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Das betrügende Jahrhundert

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Nino Haratischwili stellt in Frankfurt bei riesigem Andrang ihren neuen, gewaltigen Roman vor: „Das achte Leben (für Brilka)“.

Von Christoph Schröder

Ja, nervös war Nino Haratischwili schon. Die Umstände waren aber auch danach: Zum ersten Mal las die im georgischen Tbilissi geborene und heute in Hamburg lebende Schriftstellerin aus ihrem neuen Roman „Das achte Leben (für Brilka)“, und trotz des Dauerregens und des für den Verkehr gesperrten Mainufers war der Andrang bei Haratischwilis Frankfurter Premiere in der Historischen Villa Metzler so gewaltig, dass das Publikum sich bis in den Flur hinaus staute.

Und die Vorschusslorbeeren waren riesig: Frankfurts Literaturreferentin Sonja Vandenrath sprach in ihrer Begrüßung von einer „Bereicherung für die deutsche Literatur“; Haratischwilis Verleger Joachim Unseld, der den Abend moderierte, wählte Begriffe wie „Wunderwerk“ und suchte den Vergleich zu Garcia Marquez und Tolstoi. Klar, das muss ein Verleger. Aber in diesem Fall hat es den Anschein, als handele es sich nicht um ein Lippenbekenntnis. Und der erste Eindruck legt nahe, dass der rund 1300 Seiten starke Roman auch jedes Lob verdient, das er erhält. Schon im Prolog stellt Nino Haratischwili die Architektur ihres Romans aus: „Ein Teppich ist eine Geschichte“, so heißt es da, aber auch: „Ich habe Angst vor diesen Geschichten.“ Denn sie müssen erst einmal erzählt werden. Das erfordert Können und Mut.

Diejenige, die da spricht, die ihre zwölfjährige Nichte Brilka anredet und ihr die Geschichte einer georgischen Familie über ein ganzes Jahrhundert erzählt, heißt Niza, Jahrgang 1973, geboren in der Nähe der Hauptstadt, von Georgien ausgewandert nach Berlin. Das ist der Ausgangspunkt für ein historisches und literarisches Netz, das Nino Haratischwili vom Jahr 1900 bis ins Jahr 2007 hinein knüpft. 1900 wird Stasia geboren, Nizas Urgroßmutter, selbstbewusste Tochter eines Chocolatiers, der in Budapest bei einem Meister seines Fachs in die Lehre gegangen ist und fortan seine Kundschaft mit seinen Geheimrezepturen verzaubert. Die kurzen Auszüge, die Haratischwili vorlas, deuteten die Qualitäten des Romans bereits an: Elegant sind die Zeitebenen miteinander verknüpft, fließen die Sätze in einem Strom, wechselt die Stillage zwischen ironischem Witz und bitterem, zumeist historisch grundiertem Ernst.

Leichen im Garten der Villa

Denn der eigentliche Impuls für den Roman, so erzählte die Autorin, sei eine wunderschöne Villa in Tbilissi gewesen, an der sie auf ihrem täglichen Weg zur Universität vorbei gegangen sei. Stets habe sie sich gefragt, wem dieses imposante Haus wohl gehöre – bis sie eines Tages im Fernsehen eine Reportage gesehen habe: Im Garten der Villa waren Überreste menschlicher Leichen gefunden worden; das Haus gehörte Lawrenti Beria, seit 1938 Geheimdienstchef der Sowjetunion und Schlüsselfigur des Stalinistischen Terrorregimes.

„Das achte Leben (für Brilka)“ ist, das wurde bei der Premiere deutlich, auch das ambivalente Porträt eines Landes und seiner Bewohner; ein Land, das mit Stalin und eben Beria zwei zentrale Figuren sowjetischen Terrors hervorgebracht hat, gleichzeitig aber auch in seiner charmanten Melancholie ein verträumtes Eigenleben führt. Und es geht um „ein Jahrhundert, das alle betrogen hat.“

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