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Die Belfast-Archive von Claudio Hils

In Belfast sind in den vergangen dreißig Jahren eine Menge guter Fotografien entstanden, und alle handeln sie von Entwurzelung. Zwei deutsche Fotografen, die

Von ULF ERDMANN ZIEGLER

In Belfast sind in den vergangen dreißig Jahren eine Menge guter Fotografien entstanden, und alle handeln sie von Entwurzelung. Zwei deutsche Fotografen, die von der lokalen Galerie Belfast Exposed Photography eingeladen wurden und dort ausstellten, haben sich gezielt auf anderes Terrain begeben: Axel Boesten warf einen kühlen Blick auf das prosperierende Irland; Kai-Olaf Hesse beschäftigte sich mit einer älteren verdrängten Erinnerung, der Titanic, die in Belfast vom Stapel gelaufen war.

Claudio Hils, als dritter, ist zum nordirischen Traditionsthema zurückgekehrt. Begonnen unter dem Titel Belfast becoming past, Belfast becoming future, ist daraus ein reserviertes Ensemble quadratischer Farbfotografien geworden, das man, formal, durchaus als Parodie auf die Bibliotheksinterieurs Candida Höfers betrachten könnte.

Die Ausstellung, die im Juni zu Ende ging und als Buch bei Hatje / Cantz weiterlebt, heißt nun Archive_Belfast. Tatsächlich sind es nur ein Dutzend Institutionen, deren Archive Hils besucht, genauer: beschnuppert hat. Da gibt es ein People's Museum, dessen Depot aus Hinterzimmern besteht, in denen Artefakte unter Plastikplanen angehäuft wurden. Da findet man unter dem Dach des Costello Hauses der Irish Republican Socialist Party die Agitationsgarderobe. Hils dokumentiert diese chaotischen Archive - sind es Archive? - mit militanter Sorgfalt.

Auf der anderen Seite, bei den Royalisten, kommt er ohne Rumpelkammern aus. Hils zeigt hier die pathetische Musealisierung der Reliquien, vom ausgestopften Heldenrüden bis zu völkisch bepinselten Pauken, die rechts und links vom Computertisch Platz genommen haben. Ebenso große Pauken, anders dekoriert, findet man in einem staubfreien Hinterzimmer der Polizeiwache Knock Road. Eine andere Wache bietet über 24 Farbmonitore Einblick in das Straßenleben Belfasts, wobei sich in der Glasscheibe des Kontrollraums die Porträts der Gesuchten spiegeln. Von der Polizei geht es zum Gericht - ein Gebäude in desolatem Zustand - und zum Krankenhaus, wo sich der Fotograf im Archiv der Röntgenaufnahmen Schussverletzungen zeigen lässt, die reproduziert in sein eigenes Archiv übernommen werden.

In dieser Kombination von Details und Interieurs ergibt sich sehr schnell die Frage, wer diese Organisationen genau sind, die Claudio Hils so akribisch dokumentiert hat. Es gibt zwar präzise Bildlegenden (Gerichtsgebäude, Crumlin Road, Gerichtssaal 1, Anklagebank), aber es fehlt ein Text über die besuchten Orte und Organisationen - eine Reportage. Stattdessen springen gleich fünf Autor(inn)en, das Vorwort mitgerechnet, dem Fotografen bei, um seine Unternehmung zu vermitteln. Dass die "Analyse des Archivs" als "privilegiertes Gebiet" (Michel Foucault) einem bestimmten Gedankengebäude entstammt, wird selbst in einem akademischen Text ("Über Gedächtnisräume") nicht deutlich. Vor allem findet sich keine Stimme, die plausibel macht, wie Hils den Begriff des Archivs soweit hat dehnen können, dass sogar die fehlende Feuerschutztür eines privaten Wohnhauses dieser Definition zugeschlagen wird. Nur wenige der dokumentierten Orte nennen sich wirklich "archive", so wie das rührende Blechregal unter dem Dach des Clonard Monastery.

Es ist gut, dass Fotografen, wenn Zeitschriften auf Klein-klein machen und sich an schwierige Themen nicht mehr heranwagen, große Fragen selber stellen. Aber es ist auch ein Manko der dokumentarischen Fotografie, dass sie - durchaus in Analogie zur zeitgenössischen Kunst - eine Fülle von Interpretation auf sich zieht, während sie aus den Quellen, denen sie ihre Inspiration verdankt, mehr als notwendig ein Geheimnis macht.

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