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Lavinia Schulz schuf unter anderem die Ganzkörpermaske „Bibo“. Im Berit Glanz‘ Roman überwindet die Heldin die Generationen, die sie von der 1896 geborenen Künstlerin trennen.

Literatur

Berit Glanz‘ „Pixeltänzer“: Die Kunst ohne virtuelle Welten

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Eine Begegnung mit der Autorin Berit Glanz, die in ihrem Roman „Pixeltänzer“ und in ihrem Leben analoge und digitale Welt verbindet.

Die Debütantin hat am Tag nach ihrer Buchpremiere eine große Tasche neben sich stehen. Sie wird gleich wieder nach Hause fahren, an die Ostseeküste. Wir treffen uns an der Berlinischen Galerie, die passt gut als Hintergrund zu ihrem Roman. Noch war sie nicht drinnen. Aber ihr fällt auf, dass groß „BG“ an der Hauswand steht. Sie liest gern Zeichen.

Berit Glanz hat am Dienstag in der Lettrétage in Berlin-Kreuzberg zum ersten Mal aus ihrem ersten Buch gelesen, „Pixeltänzer“, und der Saal war voll. Es gehört zu den Phänomenen der Medienrevolution, dass die Buchpremiere von einer Autorin wie ihr so viel Publikum anziehen kann. Der Frankfurter Schöffling-Verlag hat kaum Werbung gemacht. Glanz ist keine Schauspielerin oder Popmusikerin, die für ihr Romandebüt mit ihrer Prominenz aus dem Fernsehen rechnen durfte. Nein, sie ist Skandinavistin, arbeitet an der Universität Greifswald. Allerdings hat diese Frau mehr als 4000 Follower auf Twitter. Bei unserem Treffen am Mittwochmittag im Museumscafé sagt sie, dass sie daher sehr, sehr viele im Publikum kannte. Einer twitterte am Morgen: „Menschen erkannten sich an ihren Profilbildern und stellten sich mit ihren Usernamen vor. Es war, ungelogen, rührend.“

Wer ihre Nachrichten liest, weiß viel mehr über Berit Glanz, als der Klappentext des Buches verraten würde: Sie lebt mit Mann und Kindern in Greifswald, gehört zum sogenannten akademischen Mittelbau. Mit Kollegen aus verschiedenen Städten experimentierte sie im vergangenen Semester, sich online und schnell über Texte auszutauschen – als #RelevanteLiteraturwissenschaft.

Berit Glanz isst gern Lakritze und Spaghetti-Eis. Sie ist erschüttert, wenn Franzbrötchen nicht schmecken. Sie wundert sich, warum der Berliner Senat mehr Autoren als Autorinnen Arbeitsstipendien zuerkennt. Sie besitzt viele Lippenstifte. Sie sorgt sich anlässlich des Großbrands bei Lübtheen wegen der Munition in mecklenburgischer Erde. Und sie wurde im selben Provinzkrankenhaus geboren wie Carola Rackete, der ihre Hochachtung gilt.

Berit Glanz.

Das hat alles nichts mit ihrem Buch zu tun. Oder doch so viel, dass man sich leicht die Frage beantworten kann, ob die Person, die im Roman „ich“ sagt, mit ihr identisch ist. Kann sie gar nicht sein. Dieses Ich heißt Elisabeth, lässt sich Beta nennen, wie die Test-Versionen von Computerprogrammen. Beta arbeitet in einem Start-up mit durchdacht eingerichteten Räumen unter lauter jungen ehrgeizigen Leuten, die auf Meetings ihre neuen Aufgaben erfahren. „Ich sehne mich manchmal nach analogen Dingen in meinem Leben“, sagt sie, „Platten und Bücher gehören nicht dazu.“ Dafür stellt sie mit einem 3-D-Drucker kleine weiße Tiere her, die nach und nach ihre Wohnung bevölkern. Als sie auf die Geschichte der 1896 geborenen Zeichnerin und Schauspielerin Lavinia Schulz stößt, die ihre Erfüllung darin fand, in selbstgebauten Masken und Kostümen zu tanzen, denkt Beta (etwas umständlich): „Das Leben in einer solchen Welt muss ohne ein virtuelles Leben unfassbar viel präsenter gewesen sein, aber auch wahnsinnig eng und begrenzt.“

Berit Glanz, geboren 1982, die sich mit den virtuellen Möglichkeiten auskennt, die ihre Figur mit Apps durch den Alltag führt, kokettiert hier mit ihrer Zeitgenossenschaft. Später im Roman führt sie die beiden Geschichten immer enger zusammen. Mit Programmierbefehlen auf einer eigens erstellten Webseite überwindet ihre erfundene Heldin aus der Gegenwart die 100 Jahre, die sie von ihrer historisch verbürgten Figur trennen. Das ist ein toller Erzähltrick. Glanz baut reale Kreuzungspunkte ein, wenn Beta Lavinas Geburtsort Lübben besucht. Und sie gibt im Verlauf des Romans zu erkennen, dass es ihr auch darum geht, zu erkunden, unter welchen Bedingungen Frauen ihre kreativen Ideen verwirklichen können.

Sie sei skandinavisch sozialisiert, sagt Berit Glanz, das Du liegt ihr näher als das Sie. Mir, der Journalistin, käme sonst nicht die Idee, meine Gesprächspartner gleich zu duzen. Seit ein paar Monaten folge ich @Beritmiriam auf Twitter, deshalb scheint sie mir vertraut. Anders als Sibylle Berg, die ihren jüngsten Roman „GRM“ witzig, zuweilen provokant vielfach wie eine Marke postete, anders als die Journalistin und Buchautorin Jana Hensel, die sich nur zu bestimmten Themen äußert (wie der Wahrnehmung des Ostens), anders als zahlreiche Politiker oder Sportler wirkt Berit Glanz grenzenlos offen.

Eigentlich lasse sie auch viel weg. „Ich höre ganz oft, ich bin in der Realität genauso wie auf Twitter“, sagt sie. Von ihren Kindern schreibe sie ganz bewusst. „Da sehe ich mich in einer Art Vorbildfunktion. Autorinnen und Wissenschaftlerinnen reden fast nie davon, dass sie auch Mütter sind.“ Dabei bestimmen die Kinder ihr Konto an verfügbarer Zeit.

Berit Glanz: Pixeltänzer. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt 2019, 256 S., 20 Euro.

Meistens gehe es ihr gut in ihrer Nische mit den Buchmenschen, sagt sie. Doch langsam gebe es auch Übergriffigkeiten, gegen die sie sich wehren müsse. Was heißt das konkret? „Die blockt man dann weg, Trolle, Leute, die einen massiv angreifen und beleidigen.“ Sie sei generell sehr dialogbereit, aber vor Leuten, die ihr zu nahe kommen wollen, müsse sie sich schützen. „Es gibt auch viel schlimmen Rassismus und Sexismus auf Twitter.“

Ihre Wendung „skandinavisch sozialisiert“ umfasst einiges: Die Sprachkenntnisse als Grundlage ihrer Arbeit, viele Jahre Aufenthalt in Schweden und Island, das Zusammenleben mit einem Isländer. Aber wie bringt sie Literaturwissenschaft und Literatur zusammen? Weiß sie nicht zu viel vom Schreiben? „Wahrscheinlich ist das eher von Vorteil. Ich lese den ganzen Tag, analysiere Literatur, spreche über Literatur. Das inspiriert mich. Und ich glaube, das informiert auch mein Schreiben.“

Wenn man das weiß und liest, wie akkurat sie manche Tweets formuliert, irritiert es, wenn sie im Roman häufig das Attribut „sonderbar“ benutzt, anstatt zu erzählen, inwiefern sich das so Bezeichnete von der Norm unterscheidet. Oder wenn ihre Beta einführt, ihr fiele ein altmodisches Wort ein, nämlich „schelmisch“ – später aber ein ähnliches aus dem Altpapier holt, ohne es zu ironisieren: „verschmitzt“. Auch die Verbindung ihrer beiden Erzählebenen knirscht manchmal.

Es wird interessant sein zu sehen, wie Berit Glanz weiter mit ihren verschiedenen Rollen umgeht. Wenn eine Autorin, die gerade ihr Debüt veröffentlicht, sich darüber mokiert, dass zwei männliche Kollegen mit dem Vorschuss für ihre Bücher prahlten, kann man das auch als Neid lesen. Sie sieht das nicht so. „Ich glaube, dass alle viel, viel mehr über Geld sprechen sollten. Mit den sehr hohen Vorschüssen geht ein Privileg einher: Die Leute haben Zeit zum Schreiben. Sollte es nicht viel mehr Stipendien für Autoren geben?“ Es wundere sie, dass das Gespräch über Geld oft mit einem Geschmäckle verbunden sei, gerade in Bezug auf Kunst wollten viele davon nichts hören. Anke Stellings im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Schäfchen im Trockenen“, der das thematisiert, nennt Berit Glanz „einen großen Befreiungsschlag“. Lavinia Schulz, die Maskentänzerin in „Pixeltänzer“, musste hungern.

Durch die Buchveröffentlichung offiziell zur Schriftstellerin geworden, möchte sie Demut und Dankbarkeit zeigen – so wirkt es zumindest. Sie lobt ihren Verlag dafür, das Buch einer Frau, die über Technik und Computer schreibt, ins Programm genommen zu haben. Als am Dienstagabend angekündigt wurde, dass sie noch signieren werde, sagte sie, es wäre noch schwierig für sie. „Es kommt mir so vor, als würde ich die Bücher aus dem Regal meiner Eltern nehmen und etwas reinschreiben – was man ja eigentlich nicht macht.“ Die jungen Literaturwissenschaftler, mit denen sie auf Twitter in engem Austausch steht, amüsieren sich gern über dicht gefüllte Bücherregale als überlebte Bildungssymbole. Sie liest selbst vor allem auf dem Handy.

Das Aufnahmegerät ist aus, wir sind schon beim Verabschieden. Berit Glanz will schnell nachsehen, wie viel Zeit ihr für die Ausstellung bleibt, wenn sie ihren Zug schaffen will. Dann sagt sie noch: „Ohne diese sozialen Medien wäre ich doch in der Provinz und mit kleinen Kindern weitab von allem. Aber so kann ich Teil eines Netzwerks sein.“ Stimmt. So kam sie nach Berlin und traf lauter alte Bekannte.

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