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Lisa Halliday bei der Buchmesse im vergangenen Oktober.

Lisa Halliday

Beim Spielen und im Krieg

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Lisa Hallidays kluger, schön ausgedachter Roman „Asymmetrie“.

Asymmetrie“ ist der erste Roman von Lisa Halliday, 1977 in Massachusetts geboren, Harvard-Absolventin, und es wäre leichtfertig zu behaupten, es spiele keine Rolle, dass ihr ehemaliger Geliebter Philip Roth kaum verbrämt als Ezra Blazer eine der beiden Hauptfiguren im ersten Teil darstellt. Natürlich spielt es sogar eine sehr große Rolle. Die andere Hauptfigur im ersten Teil ist eine Frau Mitte zwanzig namens Alice, die für einen Verlag arbeitet, jammervoll wenig Geld verdient, selbst Schreibversuche macht. Die beiden verlieben sich ineinander. Im Verlag klingt der Name Ezra Blazer wie der Name Gottes. Er gibt ihr sechs Hunderter für eine Klimaanlage. Er kann sich denken, dass sie selbst angefangen hat zu schreiben. „Ein bisschen“, sagt sie. „Schreibst du hierüber? Über uns?“ – „Nein.“ – „Wirklich nicht?“ – „Alice schüttelte hoffnungslos den Kopf. ,Das ist unmöglich.‘“

Ironie der Geschichte. Dass Philip Roth, der im vergangenen Mai starb, das Manuskript noch lesen konnte und es mochte, wie Halliday im Interview berichtet hat, ist kein Wunder. Kein Wunder auch, dass sie darauf besteht, „Asymmetrie“ sei ein Roman, keine Autobiografie. Roth-Leser kennen das Spiel, wissen es zu schätzen und einzuschätzen. Das Privatleben von Lisa Halliday und Philip Roth geht uns überhaupt nichts an, und so behandelt Lisa Halliday es auch. Das ist kein Widerspruch dazu, dass in der Figur Ezra der Autor Philip Roth mitschwingt, sein Ruhm, seine eigene Geschichte. Erst recht ist es kein Blick durchs Schlüsselloch, obwohl Lisa Halliday höchst erzählfreudig ist.

Alice und Ezra führen eine ganz schöne Beziehung. Es wird gefrotzelt – „Lebt sie noch, deine Großmutter?“, fragt er sie, „jep“, sagt sie, „willst du ihre Nummer? Sie dürfte in deinem Alter sein“ –, aber das Ungleichgewicht sucht doch auch eine Balance, die nicht zu haben ist. „Zusammen hatten Ezra und sie siebenundneunzig Jahre gelebt, und je länger sie ein Paar waren, desto mehr verwechselte sie seine Jahre mit ihren eigenen.“ Jedes Jahr bekommt jemand anderes den Nobelpreis.

In sorgfältig gebauten Szenen und Dialogen geht es um Musik und Lebenserfahrung, Politik, Autorschaft, die Freuden und Beschwerlichkeiten New Yorks. Halliday weiß das mit Leben zu füllen, aber „Asymmetrie“ ist auch unverhohlen ein Roman vom Reißbrett, ein ausgeklügelter Entwurf, ein Wurf, der seinem Titel Ehre machen will, nicht nur, indem Alt und Jung, Reich und Prekär, künstlerischer Welterfolg und Lektoratsassistenz miteinander zurechtkommen wollen.

Denn jetzt – Asymmetrie! – wechselt im zweiten Teil die Szenerie. Der aus dem Irak stammende Amerikaner Amar wird im Londoner Transit aufgehalten. Während er mit bürokratischer Gleichmut schikaniert wird – so sind eben die Bestimmungen, würde die bürokratische Gleichmut sagen, wenn sie nicht so stumpfsinnig verschwiegen wäre –, denkt er über seine Familie und sein Leben zwischen den Welten nach. Hatte Alice zu Ezra gesagt, dass sie über „Krieg. Diktaturen. Weltangelegenheiten“ schreiben wolle, und hatte Ezra flapsig erklärt: „Vergiss die Weltangelegenheiten. Die können sich um sich selbst kümmern“ (Alice: das gelinge ihnen eben offensichtlich nicht), so steckt Amars Familie mittendrin in alledem. Asymmetrien: Amars Bruder, wie er in den USA aufgewachsen, erklärt im Irak den künftigen Schwiegereltern das westliche Konzept der Neujahrsvorsätze. „Zahras Familie fand das völlig verrückt. Wer bist du, fragten sie, dass du glaubst, du hättest die Kontrolle über dein Verhalten?“ Nun, sagt der Bruder, er könne immerhin mehr Gemüse essen, mehr joggen, mehr lesen. Und, fragen die anderen zurück, wenn die Gemüsepreise, die Ausgangssperren und die Stromgeneratoren das verhinderten?

„Asymmetrie“ ist aber kein Handbuch für die Welt von heute (obwohl es eines jener Bücher ist, die man zu Informationszwecken ins All schießen könnte). Auch Amars Geschichte ist geschickt erzählt, interessanterweise wählt Halliday die Ich-Form und schlüpft in seine Gedankenwelt, obwohl sie viel weiter weg sein muss. Zweifellos hat sie sorgsam recherchiert, und dass man denken könnte, vielleicht hätte vielmehr Alice sorgsam recherchiert, weil es vielleicht ihr Buch ist, gehört zu den schillernden Reizen des Romans. Der seine Konstruktion, seine Konstruiertheit nicht verleugnet, aber fein ausspinnt. Es gibt winzige Motivwiederholungen (wenn Alice Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ empfohlen bekommt und Amar, sieh an, nachher daraus zitiert).

Rigoros, auch das ist zentral, enthält sich Halliday einer Bewertung der Asymmetrien. Stattdessen hängt sie einen lustigen (traurigen) dritten Teil an, in dem Ezra Blazer doch noch den Nobelpreis gewonnen hat, „für seinen übersprudelnden Einfallsreichtum und seine auserlesenen Bauchrednerqualitäten, die uns, verbunden mit Ironie und Mitgefühl, die außerordentliche Heterogenität des Lebens im modernen Amerika vor Augen führen“. Lisa Halliday ist eine äußerst selbstständige Spötterin vor dem Herrn.

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