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Beiträge zum Existenzminimum

Elisabeth Borchers wahrt in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen die letzten Geheimnisse ihres Fachs

Fünf Poetikvorlesungen später ist wieder offenbar geworden, wie eisern die Poesie ihre letzten Geheimnisse (das Geheimnis ihres Entstehens, das Geheimnis ihrer Gültigkeit) für sich behält. Märchen: "Auf der Suche / nach etwas Schönem wie Schnee / ging ich leer aus / bis es des Wegs zu schneien begann." Der Anglist Klaus Reichert griff hoch bei seiner Einführung im Literaturhaus, wo Elisabeth Borchers am Vorabend ihrer letzten Vorlesung zu Gast war: Die Empfindung, so etwas könne er doch selbst schreiben, hege mancher auch beim Anhören einer Mozart-Melodie. Das Einfachste ist, wie man schon hörte, das Schwierigste. Das stimmt aber nicht immer dermaßen wie im Falle der Lyrikerin Borchers.

Fünfmal gab sie unter dem Titel "Lichtwelten /Abgedunkelte Räume" Auskunft. Es stand bereits in der Zeitung, dass sie das zu einem guten Teil in einem langen Gedicht tat. So umkreiste sie mit den Mitteln derselben die Geheimnisse der Poesie. Zitierte sich selbst: Ein Gedicht sei nicht diktierbar. Es setze nicht Kenntnisse voraus, sondern Erfahrung. Erzählte, wie sie 1959 den Shanty What shall we do with the drunken sailor falsch übersetzte (mit er- statt betrunken) und wie daraus das Gedicht eia wasser regnet schlaf wurde.

Das war in Stunde 2, die "Das Geheimnis des Anfangs" hieß und es am Ende wahrte. Dafür unterhielt Elisabeth Borchers das Publikum mit den hanebüchenen Leserbriefen, die sie nach dem Abdruck des Seemann-Schlafliedes in der FAZ 1960 erreichten. Da lachten die heutigen Zuhörer, und da sagte sie: "Was erwarten die Leute eigentlich von einem Gedicht." 20, 30 Zeilen, "die der Realität entfliehen und ihre eigene unnütze Realität bauen" dürften.

Offenbar seien den Leserbriefschreibern weder Kandinsky noch Schönberg noch Nono bekannt gewesen. "Die einen", sagte die 77-Jährige, "wissen es ohnehin, die anderen wollen es nicht wissen."

Später beantwortete die Dozentin die Frage "Wozu Gedichte" so zügig wie wuchtig. "Das Gedicht ist uns selbst auf der Spur", und: "Darum gehören sie zu unserem Existenzminimum." "Lichtwelten" hieß die Stunde, und Elisabeth Borchers nutzte sie, um auf Verse von Kollegen aufmerksam zu machen (eigenartigerweise: die letzte hieß "Abgedunkelte Räume" und handelte von Kolleginnen). Es verstand sich und zeigte sich ununterbrochen, dass die langjährige Suhrkamp-Lektorin eine hellwache Leserin ist. Gar streng war sie in der Stunde "Das Amt des Übersetzers". Wer "warme Würstchen" auf dem Bahnsteig verkaufen ließ, der hatte bei ihr schon verspielt.

Den Zuhörern gab die Dozentin Aphorismen ("Die Steigerung des Gedichts ist das Liebesgedicht"), wundersame Erinnerungen (die Vase zerbricht, "oh", sagt das Kind) und Namen (William Carlos Williams, Mechthild von Magdeburg darunter) mit, die ihnen noch von Nutzen sein werden. Dass über allem eine atemberaubende Traurigkeit lag, hing wohl damit zusammen, dass so viele Menschen schon tot sind, und wir hier im Hörsaal VI es auch alle sein werden in nicht 70 Jahren. Mit Blick auf zwei Eichendorff-Gedichte sprach Elisabeth Borchers von dieser "Prognose der Einsamkeit".

Sie schloss mit Jurek Beckers Jakob, der Lügner. Ihr ist nicht entgangen, dass sich ein deutscher Wachhabender bei dem Ghettobewohner bedankt, als der ihm ein Feuerzeug aufhebt. Der Täter beim Opfer, mitten im Krieg. Und dass das ein gewaltiger Moment ist. Elisabeth Borchers bevorzugte es, über wesentliche Dinge aller Art zu sprechen.

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