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Ben Wilson: „Metropolen“ – Mitten durch schöpferische Zerstörungen hindurch

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Von: Arno Widmann

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Shanghai während einer Rekordhitzewelle im Sommer 2017.
Shanghai während einer Rekordhitzewelle im Sommer 2017. © afp

Ben Wilsons führt uns in „Metropolen“ durch 6000 Jahre Weltgeschichte.

Im Jahr 1987 fand in Westberlin die Internationale Bauausstellung statt. Es ging bei ihr vor allem darum, wie Städte wieder zu angenehmen Wohnorten gemacht werden können. In den Vereinigten Staaten flohen die Mittelschichten aus den Stadtzentren. Die wurden dem Drogenhandel und der Armut überlassen. Man begann von „schrumpfenden Städten“ zu sprechen. Ein paar Stadtplaner aus den USA fragten mich: „Wo sind die Slums von Berlin?“ Ich hatte mir diese Frage noch nie gestellt. Also dauerte es einen Moment, bis ich antwortete: „Es gibt keine.“ Danach dauerte es noch eine Weile, bis ich begriff, dass das der Beweis dafür war, dass Berlin keine Metropole war.

1979 war ich nach Westberlin gekommen und hatte gedacht, so muss es im mittelalterlichen Rom gewesen sein. Die wenigen Menschen einer einstigen Weltmetropole fallen in den gewaltigen Straßen nicht weiter auf. In der Stadt hatten einst zehnmal so viele gelebt. Es gab viele Trümmergrundstücke und freie Flächen. Es gab aber auch jede Menge ungenutzten Wohnraum. Kein Ort für Slums.

Der 1980 in London geborene Ben Wilson ist ein erfolgreicher Sachbuchautor, der auch für eine Reihe britischer Zeitungen schreibt. Sein neuestes jetzt auch auf Deutsch vorliegendes Buch heißt „Metropolen“, ein mitreißender Ritt durch 6000 Jahre menschlicher Stadtgeschichte. Vom im heutigen Irak gelegenen Uruk, der „Mutter aller Städte“, bis ins nigerianische Lagos entfaltet er ein Stück Weltgeschichte, ein verwirrendes, pulsierendes Panorama.

Ben Wilson macht uns schnell vertraut mit dem Unterschied zwischen Städten und Metropolen. Städte sind jene Orte, in denen alles fußläufig zu erreichen ist: die Handwerker, die Stadtverwaltung, die Kunst und das schöne Leben. Also Tübingen, Freiburg, Lübeck, Florenz, Pisa usw. Also alles das, was wir an Europa lieben. Ben Wilsons Buch beginnt mit dem Satz: „Am heutigen Tag ist die Stadtbevölkerung um fast 200.000 Menschen gewachsen.“

Das ist eine andere Dimension. Sie kommt herein durch die gewaltigen Wachstumsraten der Metropolen Asiens und Afrikas. Seit etwa zehn Jahren lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten, heißt es. Städte – das klingt idyllisch. Nach Bürgertum und Stadtmauer. Damit hat es nichts zu tun. Hören wir „Metropole“, dann denken wir an die Wolkenkratzer-Landschaften von zum Beispiel Shanghai, neben der sich die New Yorks so bezaubernd altmodisch ausnimmt. Und wie rührend ist erst unser geliebtes Frankfurt, das ein multikulturelles Dorf am Rande eines überdimensionalen Flughafens ist.

Der Mensch ist zwar seit 6000 Jahren eine städtebauende Spezies, aber noch vor 200 Jahren wohnten gerade einmal zwei bis fünf Prozent der globalen Menschheit in Städten. Das mochte regional und in verschiedenen Epochen der Weltgeschichte unterschiedlich gewesen sein – Mittelasien war einmal das „Land der tausend Städte“ -, aber am Gesamtbild änderte das kaum etwas. Städte sind Orte der Verdichtung. Metropolen vervielfachen diesen Prozess. „Die globale Wirtschaft ist auf wenige Städte und Stadtregionen zugeschnitten. 2025 werden bereits 440 Städte mit einer Gesamtbevölkerung von 600 Millionen (sieben Prozent aller Menschen) für die Hälfte des weltweiten Bruttosozialprodukts verantwortlich sein.“ Eine gefährliche Situation. Daran besteht kein Zweifel. Städte waren immer gefährdet. Von einem fremden Stern aus könnte man auf die Idee kommen, Städte seien in Wahrheit die Erfindung von Viren und Bakterien, die ideale Möglichkeiten für ihre Verbreitung schaffen wollten. Wer nach menschlicher Beute suchte, um sie zu versklaven, der überfiel am besten Städte. Ein einziger Sieg und Zehntausende Gefangene wurden gemacht und verschleppt. Sie sitzen dann an den Wassern Babylons und weinen.

Die Städte an der Seidenstraße wurden immer wieder von Nomaden überfallen, geplündert, dann aber sich selbst überlassen. So konnten sie über Jahrhunderte sich immer wieder erholen.

Das Buch

Ben Wilson: Metropolen – Die Weltgeschichte der Menschheit in den Städten. A. d. Engl. v. Irmengard Gabler. S. Fischer 2022. 574 S., 34 Euro.

Städte wurden reich, weil in ihnen Menschen aus allen Himmelsrichtungen mit den unterschiedlichsten Fertigkeiten zusammenkamen. Sie konkurrierten miteinander – Vater war nicht mehr automatisch der Beste -, kopierten voneinander und verbanden Techniken, die bis dahin weit auseinandergelegen hatten. Der Handel mit diesen Artikeln ließ die Städte weiter wachsen. Der seit ein paar Jahren beschworene „Brain Drain“ gehörte von Anfang an zur Stadt hinzu.

Ben Wilson blickt hinter Uruk zurück auf die Anlagen des älteren anatolischen Göbekli Tepe. Keine Stadt, sondern ein Heiligtum von Jägern und Sammlern, errichtet von Tausenden von Menschen. Hier wurden die Götter oder die Geister verehrt. Riesige Anlagen, die wohl nur saisonal genutzt wurden. Aber eine kleine Besatzung hielt sie womöglich das ganze Jahr über in Schuss. Auch im Zentrum Uruks stand erst ein Tempel, dann waren es zwei. Die Stadt entstand für die Götter. Hier wohnten sie. Das war in China nicht anders als in Amerika. Die Städte bildeten die kosmische Ordnung ab. Der Stadtplan war eine Himmelskarte. Das himmlische Jerusalem oder auch „Los Angeles“, „Stadt der Engel“, künden bis heute von diesen Ursprüngen.

Ben Wilson erzählt diese Geschichten. Er erzählt auch, dass die Städte von Anfang an problematisiert wurden. Nicht erst Jefferson, Gandhi und die Roten Khmer trauten ihnen alles Böse zu. Jefferson, schreibt Wilson über den Gründungsvater und Sklavenhalter, „machte kein Hehl aus seiner Befürchtung, die Vereinigten Staaten könnten durch allzu große Städte ebenso verdorben werden wie die Europäer“.

Wilson erzählt auch vom Gilgamesch-Epos. Die Stadt muss nicht Feind der Natur sein. Sie können, das ist laut Wilson die Botschaft dieser mehr als 4000 Jahre alten Geschichte, auch gut miteinander auskommen.

Das ist auch Wilsons Botschaft. Allerdings angereichert durch die Erfahrungen, die die Menschheit und der Autor mit Zehntausenden von Städten gemacht hat. Schon Uruk wurde zwei Mal geboren. Beim ersten Mal hervorgegangen – wie viele andere Städte in ganz andern Weltteilen auch – aus Inseln in Wasserwegen, vertrocknete sie in einem Klimawandel und musste sich neu erfinden. Also neue Mittel der Kommunikation im Innern und mit der Außenwelt. Das gelang.

Es gelang immer wieder. Städte haben mächtige Reiche überlebt. Sie zogen sich zusammen, schrumpften für ein paar Jahrhunderte und wuchsen dann wieder. Untergänge gibt es unentwegt. Wie es auch Aufstiege und Renaissancen unentwegt gibt. Das einzig wirkliche Ende wäre die Isolation. Sie mag so splendid erscheinen, wie sie will. Die einzige Hoffnung ist die Verdichtung. Das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen auf engem Raum.

Es kracht dort und es gibt Tote, aber es gibt auch neues Leben. Ben Wilsons Buch ist ein Buch über „Metropolen“. Darum ist es auch ein Buch über die Möglichkeiten unserer Spezies. Die führen nicht an Katastrophen vorbei, sondern mitten durch sie hindurch. Das – nicht das Leugnen der Untergänge – macht Hoffnung: „Heutzutage lebt eine Milliarde Menschen – einer von vier Großstädtern – in einem Slum. Etwa 61 Prozent der Arbeitskräfte weltweit – zwei Milliarden Menschen – bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Schwarzarbeit in der Schattenwirtschaft.“ Aber zu diesem verstörenden Bild gehört auch: „In der ersten Generation von Migranten aus den ländlichen Gebieten in die Favelas von Rio de Janeiro lag die Analphabetenrate bei 79 Prozent, heute können 94 Prozent ihrer Enkelkinder lesen und schreiben.“

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