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Beim zarten Bärbeiß

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Dazu gibt’s noch ein Kind in der ausreichend schwierigen Beziehungsgeschichte aus dem finnischen Norden.
Dazu gibt’s noch ein Kind in der ausreichend schwierigen Beziehungsgeschichte aus dem finnischen Norden. © REUTERS

Viel Drama, lapidar erzählt: Die Nordland-Geschichte „Nordlicht – Südlicht“ ist das Romandebüt des Finnen Mooses Mentula und besticht mit Ruckzucksätzen.

Von Sabine Vogel

Doch, es gibt Rentiere in Finnland! Zumindest im hohen Norden, in Lappland, das bis zum noch gar nicht so lange vergangenen Einbruch von Nationalstaaterei und moderner Zivilisation von unabhängigen Nomaden bewohnt wurde, die mit ihren Herden frei herumzogen.

Dahin, wo bis heute die zu den großen Viechern gehörenden „Waldmenschen“ leben, verschlägt es der Liebe wegen die grünäugige Marianne. Dem Titel entsprechend ist die junge Frau aus dem städtischen Kirkkonummi bei Helsinki das „Südlicht“ und ihr Mann Jouni, der bärtige Rentierzüchter das „Nordlicht“. Jouni hat Geldsorgen, die Bank gibt ihm keinen Kredit mehr, Marianne hat Sehnsucht nach dem Süden. Der Konflikt zwischen Norden und Süden, Stadt und Land, Moderne und Tradition, letztlich auch zwischen Mann und Frau ist absehbar.

Marianne ist frustriert in dem öden Kaff, das Wildschweinzüchten füllt sie nicht aus, von der großen Lesekultur der Finnen ist bei ihr nicht viel angekommen, sie vertreibt ihre Langeweile damit, dass sie sich auf einem Online-Portal dürftig mit Perücke verkleidet als Pornoamateurin versucht. Blöd nur, dass sie einmal vergisst, die Webcam nach den erotischen Spielchen abzustellen und ihre heimliche Identität damit auffliegt.

Ein dumpfer Macker-Idiot

Dazu gibt’s noch ein Kind, Lenne, das als Kitt zwischen den streitenden Eheleuten überfordert ist und in der Schule durch Zicken auf sich aufmerksam macht. Damit haben wir auch Jyri, den neuen Lehrer von Lenne, der bald zum Liebhaber Mariannes wird. Jyri kommt auch aus dem Süden, aber in Lappland sucht er nach seinem Erzeuger, der seine Mutter Else damals sitzen ließ. Der stellt sich als dumpfer Macker-Idiot heraus, der nicht einmal von der Existenz seines Sohnes ahnte.

Die Mutter, Mama genannt, immer noch fürsorgend für die Lieblingsspeisen des erwachsenen Kindes zuständig, simst aus dem Krankenhaus, dass es ihr gut geht. Kurz darauf erliegt sie ihrem Krebs. „Die Tränen liefen ihm aus den Augenwinkeln und am Hals hinunter.“

So viel Drama, so lapidar erzählt. Der Autor Mooses Mentula, 1976 geboren, war selber eine Weile als Lehrer in Lappland. Der trockene, zum teil durchaus sehr komische Realismus seines Debütromans dürfte sich auf genaue Beobachtungen der dortigen „Ureinwohner“, ihrer Sprüche und Trinkrituale, ihrer sich verändernden Lebensbedingungen, ihrer Verbohrtheiten, ihrer Verletzlichkeit und ihrer Zweifel stützen.

Seine Ruckzucksätze mit Bildern wie mit Axthieben aus einem urigen Schweigen herausgehauen, erzeugen Leerstellen, in denen sich die seelischen Abgründe in der Banalität auftun wie Nordlichter im monatelang fahlen Nachthimmel.

Diese Prosa kommt wortkarg und simpel daher wie der bärbeißige Vater Jouni, der in der Kneipe schlicht „Alkohol“ bestellt. Und so wie der Wodka klar ist, aber wie ein Historienepos „Finnischer Winterkrieg“ heißt, so ist der holzhackende, nach Zigaretten und dem Benzin des Motorschlittens riechende Vater der zerbrechlichste Mensch von allen.

Der nun auch mutterlose Lehrer Jyri wird seine Vaterlosigkeit akzeptieren und sich wohl im Norden heimatlich arrangieren, die schwangere Marianne wird das Scheitern ihrer Ehe wie den Verlust ihres Sohnes Lenne verkraften und sich auch im Süden wieder in einer trostlosen Mittelmäßigkeit einrichten.

Außer sich vor Schmerz und Zorn über den Ehebruch und den Internetverrat löst Jouni ein Massaker im Wildschweingehege aus, Marianne geht weg und das Kind flüchtet in den Wald. Uns bleibt immerhin eine Andeutung von Happyend.

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