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Für Aly ein Sinnbild: Wolfgang Mattheuers „Jahrhundertschritt“, hier 1987 in Dresden. Heute steht die Bronze im öffentlichen Raum von Leipzig.

Götz Aly „Volk ohne Mitte“

Das Beschweigen der Vergangenheit beenden

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Der Nationalsozialismus als Massenphänomen: Götz Alys Buch „Volk ohne Mitte“, das heute erscheint, analysiert die Freiheitsängste der Deutschen.

Elf Aufsätze, zum Teil schon andernorts erschienen, dazu eine Einleitung, die die einzelnen Beiträge weniger erläutert als vielmehr die sie verbindende gemeinsame Perspektive deutlich macht. Man lese, wie er Wolfgang Mattheuers Skulptur „Der Jahrhundertschritt“ mit Marc Chagalls Bild „En avant les voyageurs“ vergleicht. Beide Male ein weitausschreitender Mann. Der von 1917 springt fast, ist sich aber völlig sicher, dass er wieder auf festem Boden landen wird. Mattheuers Figur von 1984 hat diese Sicherheit völlig verloren. Sie knickt ein. Ihre Mitte ist zerbrochen. Das ist es, was Götz Aly meint. Der Nationalsozialismus war ein Massenphänomen, er erfasste die Mitte der Gesellschaft. Als sie nicht mehr Tritt fassen konnte, als sie taumelte.

Niemand ist so energisch der Vorstellung entgegengetreten, der Nationalsozialismus habe die Deutschen gekapert, sei nichts als die Sache einiger weniger Fanatiker gewesen, wie Götz Aly. Als er am 9. Oktober 2010 in der Evangelischen Stadtkirche in Darmstadt über das 9. Gebot – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus…“ – spricht, erinnert er daran, dass in Darmstadt vor 1933 fast 2000 Bürger jüdischer Konfession lebten, dass über einhundert Geschäfte in den Jahren danach arisiert wurden. Das geschah alles vor den Augen der Öffentlichkeit.

Mehr noch: „Hausrat und Wäsche, ja selbst eingeweckte Obst- und Marmeladevorräte deportierter Juden wurden versteigert oder über örtliche Trödler und Einzelhändler verkauft. Wer einmal direkt oder indirekt von der sogenannten Verwertung nichtarischen Eigentums profitiert hatte, und das waren auch in dieser Stadt Tausende, der wollte vom Schicksal der Enteigneten nichts mehr wissen, dem war es zur Besänftigung des eigenen Gewissens recht, wenn die verbliebenen Juden irgendwann, irgendwie verschwanden. Hauptsache sie waren weg. Diese Gewissensfessel ließen sich die Deutschen allerorten von ihrer Regierung überstreifen.“

Wie schwer es auch Historikern fällt, die eigene Geschichte zu analysieren, macht Götz Aly am Beispiel Theodor Schieders und seines Schülers Hans-Ulrich Wehler deutlich. Theodor Schieder beschäftigte sich 1939 mit der Lage des von der Wehrmacht besetzten Polens. Jenes Restes also, der nicht vom Deutschen Reich oder der Sowjetunion annektiert worden war: „Die Entjudung Restpolens und der Aufbau einer gesunden Volksordnung erfordern den Einsatz deutscher Mittel und Kräfte und bringen die Gefahr der Entwicklung einer polnischen Führerschicht aus dem neuen polnischen Mittelstand heraus mit sich.“

Da sieht man, wie sehr es Schieder verstand, seinen sozialhistorisch geschulten Blick einzusetzen für die Interessen des Nationalsozialismus in seinem Kampf gegen die slawischen Untermenschen. Schieders Schüler Hans-Ulrich Wehler, einer der führenden Historiker der Bundesrepublik, reagierte, als er mit dieser und ähnlichen Äußerungen seines Lehrers konfrontiert wurde, erst einmal so: Er warf Götz Aly „selbstgewissen Moralismus“ vor.

Die Selbstverständlichkeiten seines Metiers

Vielleicht spielt das in der Psyche von Götz Aly sogar eine Rolle, aber wäre nicht die Untersuchung des vorgelegten Materials, die Erforschung der Biografie Schieders, Wechsel und Konstanz bestimmter Motive bei ihm, die einem Historiker adäquate Reaktion gewesen? Aber warum sollen Historiker anders reagieren, wenn sie sich angegriffen fühlen, als der Rest der Menschheit? Weil sie gelernt haben, die Fakten zu analysieren, die Quellen zu kritisieren, statt mit Vorwürfen um sich zu werfen? Die Beharrlichkeit, mit der Götz Aly an die vorgeblichen Selbstverständlichkeiten seines Metiers erinnert, macht ihn nicht beliebt. Aber es hilft ihm und seinen Lesern immens bei der Wahrheitsfindung.

Die fast 30 Seiten über Wilhelm Röpkes „liberale Kritik am nationalen Sozialismus“ zeigen Alys ungebrochene Begeisterungsfähigkeit. Aly macht deutlich, was er an der „Faschismusanalyse“ des liberalen Nationalökonomen Wilhelm Röpke (1899-1966) schätzt: Röpke „sprach nicht von der NS-Diktatur, sondern vom ‚Massenaufstand gegen Vernunft, Freiheit und Humanität‘“. Wer von Diktatur spricht, spricht vom Diktator. Er spricht nicht von dem Fanatismus, mit dem ihm gefolgt wurde. Darum spricht Röpke nicht von der NS-Diktatur. Er weiß: „Ohne die Unterstützung durch breite Massen des deutschen Volkes hätte der Nationalsozialismus weder zur Macht kommen noch sich an der Macht halten können, und an dieser offenkundigen Tatsache ändert es nichts, dass diese selben Massen zum Teil vorher sozialistisch und kommunistisch gewählt haben und heute wieder wählen. Man kann den Nationalsozialismus nicht ärger verkennen, als wenn man seinen Massencharakter leugnet.“

Darum gehört auch die Nachgeschichte des NS analysiert. Noch „in der fünften Legislaturperiode des Hessischen Landtages (1962 – 1966) wiesen von 109 Abgeordneten 37 eine Vergangenheit in der NSDAP auf: 12 von der SPD (=21,1 Prozent der sozialdemokratischen Abgeordneten) und 11 (= 34,4 Prozent der christdemokratischen Abgeordneten) von der CDU. Selbst Rudi Arndt, lange Jahre prominenter linker Flügelmann der hessischen SPD, war als junger Mann der NSDAP beigetreten.“

Wer in der frühen Bundesrepublik aufwuchs, ist heute über Sechzig. Das alles ist inzwischen sehr lange her. Aber es spielt sich überall auf der Welt heute wieder ab. Zerfallende Staaten sind die, denen die Mitte weggebrochen wurde, Wahrheitskommissionen fragen nach Widerstand und Mittätern. Ganze einander bekriegende Gesellschaften müssen versuchen, zusammenzukommen, wenn sie überleben wollen. Wir haben erfahren: Schweigen hat seine Zeit, aber auch Reden hat seine Zeit.

Götz Aly ist seit Jahrzehnten einer, der uns heraushilft aus dem Schweigen. Aber auch aus jener Art darüber zu reden, die an den wirklichen Fragen vorbeigeht und oft nichts ist als die Fortsetzung des Beschweigens mittels eines gar zu schnellen Redens. Götz Aly analysiert und kritisiert. Er schreibt an gegen die Schablonen, in die wir inzwischen gelernt haben, die NS-Verbrechen, die auch die Verbrechen unserer Väter, Großväter, Urgroßväter waren, zu verstecken.

Es ist falsch, schreibt Aly, sich bei der Untersuchung der Geschichte des Nationalsozialismus auf Unternehmen, Banken, Berufsverbände, Universitäten u.Ä. zu beschränken. „Wer die Kräfte des nationalsozialistischen deutschen Staates zutreffend analysieren will, muss fragen, wie es gelang, die unterschiedlichen Schichten, Berufs- und Altersgruppen im leeren Mittelfeld der deutschen National-, Staats- und Volksgeschichte zu einer ungeheuerlich zerstörerischen, explosiven Masse zu fusionieren.“

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