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Leni Riefenstahl auf Amerikareise im "Leni weint"-Jahr 1939.

Péter Nádas

Die Begleitgeräusche des Massenmords

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"Leni weint": Der große ungarische Schriftsteller Péter Nádas erzählt auf der kurzen Strecke.

Einunddreißig Texte auf weniger als 530 Seiten. Nádas-Quickies. Der 1942 in Budapest geborene Péter Nádas ist der europäische Großmeister der Erzählungsströme. Die vor fünf Jahren erschienenen „Parallelgeschichten“ erstrecken sich über mehr als 1700 Seiten. Auch sein Klassiker „Buch der Erinnerung“, erstmals erschienen 1985, hat mehr als eintausend Seiten. Die vor einem Jahr erschienenen Memoiren „Aufleuchtende Details“ bringen es auf 1280 Seiten.

Diese großen Epen – sie sind weniger Ströme als Ozeane, denn sie kennen Ebbe und Flut – entfalten einen immer stärker werdenden Sog. Auch wo sie ausatmen, lässt der Leser, der sich einmal eingelassen hat auf dieses Element, nicht ab.

Die meisten kurzen Texte der Sammlung „Leni weint“ waren bereits auf Deutsch erschienen. Die Nádas-Gemeinde kennt natürlich den letzten Text dieser Sammlung, „Der eigene Tod“. Nádas schildert darin sein Erlebnis einer Nahtod-Erfahrung nach einem Herzinfarkt auf offener Straße am 28. April 1993 in Budapest. Knapp fünfzig Seiten hat der Text. Wir Gemeinde-Mitglieder kennen ihn anders. Wir kennen ihn als Bildband (Steidl, 287 Seiten): links das Foto eines Baumes durch alle Jahreszeiten hindurch, rechts ein kurzer Text. Ein „modernes Stundenbuch“ nannte Nádas es. Weniger eine Lektüre als eine Meditationsübung.

In einem Text aus dem Jahre 2003 schreibt Nádas, dass er jeden Tag beginne mit einer Stunde klassischer Analyse: „Wenn mich jemand bei solchen Gelegenheiten beobachtet, sieht er einen, der sich zwingt, nichts zu tun, blöde aus dem Fenster glotzt ... Während sich draußen die Leute abzuhetzen beginnen, herrscht bei mir die größtmögliche Ereignislosigkeit.“ So macht er sich empfänglich für die „aufleuchtenden Details“ des Lebens. Er nimmt aber auch, glauben Sie mir, Anlauf für die Sprünge des taoistischen Nicht-Handelns. Auf das ist er, wie alle großen Erzähler, angewiesen.

Péter Nádas schafft es immer wieder, dem Leser den Atem zu rauben. So sehr verblüfft er, so sehr regt er auf, aber der Leser hat das Gefühl, hat er diese Stürme durchlebt, ruhiger, kräftiger zu atmen, weil er die Welt genauer zu entziffern vermag.

Nádas kann das auch auf der kurzen Strecke. Man lese zum Beispiel den ersten Satz der Titelerzählung „Leni weint“. Leni Riefenstahl wird am 8. September 1939 „Zeuge der tatsächlichen Abschlachtung realer Menschen..., um daraufhin, von diesem hautnahen Anblick und den peinlichen Begleitgeräuschen des Massenmords überwältigt, in mädchenhaftes hysterisches Weinen auszubrechen“. li

Dieser Punkt steht nicht bei Nádas. Der hysterische Ausbruch ist eingebettet in ein am Ende wieder ruhig ausklingendes Satzgefüge, das sich über elf Zeilen erstreckt. Großartig übersetzt von Andras Hecker. Der Ozean Nádas’scher Erzählkunst im Reagenzglas eines einzigen Satzes. Und mittendrin die „peinlichen Begleitgeräusche des Massenmords“. Genauigkeit hat immer etwas Sarkastisches. Humor muss nicht gemütlich sein. Man kann auch das Schrecklichste kennen und benennen und doch sich aufgehoben fühlen. Das alles erfährt man beim Lesen von Péter Nádas.

Zu diesem Gefühl des Aufgehobenseins gehört das Wissen darum, dass kein Verlass darauf ist. Die deutsche Redensart „Vom Regen in die Traufe“ wirkt erschreckend verharmlosend angesichts vieler Lebensläufe des 20. Jahrhunderts, die aus Nazi-KZs in Stalins Gulag oder umgekehrt führten.

Nádas denkt gründlich wie wenige über die Schrecken des 20. Jahrhunderts nach, kaum jemand beschreibt sie so intensiv wie er. Er tut das nicht, weil er sich die Vergangenheit vergegenwärtigen möchte. Er tut es, weil er wohl von Anfang begriff, dass Massenmord und die Lust daran nicht vergangen sind.

Péter Nádas’ sich so viel Zeit nehmender, hellwacher Blick auf die Vergangenheit hilft den unseren zu schärfen für die Zukunft und in immer erschreckenderem Maße auch für unsere Gegenwart.

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