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C. Bernd Sucher. 

Autobiografie

C. Bernd Sucher: „Mamsi und ich“ – Gewidmet einer Tragödie

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Autobiografie, Bekenntnisbuch und Befreiungsgeschichte: C. Bernd Suchers „Mamsi und ich“.

Wenn schon nicht der Besuch der Synagoge möglich sein sollte, den die italienischen Faschisten den beiden Jüdinnen im September 1941 verwehrten, so war es doch eine Kirche, auf die die beiden Touristinnen, Mutter und Tochter, auswichen, kunsthistorisch eine erste Adresse, die gotische, die römisch-katholische „Frari“. Das Aufsuchen eines fremden Gotteshauses nicht aus Überzeugung, ein Ausweichen aus Not. Beides zudem ein Vorgriff auf die Zeit nach Vertreibung und Gewalt.

C. Bernd Sucher wäre kein Theaterkritiker aus der ersten Reihe gewesen, wenn er den beiden Frauen beim vergeblichen Versuch, in Venedig ein Bethaus zu besuchen, nicht dennoch eine Bühne bereitet hätte, nachträglich. Obwohl sein Buch eine schonungslose Abrechnung ist – durch diese Szene und nicht nur diese ist es auch eine Tragödie.

Eine Familientragödie, weil der Autor Zeit seines Lebens auf die Zuneigung seiner Mutter verzichten musste. Verwehrt wurde ihm die Anerkennung, von Achtung gar nicht zu sprechen. Die Mutter maßregelt den Sohn, wie er ausdrücklich schreibt. Sie verletzt ihn, wie er ausführlich beschreibt. Sie verrät den Schwulen, als er sich ihr anvertraut. Zudem verrät sie, das ist eine weitere Tragödie, ihre Herkunft als Jüdin.

Für den Sohn, 1949 in Bitterfeld geboren, in Hamburg aufgewachsen, steht das Schicksal der Mutter schon als Kind im Raum, unaufgeklärt, jäh tritt es in den Vordergrund, als sich Mitte der 80er Jahre eine Polin bei der Familie meldet, die der Mutter zur Flucht aus dem KZ Belzec verhalf. Der Sohn machte sich Ende der 80er Jahre auf die Suche nach den näheren Umständen der Erniedrigung der Mutter, ungeheuerlicher Schmach, unausgesprochener Gewalt, auch nach ihrem Tod, im Oktober 2005, recherchierte er weiter, um schließlich, unter den versteckten Notizen von der Tortur der 17-jährigen Margot zu erfahren.

Suchers Buch rekonstruiert eine Recherche du temps terrible, und diese Spurensuche betrifft auch die Nachnazizeit, wenn die Mutter den Sohn eines NS-Staat-Sympathisanten und protestantischen Kirchenrats heiratet, der das Paar nötigt, dass die Jüdin vertraglich einer jüdischen Kindererziehung abschwört. Für den Autor ist es ein Verrat, wie begründet auch immer diese Edukation sein mochte, erklärbar durch die Scham der Mutter.

Das Buch

C. Bernd Sucher: Mamsi und ich. Die Geschichte einer Befreiung. Piper Verlag, München 2019. 255 S., 20 Euro.

Recherche und Edukation – diese beiden Leitmotive bestimmen Suchers Erinnerungsbuch, das eine vehemente Abrechnung ist, da sich die Mutter bei keiner Gelegenheit mit dem Lebensplan und dem Lebenslauf des Sohnes zufrieden zeigt, ob als Volontär oder Jungredakteur in verschiedenen Verlagen oder dann als Theaterredakteur bei der Süddeutschen (der mich als festen Mitarbeiter engagierte und als Autor anspornte). Sucher, der Souverän. Was sich da für ihn überlagerte, zeigt sich daran, dass die Mutter ihm bei jeder Gelegenheit die Großmacht Kaiser vorhielt als eine Kapazität, vor der alle Anstrengungen des Sohns nichtig, ja vergeblich schienen.

Das Buch des frankophilen Autors ist eine Éducation sentimentale in einem eben nicht nur trivialen Sinne, ist es doch so schonungslos wie auch unverschämt, Sucher zeigt erkennbar Freude an dem, was er in einem Zwiegespräch geschickt anspricht, nämlich „jüdische Chuzpe und jüdischen Charme“. Mit solchen Tugenden lässt er bekannte Namen Revue passieren, die großen Namen, darunter Joachim Kaiser, den er sehr gefällig ganz ordentlich wegkommen lässt – nicht zuletzt den von ihm über Jahre heftig attackierten August Everding, dem Sucher dennoch die Professur an Münchens Theaterakademie verdankt. Auch auf diesen Karriereschritt reagiert die Mutter nicht nur hanseatisch nölig, sondern herablassend.

Versagte Liebe, die bereits dem Kind galt, dem Schüler, vor allem, als sich der Junge der Mutter stammelnd anvertraut, schwul zu sein. Der Vater, der den „spleenigen Sohn“ immer schon mit Argwohn, ja Misstrauen begegnete, fällt über den Jungen, den er als „Schwein“ beschimpft, mit einer Lederpeitsche her, in den darauffolgenden Tagen wird er zu einem Psychiater geschickt. Verweigerte Gunst, verweigertes Vertrauen. Ein vielfaches, ein fürchterliches Unglück auch, auf das der Junge mit Flucht eigensinnig reagiert. Zu den Eigenwilligen und Außenseitern in der Literatur, in der Musik, auf der Bühne.

C. Bernd Sucher: Mamsi und ich. Die Geschichte einer Befreiung. Piper Verlag, München 2019. 255 S., 20 Euro.

Der Sohn wird zu einer monströsen Projektionsfläche. Da „Mamsi“ eine eigenständige Karriere versagt blieb, reagiert sie mit maßlosen Anforderungen, nörgelnd, beleidigend, nach Strich und Faden entwürdigend. Ob das Spiel mit Kasperlepuppen oder der musisch begabte Schüler: Kindheit und Jugend erlebt der Sohn als Dressur. Auch als der Journalist erfolgreich ist, rezensiert sie jeden seiner Karriereschritte nicht anspornend, sondern abfällig.

Suchers Buch ist eine extraordinäre Autobiografie, die beides ist – beides sein will: ehrlich gewiss, obendrein eitel. Ein Dandy kokettiert mit seinem Faible für den Luxus, maßlos teure Hotels, exklusive Restaurants, Vortragsreisen auf Luxuslinern. Der Autor erinnert an seinen Enthusiasmus für das russische Theater, für das Leben in Moskau, CBS, der sich seines Narzissmus bewusst ist, flirtet mit „Suchers Leidenschaften“, darunter seiner TV-Präsenz. Das macht das Erinnerungsbuch auch schillernd – als Bürger erhebt Sucher als Mitglied der jüdischen Gemeinde Münchens Anklage gegen den immer dreisteren Antisemitismus.

Über das ihr angetane Unrecht mochte „Mamsi“ nicht sprechen, konnte sie nicht, wie so viele KZ-Opfer, die sich geschämt haben, weil sie überlebten, denen ihr Weiterleben peinlich war. Bei allem Verständnis, zu dem sich der 70-Jährige durchringt, bleibt ihr Verrat an seinem Vertrauen unverzeihlich. „Sie hat mich belogen.“ So beginnt das Buch. Weil sie als Gewaltopfer, mit dem Verlust ihres Weltvertrauens, einem jüdischen Vertrauensverlust, den Glauben auch an ihren Sohn nicht aufbringen konnte?

Seine Mutter hat ihn gedemütigt, erniedrigt, sie sah zu und griff nicht ein, als der Vater dem schwulen Sohn mit der siebenstriemigen Lederpeitsche zwanzig Hiebe verabreichte. „Mamsi und ich“ ist bestürzend und verstörend, das Buch ist eine zugleich unerbittliche und berührende „Geschichte einer Befreiung“, weil die Widmung auf dem Vorsatzblatt, „Meiner Mutter“ ernst genommen wird als die Würdigung einer Tragödie. Beidem hat sich der Sohn tapfer gestellt, der Autor beherzt.

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