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"Der Mensch ist unbelehrbar", sagt die Autorin Angelika Schrobsdorff.

Angelika Schrobsdorff

"Bei mir ist Essig"

Die Schriftstellerin über Israel, Berlin, Menschen und Katzen.

Von CARSTEN HUECK

Einen Mops hätte sie gerne. "Möpse sind die witzigsten Tiere. Mit so einem hätte ich immer etwas zu lachen. Aber ich kann ja meine Katzen nicht noch einmal traumatisieren." Vicki und Puschkin, Prachtexemplare der Gattung israelische Straßenkatze, haben Angelika Schrobsdorff begleitet, als sie vor knapp zwei Jahren von Jerusalem nach Berlin zog. "Die wissen immer noch nicht, wo sie sind. Hier ist doch kein Licht und keine Wärme", erklärt sie.

Schrobsdorffs Wohnung liegt dicht an der Stadtautobahn. Kein Vergleich zu ihrem bisherigen Heim im Jerusalemer Stadtteil Abu Tor. In Büchern hat sie es oft beschrieben: Baumkronen, der blaue Himmel und die Hügel der Judäischen Wüste sah man dort. Warum bloß hat es die Schriftstellerin gegen eine Erdgeschosswohnung im kalten Berlin getauscht? "Wegen des Alters, wegen der Sprache", sagt sie. Und dann: "Weil ich die politische Situation nicht mehr ertragen habe."

Sie zündet sich eine Zigarette an. "Ich habe einen Gerechtigkeitsfimmel", fährt sie fort. Während der ersten Intifada unterstützte Angelika Schrobsdorff eine arabische Familie. "Das hat mich vor dem schlechten Gewissen bewahrt." Damals hatte sie noch Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit ein humanes Miteinander von Israelis und Palästinensern geben könnte. Im Laufe der Jahre ist sie geschwunden. "Annapolis! Dergleichen habe ich schon hundertmal gehört. Raus aus den besetzten Gebieten? Das geht doch gar nicht mehr."

In ihren Büchern hat Schrobsdorff sich kritisch mit den israelischen Verhältnissen auseinandergesetzt. Oft voller Zorn, wie eine enttäuscht Liebende. "Es war mein Volk, ich habe es gewählt. Aber ich konnte mich nie integrieren. Nachdem ich in Europa in jungen Jahren ein Mensch zweiter oder dritter Kategorie gewesen bin, war ich in Israel privilegiert. So gesehen Täter. Das ist schlimmer. Ich sagte mir, das hältst du nicht aus. Du gehst kaputt."

"Jerusalem war immer eine schwere Adresse", lautet der Titel des Buches, das Schrobsdorff ihren Freunden "auf beiden Seiten der Grünen Grenze" gewidmet hat. Über zwanzig Jahre wohnte sie in einer Art Niemandsland zwischen jüdischen und arabischen Nachbarn. Grenzsituationen sind ihr vertraut. Ihr Leben lang hat sie sich zwischen Widersprüchen und gegen Extreme behaupten müssen.

Hat immer einen unabhängigen Standpunkt vertreten und ihr Zuhause gefunden, wo Freiheit und Einsamkeit unmerklich ineinander übergehen. "Einsamkeit war schon in jungen Jahren in mir. Aber sie wird natürlich immer stärker." Ein bisschen Melancholie schwingt mit in diesen Worten, doch nichts Bitteres.

Angelika Schrobsdorffs Eltern waren Berliner. Mutter Else eine höhere jüdische Tochter aus Charlottenburg, Vater Erich ein preußischer Junker. Über ihre Mutter hat sie ihr erfolgreichstes Buch geschrieben: "Du bist nicht so wie andere Mütter". Eine halbe Million Exemplare wurde davon verkauft, in der Verfilmung 1999 spielte Katja Riemann die Else. "Meine Eltern waren Extreme", sagt Schrobsdorff. Die Mutter, leidenschaftlich und lebenslustig, verkehrte in Berliner Künstlerkreisen der 20er Jahre, hatte Freunde und Affären. Erich Schrobsdorff war eher nüchtern. "Mein Vater machte keinen Gebrauch von Frauen. Ihn interessierten seine deutschen Dichter und Denker. Er war immer geistig abwesend."

Dennoch liebte ihn die Tochter. "Ein wunderbarer Mann. Ich habe ihn verehrt. Jeden Wunsch hat er mir erfüllt. Ich wollte einen Hund und bekam zwei. Ich wollte ein Pony und bekam Ponys. Als ich mir ein Gut wünschte, sagte er allerdings oh la la." Doch selbst das bekam sie. Eine traumhafte Kindheit, könnte man meinen. Mitnichten. "Ich habe in geschlossenen Gehegen gewohnt." Bis heute ist Angelika Schrobsdorff eine tiefe Abneigung gegen falsche Etikette, gegen gekünstelte bürgerliche Verhaltensformen geblieben. Paris, wo sie mit ihrem dritten Ehemann, dem Regisseur Claude Lanzmann, lebte, hielt sie deswegen nicht aus.

Ihre Freunde in Berlin kommen zumeist aus Deutschlands Osten. Dort, sagt sie, habe sie Interesse, Offenheit und Wärme erfahren. Im Westen kämen ihr alle vor wie Schaufensterpuppen. "Mit diesem angeknipsten ewigen Grinsen. So aufgetakelt. Die sitzen geziert in Lokalen und essen mit spitzen Mündern. Ich schlinge und bekleckere mich." Hemmungslose Tafelfreuden, Gastfreundschaft und Herzlichkeit, lernte Angelika Schrobsdorff in Bulgarien kennen. Nach der Scheidung ihrer Eltern gelangte sie als Emigrantenkind 1939 mit Mutter und älterer Schwester nach Sofia. Überlebte dort Krieg und Holocaust. Ihr Bruder fiel im Kampf gegen die Nazis kurz vor Kriegsende in der Armee De Gaulles, ihre Berliner Großmutter wurde im KZ umgebracht. "Das war ein entsetzlicher Bruch in meinem Leben. Es ist ein Trauma geworden, das nicht mehr weg zu kriegen ist."

Sie zündet sich eine weitere Zigarette an. Überhaupt raucht sie viel. "Die alten Juden, die ich aus meiner Kindheit und Jugend kannte, das ist das Schönste, was es gibt für mich. Ich habe sie immer am meisten geliebt. Das ist alles kaputt gemacht worden." Mit der Rückkehr nach Berlin schließe sich kein Kreis, betont sie. "Ich hatte immer Angst, hierher zu kommen. Es ist ja alles weg. Das Ganze liegt wie ein Stein auf mir. Ein furchtbar schwerer Stein."

Immer wieder hat Angelika Schrobsdorff über ihre Familie und das eigene Leben geschrieben. Über die Rolle der Frau, über Grausamkeit und Idiotie politischer Verhältnisse, über Verletzungen, die sich Menschen zufügen, über Wunden, die bleiben. Nun ist sie müde. "Ich liege so gerne im Bett. Mein Kopf zerplatzt vor Material, aber ich habe nicht mehr die Kraft zu schreiben. Auch nicht die Überzeugung, dass man etwas sagen kann, das Menschen noch zum Nachdenken bringt. Der Mensch ist unbelehrbar. Das weiß ich inzwischen."

Wer Schrobsdorffs Bücher kennt, weiß, dass sie lange gegen Illusionen gekämpft, sich ihre schonungslose Offenheit schmerzlich erarbeitet hat. "Die einzige biblische Figur, die ich verehre, ist Salomon. Mit einer Gelassenheit sondergleichen sagt er, der Mensch ist, wie er ist, und wird sein, wie er war. Es geschieht nichts Neues. Es gibt kein Entrinnen." Und nach einer kurzen Pause, einem weiteren Zug an der Zigarette: "Aber ich werde wohl bald entrinnen. Bei mir ist jetzt Essig, Ende. The end of the rope."

In Schrobsdorffs Nachbarschaft gibt es ein Altersheim. Täglich sieht sie dessen Bewohner an ihren Fenstern vorbei schlurfen. "Meine Zukunft", bemerkt sie trocken und gießt sich einen letzten Schluck Whisky ins Glas. "Diese Überalterung halte ich für eine Sünde. Ich bin hyperästhetisch. Und der Gedanke, ein alter Kartoffelsack zu werden - das will ich nicht. Ich lasse mich nicht noch einmal entwürdigen." Ihre Katzen halten sie am Leben. "Die kann ich nicht verlassen." Puschkin hinkt, die Zähne sind schlecht, auch die Ohren nicht ganz in Ordnung. Aber: "Er hat so ein schönes Gesicht. Ein bisschen ägyptische Rasse ist da drin."

Schrobsdorff liebt Katzen. Die haben sie weniger enttäuscht als Menschen. Sie hat wohl auch andere Ansprüche an sie. Mit Puschkin und Vicki hat Angelika Schrobsdorff am 24. Dezember in Berlin ihren achtzigsten Geburtstag gefeiert. Und ein paar Freunde aus aller Welt waren schließlich auch noch dabei.

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