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Bernd Wagner: „Verlassene Werke“ – Reden ist Gold

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Von: Eberhard Geisler

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Bernd Wagner. Foto: Nikolai Makarow
Bernd Wagner. © Nikolai Makarow

„Verlassene Werke“, die fabelhaften und sehr frischen Aufzeichnungen von Bernd Wagner aus den Jahren 1976 bis 1989.

Bernd Wagner wurde 1948 in Wurzen geboren, dem Ort, aus dem auch Joachim Ringelnatz stammte, lehrte Deutsch und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule Erfurt und an einer Schule in Schmachtenhagen bei Oranienburg, bis er sich 1976 fürs freie Schriftstellertum entschied. 1985 wurde er von den DDR-Behörden ausgebürgert und lebt seither in Berlin-Kreuzberg.

Mit Romanen, Erzählungen, Kinderbüchern, Essays und Gedichten ist er ein produktiver Autor gewesen, aber erst jetzt, mit seinen soeben erschienenen Aufzeichnungen aus den Jahren 1976 bis 1989, dürfte ihm der wirklich große Wurf gelungen sein.

Der Titel des Buchs, „Verlassene Werke“, deutet listig an, begonnene, nie zu Ende geführte literarische Arbeiten nicht für völlig verloren zu geben, sondern wenigstens in ihren unausgeführten Impulsen zu erinnern. Zugleich zielt er auf die bemerkenswerte Entscheidung ab, den altvertrauten Werkbegriff aufzugeben und alles auf eine Empfindung zu setzen, die immer schon festgelegte Genres aufgebrochen – und bedeutende Werke erst eigentlich hervorgebracht hat. Die Zeit war rauschender und voller, als dass einfach hätte weitererzählt werden können.

Wahrnehmung statt Narrativ! Dies ist die Losung, der Bernd Wagner gefolgt ist, überzeugt davon, dass er sich von dem Geschichtsdenken verabschieden musste, das sich der reale Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hatte und dem im westdeutschen Schwarzwald Martin Heidegger ebenso wenig entkommen war. Ein Autor nimmt Reißaus, um ein Individuum zu sein und sich auf seine Weise zu öffnen zur Welt. „Geschichte heißt Tote machen. Kunst und Erotik erzeugen Leben.“

Schon früh begibt er sich auf Wanderschaft, streift 1976 mit seinem Rucksack im Grenzgebiet zwischen Polen und der Tschechoslowakei umher. In einer Jugendherberge im Riesengebirge trifft er auf den gleichaltrigen Polen Krzystof. In wenigen Wortfetzen aus Deutsch, Polnisch und Englisch verständigen sich die beiden, tauschen sich aus, welche Fußballer hüben und drüben sie mögen, stellen aber auch fest, dass sie beide Bachs Brandenburgische Konzerte – „Er sagt: Brrandenburrgerr Konzerrte?“ – kennen und verehren. Schließlich heißt es: „Er sagt: Warszawa. Ich sage: Yes.“ Hier ist ein Autor, der nicht viel Worte machen muss, um zu bestechen.

Das Buch

Bernd Wagner: Verlassene Werke. Faber und Faber, Leipzig 2022. 606 Seiten, 26 Euro.

Trotzdem dürfen wir uns über mehr als 600 Seiten überraschender Prosa freuen, denn auf einmal gilt ja: „Schweigen ist Silber, Reden ist Gold.“ Wieder und wieder widmet der Autor Aufmerksamkeit dem wechselnden Glück seiner verschiedenen Liebesbeziehungen. Mit Vera, mit der er in Erfurt endlich etwas wie ein Künstlerpaar zu bilden erhofft, steigt er frühmorgens auf das Dach der gemeinsamen Mansardenwohnung, um dem Glockengeläut der Kirchen zu lauschen, unzähliger Kirchen, wie er vermerkt – „da machte sich das Dichten gewissermaßen wie von selbst“.

Mit wenigen Strichen gelingen Porträts von Menschen, etwa dem Ehepaar Wolf, das so wichtig für den Literaturbetrieb der DDR war. Bei seinem ersten Besuch in dessen Haus ist er erstaunt, dass Christa Wolf ihm Orangensaft serviert, der nur aus dem Intershop sein kann, und beobachtet, wie Gerhard Wolf, mitten in der Zugewandtheit zu seinen scheu präsentierten Gedichten den Willen zu Kontrolle und Zensur behauptet, indem er mit seinem Bleistift die genehmigten Verse mit einem großen Kreuz versieht.

Von dem Lyriker Karl Mickel weiß er zu berichten, dass er gerne Westklamotten trug, aber billige DDR-Stumpen rauchte, die, wie er schreibt, selbst Bertolt Brecht entrüstet zurückgewiesen hätte, und der „allen Wendungen der Parteipolitik mit wissend lächelnder Einsicht in die Notwendigkeit zu folgen wusste“.

Christa Wolf ist Wagner wohl noch häufiger begegnet, und er bekennt: „Jedes Mal, wenn ich Christa Wolf getroffen habe, fühle ich mich um hundert Jahre gealtert.“ Die Schriftstellerin, die auf einem Sozialismus beharrte, der sie doch mehr und mehr enttäuschte, hat offenbar wenig belebend auf ihn gewirkt. Wagner möchte schreibend alles dafür tun, das Leben vor Erstarrung zu bewahren und zu verteidigen. In den Notizen aus dem Jahr 1979 ist zu lesen: „Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist inzwischen das eines Buchhalters mit nekrophilen Neigungen.“ Bis Tschernobyl sind es zu diesem Zeitpunkt bloß noch sieben Jahre.

Einmal muss dann noch die Melancholie über abgebrochene literarische Existenzen zum Ausdruck kommen, die die Geschichte zum Verstummen gebracht oder in den Wahnsinn getrieben hat: „Ich habe Dieter Schulze seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen... Außer in dem von Luchterhand herausgebrachten Mikado-Band wurde nirgendwo eine Zeile von ihm gedruckt, vom Genie des Ostens, bei dessen Geburtstagsfeier in der Lottumstraße einst Fühmann und Hermlin auf den Matratzen saßen.“

Aber dann schäumt dieses Buch wieder gleichsam über von treffend festgehaltenen Beobachtungen, die wieder zuversichtlich stimmen, von Einblicken in die persönlichen Erfahrungen des Autors und von Reflexionen über Literatur und deutsche Geschichte, so dass es sich beim Lesen als ein wahrer Jungbrunnen erweist. „Meine Technik ist die der fortwährenden kleinen Explosionen.“ Die aber tun niemandem ein Leids an, sondern tauchen die Landschaft in neues, zaghaft liebendes Licht.

Im Westen unseres Landes gibt es Autoren, die noch hochbetagt vor die Kamera treten, um, ihre Selbstzufriedenheit mit Mühe verbergend, Einsichten vorzutragen, die woanders längst besser formuliert worden sind. Hier nun ist frische Literatur von großer Notwendigkeit für das Heute. Man wünscht sich vielen jungen Menschen dieses Buch in die Hand, aus dem ihnen so viel Vertrauen in ihr eigenes Empfinden und Denken zuwachsen kann.

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