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Bernardine Evaristo.
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Bernardine Evaristo.

England

Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“ Da sind noch andere

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Bernardine Evaristo erzählt in ihrem Roman „Mädchen, Frau etc.“ von afrobritischen Biografien.

Bernardine Evaristo, 1959 in London geboren, folgt in ihrem achten, durchschlagenden, 2019 mit dem Booker-Preis geehrten Roman einem auf den ersten Blick einfachen, auf den zweiten großen, aufregenden, dynamischen Plan. Entlang von zwölf größtenteils afrobritischen Biografien – Mütter, Töchter, Großmütter, Freundinnen, Feministinnen, Lesben, glückliche und unglückliche Ehefrauen, Nicht-Binäre, Angepasste, Ungeduldige und Politisierte, Alleinerziehende und Berufstätige – erzählt sie englische und damit auch europäische Geschichten aus einer nicht nur vernachlässigten, sondern weggeleugneten Warte.

Dies geschieht spannend und entspannt zugleich, und obwohl Evaristo anscheinend geradezu systematisch „exemplarische“ Fälle durchgeht – dabei gibt es keine „exemplarischen“ Fälle, das ist das, was wirklich jeder Mensch aus der Lektüre lernen kann –, hat sie einen perfekten literarischen Weg gefunden, sie mit Leben zu erfüllen. In Kapiteln, die immer nur einen einzigen Schlusspunkt haben, setzt sie die also punktlosen und ohne Großbuchstaben startenden Sätze durch zahllose Absätze voneinander ab. Die dadurch entstehende, wirkungsvolle unaufdringliche Atemlosigkeit erinnert an die sanfte Macht des Schriftbildes. Die Perspektivwechsel von Frau zu Frau vollzieht sie ohne Ich-Erzählerinnen, so dass die Stimmenvielfalt zwar durch Vokabeln (von Tanja Handels auf Deutsch ausgezeichnet nachvollzogen) und vor allem sich verändernde Ansichten immens ist, aber von Evaristo in ruhigem Fluss gehalten werden kann. Der Originaltitel „Girl, Woman, Other“ macht im Übrigen noch etwas deutlicher, dass es nicht etwa ums Älterwerden, sondern ums Anderssein geht. Das Älterwerden spielt natürlich auch eine Rolle.

Während sich die britischen Mädchen im Roman noch heute gelegentlich anhören müssen, sie sollten doch nach Hause gehen (damit ist Afrika gemeint), setzt die am weitesten zurückliegende Biografie 1895 ein. Im Roman, nicht in der englischen Geschichte, in der es schon früher Schwarze gab, die Briten und Britinnen waren. 1895 aber geht der äthiopische Seemann Wolde in South Shields an Land und wird der Vater des Kindes von Daisy: Grace, die einen Weißen heiratet, und die Mutter von Hattie wird. Hattie lernt bei einem arrangierten Tanztee mit schwarzen amerikanischen Soldaten Slim kennen – eine der zahlreichen großen Liebesgeschichten im Roman.

Slims 15-jähriger Bruder ist gelyncht worden, Slim ist entschlossen, nicht wieder nach Amerika zurückzukehren. Die Kinder von Hattie und Slim sehen fast aus wie Weiße. Hattie hört, wie ihr Sohn einem anderen Jungen erzählt, „Slim, der gerade die Schafe auf die Weide führte, sei ein Leiharbeiter“. Beide Kinder heiraten Weiße. Als der Freund der Tochter um ihre Hand anhält, versichert er den Eltern, er liebe sie von Herzen, „trotz ihrer Hautfarbe“. Hattie staunt, dass Slim ihn nicht „wegnietet“.

Hatties Enkelkinder sind noch weißer, was Hattie nicht stört (Slim, der nicht mehr lebt, wäre traurig gewesen, weiß sie), „sie hat sich nur daran gestört, dass sie alle gegen Chimango waren, als er auf der Bildfläche erschien, ein Krankenpfleger aus Malawi, der im selben Krankenhaus arbeitete wie Julie“, eine Enkelin. „Chimango war es, der Julie ermunterte, den Kinder Bilderbücher mit Schwarzen zu kaufen / er meinte, sie müssten in den Büchern Kinder erleben, die so aussahen wie sie“. Hattie fragt sich, ob es solche Bücher früher schon gab und sie also eine schlechte Mutter war. So gehen Wellenbewegungen durch die Generationen, und der Fortschritt besteht nicht darin, weißer zu werden (wie Hatties Kinder zu glauben scheinen), sondern möglichst man selbst zu sein.

Das Buch

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc. Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Tropen, Stuttgart 2021. 509 S., 25 Euro.

Amma, die heimliche Hauptfigur, ist in den siebziger Jahren eine emanzipierte, selbstbewusste, kämpferische Afrobritin. Ihr früh gestorbener Vater kam aus Ghana, der Vater ihrer Mutter aus Nigeria. Amma ist politisiert, aufgebracht und chancenlos. Sie will zum Theater, mit ihrer Forderung nach diverseren Rollenbesetzungen stößt sie schon auf der Schauspielschule auf Granit. „wie gemacht zur Sklavin, hatte ein Regisseur einmal zu ihr gesagt, als sie kam, um für ein Stück über Sklavenbefreiung vorzusprechen / worauf sie gleich wieder kehrtmachte“. Ihre Freundin Dominique lernt sie bei einem Casting für einen Gefängnisfilm („was sonst?“) kennen.

„Mädchen, Frauen etc.“ ist eine Geschichte der ungeheuerlichsten, beiläufigsten Beleidigungen. Auch eine Geschichte der Gewalt, der verschwiegenen Vergewaltigungen. Auch eine Geschichte der rigorosen Gegenreaktionen, die eine groteske Note haben können – es mangelt Evaristo und vielen ihrer Figuren nicht an Humor und Sinn für Ironie. Die verliebte Dominique folgt Nzinga, in die USA folgt, um dort unter deren herrische Knute zu geraten. „Nzinga war abstinente, vegane, nichtrauchende, radikalfeministische, separatistische Lesbe“. Dominique „war trinkende, mit Drogen experimentierende, kettenrauchende, lesbische, feministische Fleischfresserin und Discogängerin“. Manchmal gibt es auf Dauer kein Zueinander. Im Roman fliegen die Fetzen, mehr als einmal.

Den jeweils völlig individuellen Schicksalen stehen die gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber: Die zerstörerische Schulpolitik der Thatcher-Regierung wird angeprangert, wie es im heutigen, lethargischen England längst nicht mehr üblich ist.

Evaristo erlaubt sich und uns zugleich eine optimistische Ebene, ohne (zu) sentimental zu werden, vor allem, ohne die Schärfe zu verlieren. Ammas Stück „Die letzte Amazone von Dahomey“ wird in Brexit-Tagen am National Theatre uraufgeführt, Ammas um Jahrzehnte verspäteter Durchbruch als Autorin. Die Premiere dient als Klammer für das Menschenpanorama, in dem nämlich zusehends alles miteinander zusammenhängt. Auch viele Männer kommen vor. Männer sind aber diesmal die, über die die anderen reden und urteilen.

Ammas Tochter Yazz zum Beispiel könnte die Zukunft sein. Die freundliche Yazz, die ganz unterschiedliche Freundinnen hat. Sogar das weiße Landei Courtney darf dabei sein, die ahnungslos „Bauchtanz“ sagt, aber großartig tanzt. Yazz ist von der nicht-binären Person Morgan so fasziniert ist, dass sie gleich überlegt, ebenfalls nicht-binär zu werden. Yazz ist nicht naiv, sie ist jung und offen. Vor Beginn der Vorstellung bindet sie ihren Afrolook zusammen, aus friedlicher Rücksichtnahme. Hinter ihr wird jemand sitzen, der auch etwas sehen will.

Bernardine Evaristo im Gespräch mit Jackie Thomae: Live-Sendung aus Berlin am Do., 25. Februar, 20 Uhr. blog.tropen.de

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