30 Jahre Mauerfall

Berliner Begegnung

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Autorinnen und Autoren aus Ost und West blicken auf die Mauerstadt zurück.

Was habt ihr damals gelesen?“, fragt Moderatorin Birgit Dahlke, die Katja Lange-Müller, Jan Faktor und Bert Papenfuß schon lange kennt, denn sie hat über die inoffizielle Literatur aus der DDR promoviert. „Diensthunde richtig führen“, nennt Katja Lange-Müller als Beispiel. Klingt ulkig, entsprach aber der Wahrheit, weil sie als Schriftsetzerin damals natürlich die Manuskripte genau lesen musste, die sie zum Druck brachte. Ihr eigenes Schreiben sei aus lauter Notwehr gegen das entstanden, was sie lesen musste. Und später auch aus dem Drang, das loszuwerden, weiterzuverbreiten, was sie als Hilfsschwester in der Psychiatrie erlebt hatte.

„Widerständiges Schreiben im geteilten Berlin“ lautete das Thema im Literaturforum im Brecht-Haus, wo eine Ost- und eine West-Runde zu Wort kam. Vermutlich war es Dahlke, die an der Humboldt-Universität arbeitet, zu danken, dass auch Nachgeborene im Publikum saßen. Auch die hier Schreibende weiß: Wer die Achtziger bewusst erlebte, ist heute nicht mehr jung.

Faktor und Papenfuß sprachen auch darüber, dass die später viel erforschten inoffiziellen Zeitschriften wie „Mikado“, „Anschlag“ oder „Schaden“ nur ein sehr kleines Publikum erreichten. Gehört wurde man im Grunde nur bei den Wohnungs-Lesungen in Prenzlauer Berg. Und da konnte jegliche Form von Dichtkunst mehr Effekt erzielen als Prosa. Faktor stellte Beispiele vor, wie er aus dem „Rückläufigen Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ Nonsens-Wortschlangen baute, etwa „Trauma Duma Pharma Puma“. 1978 aus Prag gekommen, lernte er Deutsch unter anderem mit Ernst-Jandl- und Dada-Texten.

In der zweiten Runde sprachen die in West-Berlin geborenen Tanja Dückers und Michael Wildenhain. Eigentlich passte Emine Sevgi Özdamar thematisch nicht so recht zu ihnen, denn sie war 1965 erstmals in die Inselstadt gekommen, aber dann als Schauspielerin zurück in die Türkei gegangen. Als sie 1976 wiederkam, war sie eine Grenzgängerin – wohnte in einer Wohngemeinschaft im Westen und arbeitete im Osten an der Volksbühne bei Benno Besson. Was sie aber aus ihrem Roman „Seltsame Sterne starren zur Erde“ über die WG vorlas, klang wie eine Zeitreise in eine skurrile Welt und stieß auf ein begeistertes Publikum.

Völlig frei und wirkungslos

Wildenhain stellte den Hauptunterschied zwischen den beiden Gesprächsrunden klar. „Bei uns konnte man schreiben, was man wollte, und es hatte null Wirkung“, sagte er. Vor allem in den Kreisen, in denen er sich bewegte – alternative Wohngemeinschaften, Haus- und Fabriketagenbesetzer, vor allem in Schöneberg. Der Mythos Kreuzberg sei erst im Rückblick entstanden. Dückers las Anekdoten aus ihrem Buch „Mein altes West-Berlin“ und wies darauf hin, wie die Gentrifizierung in den 80ern den Westen veränderte. Auf dem Gymnasium in Grunewald sei sie „die aus Wilmersdorf“ gewesen. In der Fasanenstraße gab es eine Kohlenhandlung, das heutige Literaturhaus war ein Puff. Die Ostberliner, sagte Dückers, seien ihr nie so fremd gewesen wie die Bayern. „Ich bin erst nach er Wende zum Wessi geworden.“

Da meldete sich Lange-Müller aus dem Publikum. Sie war 1984 nach West-Berlin ausgereist und erinnerte daran, dass alle dort so taten, als kämen sie aus Hannover. Die Mauer war auch eine Sprachgrenze. Und heute? Das Berlinische stirbt langsam aus. Aber das ist eine andere Geschichte.

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