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In der Klinik durchläuft er verschiedene Phasen. epd

Depression

Benjamin Maack: Sprache kann die Dämonen nicht fassen

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Benjamin Maack hat ein Buch über Depressionen geschrieben: „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein.“

Wenn Sie Geschichten mögen“, schreibt Benjamin Maack, „dann legen Sie das Buch lieber weg. Ich nehme Ihnen das nicht übel.“ Der Hinweis steht auf Seite 57 unter der Überschrift „Disclaimer“. Das Wort aus der Internetsprache dient üblicherweise der Absicherung vor dem Inhalt verlinkter Webseiten. Benjamin Maack warnt vor seinem eigenen Buch „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“. Es passt sehr gut in diese Zeit.

Ein Mann, der bereits wegen einer schweren Depression in Behandlung war, merkt, dass er wieder Hilfe braucht. Er weist sich selbst in die Psychiatrie ein. Er steigt vor der Klinik aus dem Auto und schreibt, „ich rollkoffere über den Platz“. Klingt doch ganz souverän, oder?

In der Klinik wird Maack dann verschiedene Phasen durchlaufen, wird sich fragen, ob er den Vorstellungen der Ärzte entspricht, beobachtet Nebenwirkungen und Nutzlosigkeit von Medikamenten, schildert Gruppengespräche und Beschäftigungstherapien.

Das Buch:

Benjamin Maack: Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 334 Seiten, 18 Euro.

Das alles steht in kurzen Abschnitten, die oft nicht mal eine Seite füllen, selten über mehrere gehen. Der Autor misstraut seiner Erzählung: „Was ich hinschreibe, wird auf dem Papier zu Geschichten und Pointen. Sprache ist nicht gemacht, um Dämonen vorzuführen.“ Wie er aber die Begegnung mit beängstigenden Diagnosen, Kopfschmerz, Schlafproblemen und Fühllosigkeit schildert, hat eine große Wirkung.

Pointen sind es kaum, was er da serviert. Auch wenn die Passage, in der er beim Zähneputzen auch noch Wahrnehmungsstörungen im Mund fürchtet, geschickt erzählt ist und mit einem bittersüßen Knalleffekt endet. Auch wenn es lachhaft wirkt, wie er aus einem Buch über Depressionen zitiert: „Stellen Sie sich vor, dass es anderen schlechter geht.“

Benjamin Maack arbeitet mit Wiederholungen, die im Leserinnen-Kopf weiterpochen, er stellt mit Pausen die Lese-Routine infrage. Einmal formt er die Psychopharmaka zu einem Gedicht, gerät der Ausruf „Fuck!“ zum Bild. Nein, das ist keine gute Geschichte, das sind Notizen, die ein geübter Autor – Maack arbeitet als Redakteur beim „Spiegel“ und hat Kurzgeschichten- und Gedichtbände veröffentlicht – seiner Krankheit abgerungen und in knappe, überzeugende Form gebracht hat.

Maacks Korrektiv ist die Familie. Obwohl ihm sein Leben abgestorben scheint, da „es nicht mehr von Gefühlen durchblutet“ sei, tauchen ihm wiederholt die Bilder der Frau und der beiden Söhne auf. Sie quälen ihn mit Selbstzweifeln, sie stärken ihn in seinem Widerstand: All die Sorgen, all die Arbeit, die er ihnen aufhalst. Sie ängstigen ihn, wenn er über Selbstmord nachdenkt: Wer würde ihn wie finden?

Es gibt viele Weisen, dieses Buch zu lesen, abhängig von den Sorgen. Schmerzen, Bildern, die den Lesenden selbst quälen mögen – gerade in dieser Zeit der Beschränkungen. Die Geduld und Liebe der Frau des Autors sind nicht oft erwähnt, bilden aber klar den Überlebenshintergrund. Sie zeigen: Alleinsein birgt Gefahren.

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