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Bericht von der Front

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Von: Sylvia Staude

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Adrian McKintys lakonischer Krimi „Die Sirenen von Belfast“ erzählt von einer Zeit, in der in Nordirland die "Troubles" tobten.

Er schaut immer unter sein Auto, ehe er losfährt. Er spricht von „terroristischen Angriffen“. Aber auch, spöttisch, von „optimistischen Kolonialbeamten“ – diese „pflanzten andauernd Bäume und unterstützten Pläne zur Beseitigung der Wandschmierereien“. Es gibt Krieg um eine obskure Inselgruppe namens Falklands. Und im Vorjahr starb der hungerstreikende Bobby Sands im Gefängnis. Dieser Inspector, so lässt sich spätestens da präzise festlegen, arbeitet im Nordirland des Jahres 1982.

Adrian McKintys „Die Sirenen von Belfast“ ist ziemlich nagelneu (das Original erschien 2013), spielt aber mitten in den hässlichen, dreckigen, tödlichen nordirischen „Troubles“ der 80er Jahre. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Männer saufen, rauchen, richten sich zugrunde, kleine Mädchen spielen Straßenalltag, indem sie „Detonationsgeräusche“ machen. Und „die Bullen“ sind ohnehin allen egal: „Vorhänge bewegten sich, Lichter gingen an, doch ganz gleich, was geschah, niemand, absolut niemand würde etwas hören oder sehen, selbst wenn jemand zufällig einen Bullen umbrachte. Streichen Sie das. Vor allem, wenn jemand zufällig einen Bullen umbrachte.“

Der Kollege guckt "Dallas"

McKintys Polizist trägt den soliden irischen Namen Sean Duffy, ihm an die Seite gestellt ist der begeistert „Dallas“ guckende Detective Constable McCrabban, genannt Crabbie. Zwar geht es gleich mit einer kleinen Schießerei für die beiden los, aber nur mit einem – beziehungsweise gegen einen – tattrigen Hausmeister, der nicht begreifen will, dass sie die Polizei sind. Ein glamouröser Action-Krimi ist das nicht, sondern etwas viel Besseres: Ein lakonisch-ironischer Bericht von einer Front, die inzwischen glücklicherweise einigermaßen befriedet ist.

McKinty, geboren 1968 in Belfast, macht Inspector Duffy zu seinem lakonisch-ironischen Erzähler. Duffy ist verliebt in die rothaarige Pathologin, nimmt aber auch andere Angebote gern mal an. Er ist ein ordentlicher Polizist, privat aber ein Durchmogler – ein durchaus gängiger Krimi-Typ also. Politisch nur mäßig interessiert, dafür sehr an der gerade aktuellen Musik. Man kann ihm das nicht verübeln.

Die Handlung scheint bei McKinty mit einer gewissen Beiläufig- und Zufälligkeit zu passieren, aber dieser Eindruck täuscht, vertäut er doch zuletzt alle Ermittlungsfäden gut. Diese scheinbare Lässigkeit gegenüber der Konstruktion macht doch auch einen Teil des Charmes von diesem Kriminalroman aus: Man ahnt von Anfang an, dass der angebliche IRA-Mord, der Sean Duffy seltsam vorkommt, ihm zu Recht seltsam vorkommt. Aber es werden eben nicht, wie so gern im Durchschnitts(fernseh)krimi, falsche Fährten um der falschen Fährten willen gelegt. Adrian McKinty hat literarische Ambitionen, wie schön – und gelungen.

„Die Sirenen von Belfast“ ist stark in Zeitkolorit und staubiger, ziemlich hoffnungsloser Atmosphäre. Am Ende versammelt sich „eine kleine Menschenmenge“ und demonstriert für Jobs, „immer und immer wieder, für die Kameras“. Eine Sturmfront mit bitterkaltem irischem Regen wird sie schließlich verscheuchen.

Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Suhrkamp Verlag 2014. 388 Seiten, 19,95 Euro.

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