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Ecke Wolliner und Bernauer Straße, Berlin-West.

Berlin-Fotos

Berlin: Alltag im Angesicht der Mauer

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Der Fotograf Bernard Larsson näherte sich der Stadt Berlin von Ost und West aus.

Bernard Larsson, geboren 1939 in Hamburg, wuchs in Schweden und in der Bundesrepublik auf. In den 50er Jahren studierte er in München Fotografie, ging Anfang der 60er Jahre nach Paris und wurde Assistent von William Klein. Das erste Foto, das ich von ihm sah – er arbeitete für den „Stern“ – war das vom 2. Juni 1967 mit dem toten Benno Ohnesorg auf der Straße. Ein Foto, das um die Welt ging und alle paar Jahre wieder abgedruckt wird. Der Generation der heute 70-Jährigen hat es sich ins Gedächtnis gebrannt. Mitsamt dem Entsetzen, dass deutsche Polizei einen demonstrierenden Studenten totschoss. „Wieder“, sagten wir damals.

Das erste Buch, das ich von Bernard Larsson kaufte, hieß „Demonstrationen. Berliner Modell“. Es erschien 1967 in der von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin herausgegebenen Reihe der Voltaire-Flugschriften. Es sei, so berichtet Bernard Larsson, der Mauerbau gewesen, der ihn Paris verlassen und nach Berlin ziehen ließ. Hier verbrachte er viele Jahre seines Berufslebens. Im Jahr 2017 erschien bei Steidl in Göttingen: „Berlin Photographs 1961-1968“ und jetzt dieser Band bei Schirmer/Mosel: „Berlin / Berlin – Die ganze Stadt zur Zeit des Mauerbaus 1961-1964“.

Der Sohn eines Schweden und einer Deutschen konnte dank seines schwedischen Passes leicht zwischen Ost-Berlin, wo er in der Krausnickstraße wohnte, und West-Berlin wechseln. Larssons Aufnahmen zeigen das zerstörte Berlin. Die von den Straßenkämpfen der Endphase des Zweiten Weltkrieges verwundeten Häuser. Die Fassaden, von denen der Putz abgefallen ist und nie wieder erneuert wurde.

Wir sind in den frühen 60er Jahren. Man sieht keinen Unterschied zwischen West und Ost. Bis man sich eingesehen hat. Die zugemauerten Fenster – das ist Ostberlin. Genauer: Das ist die nach Westen gerichtete Wand eines Hauses an oder gar auf der Grenze. Der beleuchtete Ernst Reuter Platz – das ist der Westen.

Das Foto Norbert Wieners, des Vaters der Kybernetik, führt mich erst in die Irre. Es hängt im Schaufenster einer Ostberliner Buchhandlung. Es erinnert an die kurze Blüte, die die Kybernetik als die Wissenschaft der Steuerung von Systemen, in der DDR hatte. Es erinnert auch daran, dass der Wettbewerb der Systeme noch nicht entschieden schien. Bei einer Doppelseite wird die Schwierigkeit, zwischen West und Ost zu unterscheiden, überdeutlich. Die Hauswand beider Aufnahmen scheint dieselbe zu sein. Der graue, abbröckelnde Verputz wie von einer einzigen Kelle auf die Mauer geworfen, darauf hier wie dort Graffiti. Aber links ist der Rest eines Plakats zu sehen „Der Sozialismus ist stärker“ und rechts verrät die Bildunterschrift: Kreuzberger Kinder.

Noch etwas ist auffällig. Es sind alles Deutsche. Hüben und drüben. Die Gastarbeiter sind zwar schon da. Aber sie prägen noch nicht das Straßenbild. Tagsüber sind sie in den Fabriken, abends in den Heimen, am Wochenende am Bahnhof. Dahin muss man, wenn man sie fotografieren will. Das war aber nicht Larssons Zielgruppe. Jedenfalls nicht bei diesen Aufnahmen. Er war am Alltag interessiert. Am Alltag angesichts der Mauer.

Da ist zum Beispiel das Foto von Westberliner Passanten Bernauer, Ecke Wolliner Straße. Ich wüsste gerne, von wann die Aufnahme ist. Wir wissen noch nicht einmal, was sie zeigt. Blicken die Leute auf die Mauer oder sind sie Augenzeugen des Mauerbaus? Und Larsson mit ihnen? Dem heutigen Betrachter dieser Aufnahmen kann man nicht laut genug sagen: So sah damals der Westen aus!

Neben den Fotos von Straßenszenen und Demonstrationsmärschen gibt es auch Porträts: Wolf Biermann, Tilla Durieux, Günter Grass, Peter Handke, Uwe Johnson, Fritz Lang, Andrzej Wajda, Helene Weigel, Peter Weiss. Peter Handke von 1966! Ein Popliterat mit Beatles-Frisur auf einem Sofa hingefläzt, neben sich eine langbeinige, miniberockte, großäugige Unbekannte. Wolf Biermann im Riesensessel seiner Wohnung in der Chausseestraße: klein und frech. Und seinem Vater, dessen Foto neben ihm an der Glasscheibe eines mit Manuskripten vollgestopften Schrankes klebt, unfassbar ähnlich. Ich lese mich schnell fest in den Aufnahmen. Sie sind mir fremd und vertraut zugleich. Diese Welt liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. So lange wie damals das Kaiserreich. Ich habe sie erlebt, aber ohne diese Bilder wüsste ich mich nicht mehr recht an sie zu erinnern.

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