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Man kam auch fernmündlich ins Gespräch: Eine Berliner Telefonzentrale im Jahr 1904.

Berlin-Reportagen von Hans Ostwald

Das Leben selbst soll sich mitteilen

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Berlin die am schnellsten wachsende Großstadt der Welt. Der Journalist Hans Ostwald war ihr begeisterter Stalker.

Großstadt-Dokumente“ hieß die Buchreihe, die zwischen 1904 und 1908 in Berlin erschien. Herausgegeben von dem Journalisten und Kulturhistoriker Hans Ostwald (1873-1940). 51 Bände, jeder um die einhundert Seiten schmal, geplant als eine Gegenüberstellung der Großstädte Berlin und Wien, wurde es dann doch vor allem das umfangreichste Porträt des Berlin um 1900. Die Bände beschäftigen sich mit Banken und Prostituierten, mit der Modeindustrie und der Arbeiterbewegung, mit dem Scheunenviertel, mit Schwulen und Lesben, mit dem Nachtleben und den Sportvereinen. Natürlich fehlen auch nicht die „Sekten und Sektierer Berlins“.

Im Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher werden derzeit nur zwei Bände angeboten. „Das Zuhältertum in Berlin“, das damals eine Mark kostete, ist heute für 50 Euro zu haben. Für „Zehn Lebensläufe von Berliner Kontrollmädchen und zehn Beiträge zur Behandlung der geschlechtlichen Frage“ werden 80 Euro gefordert.

Wessen Verlangen auf die Bände aber geweckt wurde, kann die meisten von ihnen im Internet lesen. Darunter auch „Die Tribadie Berlins“, eine von den Behörden schnell verbotene Darstellung des lesbischen Berlins. Am Anfang des Bändchens steht eine zwanzigjährige Fabrikarbeiterin, die aus ihrem Leben erzählt. Das tun auch eine Schriftstellerin, eine Klavierlehrerin, Prostituierte und Fürsorgezöglinge. Neben diesen „Interviews“ gibt es kurze Erörterungen zum Beispiel über „Gleichgeschlechtliche Frauenliebe und Strafgesetz“ und „Weibweibliche Liebe in naturwissenschaftlicher Beleuchtung“. Wer die Frauenbewegung der siebziger Jahre und die Auseinandersetzungen darin zwischen Lesben und Heteros erlebt hat, wird das Kapitel über „Frauenbewegung und weibweibliche Liebe“ aufschlagen und feststellen, dass nichts so neu war, wie es uns damals erschien. Der Klassiker der Reihe, der inzwischen in immer neuen Auflagen erschien, ist Magnus Hirschfelds „Berlins Drittes Geschlecht“.

Thomas Böhm hat jetzt im Galiani-Verlag eine Auswahl aus den „Großstadt-Dokumenten“ vorgelegt. 400 Seiten Einblicke in eine vergangene Welt. Das ist kaum die halbe Wahrheit. Blickt man nicht nur auf das Beschriebene, sondern auch auf die Beschreibung, dann erschrickt man und denkt: Das ist genau das, was wir heute brauchen. Nein, wir brauchen keine Buchreihe. Wir brauchen die Neugierde, die Umtriebigkeit, mit der Hans Ostwald die gerade erst entstehende Großstadt Berlin erkundete. Hans Ostwald war kein Flaneur. Er ging nicht müßig durch Berlin und notierte, was ihm begegnete. Er erforschte die Stadt. Seine Mitarbeiter setzte er ein wie Suchtrupps. Leute, die sich auskannten in den von ihnen beschriebenen Milieus. Sie mussten aber bereit sein, den Leser mit auf ihre Streifzüge zu nehmen. Er sollte dabei sein, wenn sie mit Bankern und Banditen sich unterhielten.

Im ersten Band schreibt Hans Ostwald: „Diese Großstadtdokumente sollen über die eigenartigen Persönlichkeiten und Bevölkerungsschichten, über die sittlichen und sozialen Zustände unserer modernen Großstädte Licht verbreiten. Sie sollen nicht aus Vergangenheiten, aus staubigen Urkunden und alten Nachrichten ihren Inhalt schöpfen. Sie sollen aus dem vollen Leben heraus ihren Extrakt geben. Nicht über Bücher oder über Kunstwerke soll gesprochen werden – das Leben selbst soll sich mitteilen, soll als Stoff dienen. Und zwar das moderne Leben: das Leben der Großstadt.“ Man liest das und denkt: Wie viel leichter ginge das heute. Mit all den Mitteln, die wir haben. Wir können die Menschen interviewen und sie dabei zeigen. Die Pausen, wenn sie nicht gleich eine Antwort wissen und die Freude darüber, dass ihnen endlich mal jemand zuhört. Wir treffen sie, wie Ostwalds Mitarbeiter es taten, an ihren Arbeitsplätzen, in ihren Wohnungen oder in den Bretterverschlägen, unter denen sie Schutz suchen.

Das Buch

Hans Ostwald: Berlin - Anfänge einer Großstadt. Szenen und Reportagen 1904-1908. Hrsg. v. Th. Böhm. Galiani, Berlin 2020. 416 Seiten, 28 Euro.

Es gibt eine Kleinigkeit, die die Voraussetzung für jedes einzelne der Ostwaldschen Großstadtdokumente ist: Hans Ostwald meint nicht. Er beschreibt, er zeigt. Er klagt nicht, er prangert nicht an. Das Urteil wird suspendiert. Seine Neugierde auf die Vielfalt, auf das Abenteuer hinter der nächsten Ecke, ist viel zu groß, als dass er noch Energie hätte für die Analyse, für den Blick aufs Ganze. Den er freilich mit mehr Material versorgt als irgendjemand sonst. Hans Ostwald hat keine Lösungen. Das ist ein Mangel, aber neben Ostwald gab es Georg Simmel. Der unterrichtete seit 1900 an der Berliner Universität, freilich unbezahlt und Prüfungen durfte er auch nicht abnehmen. Er war Jude. Simmel schrieb über Mode und Großstadt, über Frauen und Abenteuer, aber auch über Moltke als Stilist, über Schopenhauer und Kant, über Geld und soziale Differenzierung und immer – bei aller Liebe zum, ja, bei aller Verliebtheit ins Detail – , mit dem Blick aufs Ganze, angetrieben von der Frage: Wie funktioniert Gesellschaft? Wie der Einzelne in und mit ihr und auch gegen sie?

Simmels Vorlesungen waren gesellschaftliche Ereignisse der Hauptstadt. Hätte Ostwald sich auch um den Wissenschaftsort Berlin gekümmert, Simmel hätte darin vorkommen müssen wie Max Planck, der in Berlin damals die Quantentheorie entwickelte und sich für die Relativitätstheorie des Berner Patentamtsangestellten Albert Einstein einsetzte.

Berlin war damals die modernste Großstadt der Welt. Viele waren begeistert. Viele tauchten darin unter: vor den Pogromen in Russland fliehende Juden, Schwule und Lesben, Anarchisten und Verbrecher. Der Hass der deutschen Provinz stürzte sich auf das Berliner Sündenbabel. Die Stadt aber sagte zu allem: Wir schaffen das. Zur Armut und zum Reichtum, zu Zilles Milljöh und zu Leoncavallos Oper „Der Roland von Berlin“, einem Auftragswerk von Wilhelm II. Hans Ostwalds „Großstadt-Dokumente“ sind ein animierendes Zeugnis dafür, dass das Neue nicht als Bedrohung erfahren werden muss. Man kann auch darauf zugehen, es sich genauer ansehen und weitergehen zum nächsten Neuen und es mit derselben Lust betrachten. Einfach, weil man so etwas noch nicht gesehen hat.

Heute sind wir so vernetzt, dass wir die verschiedenen Blickwinkel, An- und Draufsichten alle fast gleichzeitig hinzuziehen können. Es gibt keinen Grund mehr, ausgerechnet in einer Buchreihe das Leben selbst sprechen zu lassen. Aber die Qualität vieler der Ostwaldschen Texte liegt darin, dass in ihnen sich die Zuwendung aufs Heute verbindet mit dem Wissen darum, wie es dazu kam.

In „Lebeweltnächte der Friedrichstadt“ schreibt Richard Dietrich: „Als das „Linden-Casino“ gegründet wurde, hatte man im Allgemeinen noch wenig Neigung, bei den Nachtfahrten bis zu den Linden hinaufzugehen. Zwischen Leipziger Straße und Passage spielte sich das ganze Nachtleben ab und es hat einige Mühe gekostet, bis es gelang, die Bummler auch ein paar Häuserreihen weiter nach Norden zu hinaufzuziehen.“ Die Stadt ist Tag und Nacht in Bewegung und Ostwald und seine Équipe mit ihr. Mit Mitlaufen ist es da freilich nicht getan. Man muss auch einmal stehenbleiben und sehen, was sich wie in welcher Geschwindigkeit verschiebt. Diese Zeit muss der Beobachter sich nehmen, wenn er die Leser mitnehmen soll. Diese Zeit muss ihm gegeben werden. Die Zeitungen gaben sie Ostwald damals nicht.

Thomas Böhm hat aus den mehr als 5000 Seiten der Ostwaldschen Großstadt-Dokumente auf 400 Seiten 50 Passagen ausgesucht. Er hat in einem Vorwort Ostwalds Projekt und sein Leben vorgestellt. Ostwald wandte sich später den alten Folianten zu und wurde zu einem Autor außergewöhnlich populärer Kulturgeschichten. Immer mehr drängte es ihn dazu, seine Meinung kundzutun. Bis er am Ende bei den Nazis landete. Böhm stellt Oswalds Autoren vor und für die, die in seine Spuren treten wollen, gibt es ein Verzeichnis der Straßen, Orte, Stadtteile und Lokalitäten.

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