalltag auf dem Abstellgleis.

Herrmanns Büroalltag mit all jenen kleinen Verlegenheiten im Großraumbüro, der Langeweile, dem Rechtfertigungsdruck, den Nickeligkeiten legt nahe, „Herrmann“ als Satire zu verstehen. In einem Untergeschoss des aus mehr als einem Grund kafkaesken Unternehmens (was wird hier eigentlich hergestellt und wer hat das Sagen?) waltet der Hausgrafiker, auch er unkündbar und nurmehr für Materialverteilung zuständig. „Er verglich sein Schicksal gern mit dem der Donaumonarchie, die Glanzzeit markierte der Designpreis für das legendäre Fressen-und-Gefressen-werden-Sondermarken-Set aus Anlass des ersten dreistelligen Unternehmensgründungsjubiläums. Biene und Bienenfresser, Frosch und Fliege, in der Jurybegründung fand auch die Ironie der Idee lobende Erwähnung, Herrmanns Idee.“ Sieh an, denkt man da, solche Ideen hat Herrmann also. Aber was heißt das? Die Schriftstellerin Gärtner, 1962 in Frankfurt geboren und schon als kleines Kind nach Wien gekommen, nutzt zwar ihren Sinn für das Gewitzte und Groteske, aber sie lässt uns auch freundlich allein damit.

Am Anfang taucht Orban wieder in Herrmanns Pendlerleben auf, eine Jugendbekanntschaft. Im Ausland hat Orban eine hervorragende Ausbildung genossen – beiläufig bringt er auch seinen Master in „Financial Stability & Future Fitness for Volatile Markets“ im Gespräch unter – und ist in eine Karriere gestartet, die jetzt anscheinend ein wenig angeknickt ist. Dem Roman dient er gleichwohl als Katalysator. Herrmann kann Orban nicht leiden – gemeinsame alte Geschichten bleiben vorerst im Halbdunkel –, und Herrmanns Mutter und seine Schwester empfangen ihn ganz gerne zum Essen. Die Familienverhältnisse von Herrmann sind kompliziert, der tote Vater, die unlustig geerbte, aber ordentlich betriebene Jagdhundzucht, die eigensinnige Schwester, die auch ihre eigenen Probleme hat und dazu einen schlaffen, windigen fast schon Ex-Lebensgefährten. Das Zusammenleben auf dem elterlichen Hof ist ein Provisorium, aber ein ausgetüfteltes (die Schwester kümmert sich um Teile von Herrmanns Haushalt, seine Zimmer darf sie jedoch nur zu bestimmten Zeiten betreten).

Das Buch:

Bettina Gärtner: Herrmann. Roman. Droschl, Graz/Wien 2020. 285 Seiten, 23 Euro.

Gärtner erzählt meist aus Herrmanns Perspektive in der 3. Person, aber zugleich bewegt sie sich in ihrer Geschichte, als würde sie sich darin umschauen wollen und einige Zeit lang überlegen, was genau sie daran vertiefen möchte. Das Psychogramm von Herrmann, der kein Komödienbruderherz ist? Die schrägen Seiten des ländlichen Lebens, einer europäischen und gegenwärtigen „Mad Men“-Variante? Das Gesellschaftstableau im Ort (der selbst manchmal seine Ansichten hat)? Eine Arbeitswelt, in der die Entfremdung weit gediehen ist?

Gelegentlich eingestreut sind seitenweise Internetrecherchen zu Myokarditis (Herzmuskelentzündung), zur Jägersprache (seltsam, denn Herrmann kennt sich damit zweifellos aus) oder zum Begriff „Going postal“, einer Wendung für einen Amoklauf, die auf entsprechenden Vorfällen bei der US-Post basiert. Denn während Gärtner hier und da schaut, bewegt sie sich in ihrer Geschichte eigentlich wie Herrmann in seinem Leben: ziellos und unentschlossen, zugleich – denk man beim Lesen – will sie doch was, will er doch was.

Herrmann interessiert sich jedenfalls – theoretisch – durchaus für Gewalt. „Gewalt zu fantasieren fand er kaum weniger kraftraubend als sie auszuüben, nicht, dass er viel Erfahrung gehabt hätte. Er schaute in die Gesichter und wieder auf seinen Teller, vermengte die lachenden Gesichter mit dem Fleisch und der Soße: Zu Brei schlagen, gedacht durfte das werden ... .“ Herrmann interessiert sich für Gewalt, die er sich zugleich mit Passivkonstruktionen vom Leibe hält, und Gärtner interessiert sich für Herrmann, und so viele Filme muss man nicht gesehen haben, um in der Verbindung aus angestauter Wut, enger Umgebung, konkreten Enttäuschungen und reichhaltigem Waffenbesitz eine Eskalation nahen zu sehen.

Dass es anders kommt, kann mehrere Gründe haben. Einer davon dürfte sein, dass Herrmann selbst in sich ein „Fuchsgefühl“ hat, eine unbestimmte Sehnsucht, die aus Sicht des Hundezüchters und Waidmanns Gefahren birgt. Für den Fuchs, nicht seine Umgebung. Manchmal bleibt allerdings offen, ob Gärtner womöglich doch momentweise die Kontrolle über ihr Buch verloren hat, oder ob das wirklich alles Teil eines ausgebufften Erzählplans ist. Tatsächlich: Am Ende wirkt vieles zwangsläufig und logisch.

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