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„Schnell aufs Dreirad, fahr, fahr, fahr!“

Meg Wolitzer

Wie bekommen die anderen das hin?

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„Die Zehnjahrespause“, Meg Wolitzers detailreicher Mütter-Roman aus den 2000ern.

Meg Wolitzers Roman „Die Zehnjahrespause“, der jetzt mit Zehnjahresabstand ins Deutsche übersetzt wurde, erzählt von einer Zeit, die einem noch länger vergangen scheinen mag. Denn hier draußen rasen die Ereignisse vorüber, während im Buch eine sagenhafte Streckung der Zeit möglich ist, über Dutzende von Seiten Amy Lamb zwar über allerlei nachdenkt, aber es immer noch nicht geschafft hat, ihren Sohn zu wecken.

Der Roman kam 2008 auf Englisch heraus, die Handlung spielt in der Mitte der nuller Jahre in New York und lässt das 9/11-Trauma noch präsent erscheinen. Auf den Nachttischen liegen die „Briefe eines in Irak kämpfenden Vaters an seinen neugeborenen Sohn“ (aber die Eltern sind zu erschöpft, um abends im Bett zu lesen). Die Finanzkrise ist in Sicht, jedoch noch nicht in den Nachrichten. Eine Beunruhigung ist schon da, der Eindruck, über die Verhältnisse zu leben. Amy Lamb bemüht sich am Ende wieder um einen Job, weil die Kleinfamilie finanziell nicht zurechtkommt. Für Amy ist das nicht so schlecht. Einen Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit, ihrer Notwendigkeit und einer daraus resultierenden Zufriedenheit stellt das Buch weniger in Frage, als es die gesellschaftlichen Diskussionen der Gegenwart nahelegen.

Dass in einem liberalen westlichen Großstadthaushalt im 21. Jahrhundert die akademisch ausgebildete Frau die Finanzen nicht überblickt, ist deprimierend, „Die Zehnjahrespause“ aber kein deprimierendes Buch. Es fehlt ihm sogar eine Härte und Schärfe, was es tatsächlich aber erst recht böse macht. Antonia, Amys Mutter, eine feministische Autorin, beginnt die Verlage und Leserinnen mit ihren historischen Romanen zu langweilen, die selbst historisch zu werden scheinen. Gegen Überdruss und diesen unangenehmen Bekanntheitseffekt ist alles Engagement vergebens.

Meg Wolitzer: Die Zehnjahrespause. Roman. Dumont. A. d. Engl. v. Michaela Grabinger. 416 S., 24 Euro.

Man hat sich eingerichtet, Frauen stehen auch alle Möglichkeiten offen. Ihre Männer lernen sie kennen, als sie genau wie diese irgendwo im Job anfangen, nicht schlechter ausgebildet und vom Gefühl her nicht weniger ehrgeizig. Dann bekommen sie Kinder. Antonia hat angefangen, die Tür zuzumachen, um schreiben zu können, Amy hat ihr kindliches Entsetzen über die ad hoc nicht mehr vollumfänglich verfügbare Mutter verwunden, aber nicht vergessen.

Meg Wolitzer, Jahrgang 1959, fragt exemplarisch den Status quo bei vier New Yorker Müttern um 2006 ab. Der Status quo der 40-Jährigen ist nicht wirklich befriedigend, aber auch nicht dramatisch schlecht. Amy Lamb versteht nur nicht, warum sie abends immer so erschöpft ist und hätte gerne mehr Infos darüber, wie all die „kompetenten, klugen Frauen mit fordernden, verantwortungsvollen Jobs“ das machen. Ihrerseits ist sie damit befasst, „Spieldates“ für ihren Sohn zu treffen, „und man durfte es niemals mit ironischem Unterton sagen“.

Überhaupt liegt so eine Ironielosigkeit in der Luft, für die Meg Wolitzer bereits vor zehn Jahren ein gutes Gespür bewiesen hat. Eine Ironielosigkeit im öffentlichen Bewusstsein, nicht im Privaten, schon gar nicht im Faktischen. Die Jungs, die dem Privatschüler die Jacke klauen, kennen die anderen vom Hand-in-Hand-Tag, bei dem die gutsituierten Kinder sich mit sozial benachteiligten Gleichaltrigen anfreunden sollen.

Jill Hamlin und ihr Mann haben alles versucht und dann ein Kind aus Rumänien adoptiert. Er kommt prima mit dem scheuen Mädchen zurecht, sie hadert mit ihrer Mutterliebe. Als einziges der vier Paare sind sie „rausgezogen“ – eine Überlegung, die „nach dem Anschlag“ offenbar viele hatten. „Mad Men“-Zuschauerinnen haben die adretten Vorstädte von New York fürchten gelernt. Allzu viel scheint sich nicht verändert zu haben.

Roberta Sokolov und ihr Mann sind ein Künstlerpaar, unmöglich davon zu leben in einer an ineffizienter Kleinkunst immer weniger interessierten Welt. Ja, die Paarkonstellationen sind modellhaft, Wolitzer aber füllt sie nicht nur mit Details, sondern auch mit Leben, viel mehr Leben als Details.

All die Entfremdungen, Beschämungen, Lügen

Karen Yip ist ein Mathegenie. Zum Spaß absolviert sie ab und zu ein Bewerbungsgespräch. Ihr Mann verdient aber glänzend. Ihre Eltern haben noch in der Küche eines asiatischen Restaurants geschuftet, wir müssen uns die Aufsteigerin Karen Yip als glückliche Frau vorstellen.

Obwohl „Die Zehnjahrespause“ Schurken kennt, sind die Männer der vier Mütter friedfertig und vielleicht sogar ein wenig arglos. In einer poetischen Szene, der einzigen poetischen Szene des Buches, aber gleich unvergesslich, beobachten die Frauen – aus gewissen Gründen im Gebüsch versteckt – die Männer und Söhne bei einem obligatorischen Vater-Sohn-Wochenende am Lagerfeuer. Sie singen Joan Baez’ „Donna Donna“. „Die Männer sangen wie Engel. Keinerlei hörbare Ironie schwang in ihren oft so ironisch klingenden Stimmen mit.“ Die Frauen sind verblüfft, „woher kannte Wilson überhaupt den Text?“

Im scheinbar glasklaren Spiegel von Meg Wolitzers Sprache – geradeaus, unverziert und vielleicht sogar etwas förmlich übersetzt von Michaela Grabinger – zeigt sich das moderne Leben ohne Verdruss und ohne Verschönerungen. Von Kapitel zu Kapitel wechseln die Perspektiven zwischen den vier Frauen, die sich schon lange kennen und als Mütter nun regelmäßig in einem bestimmten Café treffen. Einschübe widmen sich ihren Müttern, wobei es Wolitzer auch hier gelingt, Stereotype hinter ihrer erstaunlichen Fähigkeit verschwinden zu lassen, eben doch Menschen und keine Schablonen vorzustellen. Fehleinschätzungen, Entfremdungen, Beschämungen, kleinere und größere Lügen können sich durch die Perspektivwechsel im Stillen entfalten, während ohne Unterlass geplaudert und diskutiert wird.

Das Leben in „Die Zehnjahrespause“ hat dabei etwas Enges, und es entsteht nicht der Eindruck, dass das allein ein Mütterproblem ist. Amys Mann erzählt halt vom Büro. Er hat früher so gerne gelesen, beim viel zu teuren Urlaub versucht er vergeblich, sich auf „Doktor Faustus“ zu konzentrieren. Das sind keine existenziellen Probleme (obwohl der Tod immer auf der Lauer liegt), Wolitzer leugnet es nicht. Daraus entsteht in diesem Fall auch eher eine Kühle, sogar eine Kälte, die dem Buch gut steht.

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