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Behzad Karim Khani „Hund, Wolf, Schakal“: Snoopy-Pullover und Killerkommandos in Neukölln

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Von: Arno Widmann

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Berlin-Neukölln, 2010: Die Polizei sucht nach einer Schießerei nach Spuren und Projektilen.
Berlin-Neukölln, 2010: Die Polizei sucht nach einer Schießerei nach Spuren und Projektilen. © Imago

Behzad Karim Khanis umwerfender Roman „Hund, Wolf, Schakal“.

Ich wollte nur blättern in dem Buch. Aber Behzad Karim Khani nahm mich sofort in Geiselhaft. „Saam war ein Kind. Und in seinem Leben gab es zwei Monster. Eines davon war der Krieg.“ Das ist keine Metapher.

Sondern die Realität des Kindes: „Der Krieg, das war dieser Riese, der hinter dem Berg lebte. In Teheran war das so. Tagsüber orange und gelb aufflackernd und in den Nächten phosphorweiß schlug der Riese um sich.

Mit Mörsern und Granaten. Aber das war weit weg. In Teherans Straßen gab es diesen Krieg nicht, die Mörser nicht, die Panzer nicht, die Granaten nicht. Und als würde das den Riesen kränken, stieg er manchmal über den Berg und kam.“ Es gibt ein Gemälde von Francisco de Goya: „Der Koloss“.

Es zeigt einen über Berge steigenden Riesen. Das ist exakt das Monster, das der kleine Saam sah. Das andere Monster ist das Gefängnis in Teheran, in dem seine Mutter, eine Widerstandskämpferin, umgebracht wurde. Die Geschichte setzt mit der Angst Saams ein, die er in Monster verwandelt, also wird aus etwas, das ihn beherrscht, sein eigenes Geschöpf. An einer viel späteren Stelle im Buch erzählt Saam von einem Albtraum, den er hatte. Er war in der Schule. Jeder sollte ein Wort nennen, das ein anderes ersetzen könnte. Jeder wusste eines. Nur ihm fiel – als er als letzter drankam – keines ein. Das war schrecklich. Aber als er aufwachte, wurde ihm klar, dass all die Wörter, die seine Klassenkameraden genannt hatten, seine Wörter gewesen waren. Denn es war ja sein Traum, den er geträumt hatte. So war es schon mit seinen Monstern gewesen.

Und nichts anderes als ein solcher Traum ist auch das Buch, das wir in Händen halten. Literatur verwandelt die Schrecken der Wirklichkeit in Produkte unserer Fantasie. So beherrschen wir sie zwar nicht in Wirklichkeit, aber doch wenigstens in unserem Kopf. Dort können wir Möglichkeiten ersinnen, mit dem Abbild der Wirklichkeit fertig zu werden. Goyas Koloss lässt sich retuschieren, und so schrecklich die Modellrechnungen zur Klimaentwicklung sind – es sind Modellrechnungen.

Die Menschheit macht sich Bilder von der Wirklichkeit. Schon die Neandertaler taten das. Um die Welt zu beschwören, um sie zu verändern.

„Hund, Wolf, Schakal“ spielt im Berliner Stadtteil Neukölln unter jugendlichen Immigranten. Unter Gangs, die in erster Linie mit sich selbst beschäftigt sind. Im Guten und mehr noch im Bösen. Zur Mannwerdung gehört dazu, dass man jemanden ermordet. Nicht einfach so. Sondern weil man den Auftrag dazu erhält. Saam wurde so zum Mann und auch der, der den Auftrag erhielt, ihn umzubringen, war gerade mal fünfzehn Jahre alt. Erst als Krieger ist der Mann wirklich ein Mann.

Diese Vorstellung gilt – wir erinnern uns – nicht nur bei Gangs.

Was in meiner dürftigen Zusammenfassung wie Fatalismus klingt, verfehlt die Tonart des Buches völlig. Es ist vor allem schön. Dass es endet mit einer Rückkehr zum Anfang ist mehr seiner musikalischen Struktur geschuldet als dem Versuch, die Wirklichkeit zu schildern wie sie ist.

Gleichzeitig aber ertappt sich die Leserin unentwegt dabei, wie sie denkt – und manchmal auch laut sagt: so, genau so ist es! Das ist natürlich Unsinn. Die Leserin hat in Wahrheit natürlich keine Ahnung, was in den Köpfen persischer oder arabischer Jugendlicher in Neukölln vorgeht. Obwohl sie jetzt deutlich besser Bescheid weiß. Nicht nur weil der 1977 in Teheran geborene, seit 1986 in Berlin lebende Behzad Karim Khani, der heute die Lugosi Bar in Kreuzberg betreibt, die Leserin verschleppt hat in ein ihr unbekanntes Milieu. Er hat sie auch mit den Songs dieser Jugendlichen vertraut gemacht. Sie ist ihnen nachgegangen, hat sie gegoogelt.

Aber unlöslich ist mit der Schönheit von Khanis Buch dessen Intelligenz verwoben. „Jamal“, heißt es über eine der Figuren des Buches „dachte, dass Gerechtigkeit nicht existierte, solange nicht allen das Gleiche widerfahren war.“ Wer weiß, was Jamal widerfahren war, dem wird klar, dass die Hölle der einzige Ort ist, an dem Gerechtigkeit herrscht.

Das Buch:

Behzad Karim Khani: Hund, Wolf, Schakal. Roman. Hanser Berlin 2022. 288 S., 24 Euro.

Ein zutiefst christlicher Gedanke, der nicht im entferntesten kompensiert wird durch den, dass zwar viele berufen, aber nur wenige auserwählt sind. Derartige Überlegungen spielen bei Khani keine Rolle.

Es gibt kaum Querverweise hinüber in die andere, in die Kartoffel-Welt.

Von Gott wird in diesem Buch so gesprochen: „Die Lustlosigkeit eines Gottes, von dem viele Bewohner des Viertels dachten, er würde existieren, hing über ihnen wie Smog, und unter dieser Glocke verschwanden Begriffspaare wie ‚Opfer und Täter‘. Hier umarmten und schlugen sie einander beiläufig. Ohne Ursache. Ohne Wirkung. Hier schuf selbst Mord keine Differenz. Sie alle schnappten in derselben Kloake nach Luft, und irgendwann nicht mehr.“ Schönere und wahrere Sätze kann ich mir nicht vorstellen. Ich sage das nicht nur, weil ich davon überzeugt bin, sondern auch um Sie zu warnen: Wenn Ihnen das nicht gefällt, ist das Buch nichts für Sie. Jedenfalls nicht jetzt.

Khani beschreibt eine Welt, in der es nichts gibt als Kampf als Über- und Unterordnung. Auf- und Abstieg. Hammer oder Amboss. Frauen spielen so gut wie keine Rolle. Es ist eine Männerwelt. Auch Brüderlichkeit gibt es nicht. Selbst wer spielt, spielt nicht, sondern ist damit beschäftigt, um seine Stelle in der Hackordnung zu streiten. Monopoly ist kein Spiel, sondern Realität. Nur, dass es nicht nur um Straßen, Banken usw. geht, sondern um Überfälle auf Spätis und kleine Eckläden.

Vor allem aber: Es geht in Wahrheit gerade nicht um Geld und Gut. Es geht um Prestige. Hegel hätte gesagt: um Anerkennung. Khani schreibt: Saams Freund Haydar „ging es um etwas, das er Respekt nannte und das ihm seiner Meinung nach einfach zustand. Daher nahm er sich die Uhren, Jacken und Pullover mit einer Selbstverständlichkeit, als würden sie ihm sowieso gehören. Als hätten die Loser sie nur ausgeliehen, nicht rechtzeitig zurückgebracht und ihn deshalb wütend gemacht… ‚Wir sind Libanesen, wir haben Geld‘, hatte Heydar mal gesagt und dabei das Hab betont. Ihr Geld kam scheinbar nicht irgendwoher, musste nicht gemacht, nicht verdient, nicht einmal gestohlen oder geraubt werden. Haben war schon die Herkunft.“ Schon der kleine Heydar ging auf einen Jungen mit dem Messer los, wenn der nicht bereit war, ihm seine Mütze zu überlassen. Er war nicht einmal scharf auf sie. Aber die Respektlosigkeit, ihm vorzuenthalten, was ihm – so sah er es – zustand, musste bestraft werden. Und sei es mit einem Messerstich in den Oberschenkel. Wie ein Brandzeichen, mit dem der Besitzer markiert, was ihm gehört.

Wenn die älteren Gangster billig zu einer Ware kommen, für die kein Mensch sich interessiert, dann verstehen sie es, selbst Snoopy-Pullover hipp zu machen im Gangstermilieu. Die Seiten, auf denen Khani schildert, wie sie das machen, sind ein Crash-Kurs in modernem Marketing. Ohne dass dieser Begriff jemals fällt. Der Erzähler verlässt niemals den Ort der Handlung. Er beobachtet und beschreibt und er denkt nach. Aber er ist kein Soziologe, kein Wissenschaftler. Er denkt ohne jeden Jargon. Mit seinem eigenen Kopf.

Die Leserin stößt immer wieder auf Zeilen, die nur zu beschreiben scheinen, was im Kopf eines Protagonisten vorgeht. Wie zum Beispiel diese: „Wenn er stärker ist als du und du weisst, dass er wiederkommt, musst du ihn so kaputt machen, dass er kaputt bleibt, und ein paar Tage später musst du ihn unbedingt noch mal kaputt machen. Unbedingt. Damit er weiss, dass er der Ruhe nicht trauen kann.“ Das denkt der, der einen Vater hat, dem die Feinde ein Bein nahmen. Was einem widerfährt, ist das eine. Erfahrung nennt man erst die Lehre, die man daraus gezogen hat.

Aber die Stelle geht weiter: „Dass Frieden vielleicht nur Waffenstillstand ist, den du nicht mit ihm ausgehandelt hast, sondern mit dir, und das ist der Moment, in dem er sich fragt, ob es ihn selbst vielleicht auch nicht gibt. Dann erst hast du gewonnen.“

Das ist eine der Stellen, wo wir gar nicht umhinkommen, den Kopf des Protagonisten zu verlassen. Mit einem Male wissen wir: Wir sind in Putins Kopf. Der Westen ist der Stärkere, die Ukraine – sie soll kapieren, dass es sie nicht gibt. Dann wird der Westen einknicken. Die Demütigung, die Russland widerfahren ist und weiter widerfährt, gibt ihm alles Recht, sich zur Wehr zu setzen, zuzuschlagen, wo immer es trifft.

Es macht die Qualität des Autors aus, dass er auch nicht den Hauch einer Andeutung in diese Richtung macht. Ihm genügt dieser winzige Fleck in Neukölln und doch treibt er uns von dort aus um die Welt.

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