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Der Hauslehrer Andreas Dippold, der 1903 vor Gericht stand, weil er einen 13-Jährigen erschlagen hatte.

Misshandlung anno 1903

Die Bestie, der Dippoldist

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Michael Hagners „Hauslehrer“ untersucht einen alten Misshandlungsfall: Der Hauslehrer Andreas Dippold stand 1903 vor Gericht, weil er einen Zögling tot geschlagen hatte. So wurde er zum großen Thema von Sexualforschung, Pädagogik und Medien.

Die Frage, ob man kirchliche und andere Erzieher, die Schüler misshandeln, „Dippoldisten“ nennen könnte, wurde in den vergangenen Monaten nie gestellt. Das liegt natürlich daran, dass sich niemand mehr an den Hauslehrer Andreas Dippold erinnert, der 1903 vor Gericht stand, weil er einen Zögling tot geschlagen hatte. Doch 1903 und in den folgenden Jahren waren der junge Mann und seine mutmaßliche Veranlagung ein großes Thema der Sexualforschung, Pädagogik und der Medien sowieso.

Michael Hagner hat den Fall wiederentdeckt und zeichnet in seinem Buch „Der Hauslehrer“ unter anderem die damalige Debatte nach, ob eigentlich Dippold zu Recht zum „Dippoldisten“ gestempelt wurde. Ob er also in die „sexualpathologische Gruppe der Erzieher“ gesteckt werden konnte, „die anderen Schmerzen zufügen, um sich selbst Lust zu bereiten“. Hagner kann und möchte das nicht beantworten, er legt vielmehr präzise dar, auf wie unfassbar dünner Faktengrundlage damals Wissenschaftler diverser Provenienz über Andreas Dippold urteilten.

Das psychologische Gutachten bestand aus wenigen Zeilen und sagte nicht viel mehr, als dass der junge Mann zurechnungsfähig sei. Von einer sadistischen Neigung oder eben dem, für das schon wenig später sein Name stand, war zunächst nicht die Rede – obwohl der Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing bereits 1886 in seiner „Psychopathia sexualis“ die Kategorie der „Knabengeissler“ geschaffen hatte.

Andreas Dippold, 23 Jahre alt, Jurastudent, wurde im Juni 1902 vom Berliner Bankiersehepaar Rudolf und Rosalie Koch als Hauslehrer für die Söhne Heinz, 13, und Joachim, 11, engagiert. Deren schulische Leistungen waren schlecht, doch unglücklicherweise waren die Erwartungen der Eltern hoch, schließlich war Rudolf Koch Vorstandssprecher und Direktor der Deutschen Bank.

Heinz Koch wurde schwer geprügelt

Hagner beschreibt, wie Dippold nicht recht vorankommt, die beiden zu disziplinierten „deutschen Jünglingen“ zu machen. Und wie er Rosalie Koch – die Kinder und ihre Probleme waren Sache der Mutter – davon überzeugen kann, womöglich ja auch selbst überzeugt ist, sie würden ihr Elternhaus besser eine Weile nicht sehen. Dippold, Heinz, Joachim bleiben auf dem Familiengut in Ballenstedt.

Zwischen Rosalie Koch und Dippold gibt es einen regen Briefwechsel, der Hauslehrer deutet bald mehr als nur an, dass die Kinder onanieren und dass er sie, auch deswegen, züchtigt. Ende Januar 1903 flüchtet Heinz zum Gärtnerehepaar des Guts und bittet um Hilfe, Dippold würde sonst ihn und den Bruder totschlagen.

Die Mutter schickt den Nervenarzt Oskar Vogt nach Ballenstedt. Der untersucht die Jungen nicht körperlich (war dazu auch nicht aufgefordert) und lobt den Lehrer. Die Mutter ist beruhigt. Mitte Februar zieht Dippold mit den Kindern um, in seinen Heimatort, am 10. März stirbt Heinz Koch. Die Obduktion belegt, dass er schwer geprügelt wurde, nicht jedoch eine physische Schwächung durch übermäßige Onanie.

Der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner zeichnet nun minuziös die Entwicklungen nach, die die den Prozess beobachtende Öffentlichkeit dem Fall gibt. Sein roter Faden ist dabei, wie sich die Dinge zuungunsten Dippolds wenden, der anfangs noch meint, der Prozess werde ihn exkulpieren. Hatte er doch seiner Meinung nach nur das von Pädagogen Empfohlene getan, und auch keineswegs zum einen die Prügel verschwiegen, zum anderen etwa die Tatsache, dass er zeitweise zwischen den Jungen schlief, um sie vom Onanieren abzuhalten. Er wusste sich dem erzieherischen Zeitgeist durchaus verbunden.

Doch das mit der Onanie wurde, den prominenten Eltern zuliebe, schnell begraben. In den Vordergrund rückte die Stigmatisierung des Hauslehrers zur „sexuellen Bestie“ (Hagner). Der Historiker weist freilich auch darauf hin, dass das „Raster von Perversion, Sadismus und Bestialität“, das Sexualwissenschaftler und Psychiater ohne nähere Kenntnis des Falls über Dippold legten, beim Gerichtsurteil keine Rolle spielte.

Selbst der Staatsanwalt scheint der Überzeugung gewesen zu sein, Dippold habe sich bei seinen reichen Kunden beweisen wollen und Jähzorn und Erzieherehrgeiz nicht im Griff gehabt. Der Hauslehrer wurde zu acht Jahren verurteilt – was vielen als zu wenig erschien. Nach Ablauf der Haft wanderte Dippold nach Brasilien aus, wo er sich Andreá Dó nannte und als Rechtsanwalt arbeitete.

Am spannendsten – und ernüchterndsten – an diesem sorgfältigen und klugen Buch ist, wie sehr die Diskurse damals und heute sich ähneln. Damals hieß die Sicherungsverwahrung „Schutzstrafe“, aber der Streit ums lebenslange Wegsperren, um das angemessene Strafmaß, Krankheit und Schuld hat sich seitdem nicht wesentlich verändert.

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