PARS PRO TOTO

Den Betrieb prüfen

Wollte man eine Typologie des Intellektuellen entwerfen, dürften darin zwei Modelle nicht fehlen - der politische Professor und der mit allen

Von RUDOLF WALTHER

Wollte man eine Typologie des Intellektuellen entwerfen, dürften darin zwei Modelle nicht fehlen - der politische Professor und der mit allen institutionellen Wassern gewaschene Intellektuelle im politischen Betrieb. Zur ersten Rubrik zählt Jürgen Seifert, Jahrgang 1928, vor etwas mehr als zwei Wochen überraschend gestorben, Jurist und Politikwissenschaftler. Er stand der Parteipolitik immer fern und verstand sich als Citoyen und Kritiker der Politik, die er gerne auf "Momente der Gläubigkeit" und "Versagen" überprüfte.

Peter Glotz ist elf Jahre jünger und war nacheinander Konrektor, Landtagsabgeordneter, Staatssekretär, Senator in Berlin, Bundesgeschäftsführer der SPD, Bundestagsabgeordneter, Universitätsrektor, Professor; gleichzeitig Autor vieler Bücher und Aufsätze. Er repräsentiert die ideale mediale Verkörperung des Intellektuellen im politischen Betrieb: eine regelrechte Glanznummer.

Von beiden Intellektuellen liegen Bücher mit Aufsätzen aus den vergangenen 20 (Seifert) beziehungsweise 30 Jahren (Glotz) vor, denen die Spezifika, die Stärken und Schwächen der Autoren zu entnehmen sind. Seifert wollte die Politik nie beraten, sondern kritisieren und befürchtet mit Arkadij Gurland, dass "am Ende doch ? das Ökonomische stärker ist" als das Politische. Bei Glotz dagegen, der "die avancierten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts" als Epoche der "Wissensarbeiter" begreift, merkt man schon am Sprachduktus, dass er zuletzt an einer Kaderschmiede der kapitalfrommen Wirtschaft lehrte: Alles reimt sich bei ihm auf "mobil, flexibel und anpassungsfähig".

Kapitalismus und Reform

Über die letzte Eigenschaft verfügt Glotz selbst in hohem Maße. Der älteste in seinem Buch abgedruckte Beitrag aus dem Jahr 1975 trägt den Titel "Systemüberwindende Reformen", und dessen Klang macht munter, um nicht zu sagen "münteferingisch": "Wer glaubt, den Kapitalisten den Kapitalismus ,schrittweise' aus der Hand winden zu können - sozusagen ohne dass die herrschenden Oberklassen es richtig bemerken -, der unterschätzt die historische Erfahrung dieser Klassen gewaltig." Lang ist das her.

Als politischer Professor trommelte Jürgen Seifert nie so laut wie Glotz. Als nach dem Tod von Carl Schmitt 1985 von rechts und links Wiederbelebungsversuche unternommen wurden, entzog er diesen intellektuell armseligen Unternehmen in der damals noch kritischen Kritischen Justiz die Grundlage: Die Reduktion des Politischen auf das primitive Schema von Freund/Feind betreibe, so Seifert, eine "Totalisierung des Politischen", die nur mit staatlich organisiertem Terror gegen Fremde und andere quasi-legal Ausgegrenzte enden könne: "Die von Carl Schmitt entwickelten Positionen und Begriffe sind Waffen gegen Emanzipationsbewegungen." Da muss nach 20 Jahren nichts hinzugefügt und nichts weggekürzt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare