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Begeisterung, Verzweiflung und Germanistik

Der Schriftsteller Hans Henny Jahnn, sein animalischer Sexualkult - und eine Biographie von Jan Bürger

Von Michael Rutschky

"Das Schiff fuhr mit dunklen bauchigen Segeln über den Abgründen, die mit Wasser ausgefüllt sind. Die Luft war ungewöhnlich lange nur voll leichter Wirbel gewesen. Der neue Tag, wie um den Triumph des weißen Lichtes zu überhöhen, war klar und kalt, ganz ausgeleuchtet mit dem Schimmer der silbrigen Helligkeit. Die Gegenstände andeck erschienen allesamt hart, unförmig, gar nicht der geringen Bewegung von Wasser und Wind angemessen. Noch vor Abend strichen warme Schwaden um das Schiff. Unbegreiflich schnell mischte sich die fahle Kälte mit dem lauen Dunst. Nebelmauern rückten heran. Wolken, kaum wahrgenommen, fielen schon aus der Höhe herab und umdampften das Schiff. Masten und Segel wuchsen riesenhaft. Vor kurzem noch war der Horizont das Maß aller Dinge gewesen. Jetzt war das Sichtbare verengt. Das Gebilde aus Menschenhand schwebte im Nebelmeer, war von der Erde abgestürzt."

Ja, nicht wahr, das ist eine Prosa, die den Leser sofort engagiert. Wiewohl zunächst von einem Sturm die Rede ist, der über dieser Meerfahrt aufzieht, taucht der Leser zugleich in ein heftiges Gemisch aus Begeisterung und Verzweiflung ein, in dem die Kräfte des Wetters und der See ebenso zwingend wie undeutlich in Seelenzustände und Moralprobleme übergehen. Der aufziehende Sturm erzählt dem Leser grandios von dem Schiff und seiner Besatzung und ihren Verhältnissen; technisch gesehen kommt das wohl daher, dass die Szene aus dem Seefahrerroman - wie wir ihn etwa von Joseph Conrad kennen - in die Schöpfungsgeschichte transferiert ist. Irgendwie mischt sich Gott selbst, der bislang über den Wassern schwebte, dramatisch ein und hebt die Trennung von oben und unten, Himmel und Erde wieder auf.

Das Zitat stammt aus dem Roman Das Holzschiff, den sein Verfasser, Hans Henny Jahnn, 1936 abschloss, mit 41 Jahren. Das Holzschiff geht unter, und zwar aufgrund einer Rettungsaktion: Der junge Mann Gustav, der seine Verlobte Ellena auf der Meerfahrt begleitet, lässt in dem Schiff eine Wand einreißen, hinter der er Ellena, die plötzlich verschwand, gefangen glaubt. Es war aber die äußere Schiffswand, und wegen des Lecks säuft das Schiff ab.

Hans Henny Jahnns Roman Das Holzschiff kam erst 1949 heraus; im selben Jahr und im nächsten erscheint der zweite Teil des Romans - der eine Trilogie mit dem Titel Fluß ohne Ufer ist - als Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war. Gustav Anias Horn, das war jener junge Mann Gustav - damals ohne Vatersnamen - , der auf dem Holzschiff seine Verlobte Ellena verlor. Er hat, inzwischen ein bedeutender Komponist - den die Kenner mit Thomas Manns Adrian Leverkühn aus dem Doktor Faustus vergleichen - Gustav Anias Horn hat den Teil seines Lebens, welcher auf den Untergang des schönen, perfekten Holzschiffs folgte, mit Alfred Tutein verbracht, den die Kenner auf einem Gemälde Anselm Kiefers wiederfinden. Alfred Tutein aber, der Liebste Gustav Anias Horns und ehemalige Leichtmatrose auf dem Holzschiff, ist der Mörder Ellenas; auf heftige und unergründliche Weise stiftet der Frauenmord die Männerliebe, und die Nacherzählung führt direkt in den Schlamassel hinein, der die literarischen Konstruktionen Jahnns kennzeichnet.

Plot, Story, die Personen, die Handlungsführung: das ist es nicht, was den Roman Das Holzschiff, was Jahnns Literatur insgesamt eindrucksvoll macht. Vielmehr beschäftigt - oder quält - den Schriftsteller ein Knäuel von Ideen, die von Mensch und Tier, Sexualität und Tod, Gut und Böse handeln und letztlich religiöser Natur sind. Diese Obsessionen sorgen dafür, dass in Jahnns Literatur Seelenzustände unvermittelt in Gebirgsformationen und Liebeskonflikte in Seestürme übergehen. Literarisch gesehen werden diese kosmologischen Ideen also durchaus fruchtbar.

Hans Henny Jahnn, 1894 in der Nähe von Hamburg geboren, rechnet zu einem Typus , der bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts weit verbreitet und deshalb vertraut war, der Typus des "Gottsuchers". Jahnn verfolgte direkt seine religiösen Obsessionen - aber auch in wüsten Dramen wie Pastor Ephraim Magnus, das ihm 1920 den renommierten Kleistpreis eintrug, eine Orgie aus sexuellen Foltern und geistlichen Exerzitien. 1926 löste er sich von der Sekte, die er 1918 mit Freunden gegründet und der sie den Phantasienamen "Ugrino" gegeben hatten - der Kenner denkt vielleicht an "Angria und Gondal", das Fantasy-Reich, das sich die Geschwister Brontë in ihrer Kindheit ausmalten, vom Genre her ein gemeinsamer Tagtraum, den dann die Romane, die sie schrieben - am berühmtesten Sturmhöhe sowie Jane Eyre - restlos absorbierten.

Dass es sich bei "Ugrino" um einen Tagtraum handelt, zeigt sich schon daran, wie unklar die frohen Botschaften bleiben, die Hans Henny Jahnn als religiöser Führer einer endlich erwachenden Menschheit verkünden will. Irgendwie geht es um riesige Kirchenbauten, um Konzerte (vor allem Barockmusik), um kultische Theateraufführungen (à la Bayreuth) und um Gräberkult. Die - hierarchisch geordneten - Mitglieder der Glaubensgemeinde Ugrino besaßen das Recht, auf technisch und zeremoniell genau beschriebene Weise eingesargt zu werden; gemeinsam ein Grab zu teilen, darin kulminiert auch Jahnns Liebeslehre. Die geheimnisvolle Fracht des schönen todgeweihten Holzschiffs besteht womöglich aus gefüllten Särgen, und Gustav Anias Horn lässt sich gemeinsam mit seiner Stute Ilok bestatten. Die Stute ist eine weitere von Jahnns Obsessionen; Peter Rühmkorf berichtet von einem Verehrerbesuch bei Jahnn in den Fünfzigern, bei dem ihm als Drink Stutenurin gereicht wurde. Am Ende ruht Hans Henny Jahnn, schon 1959 an einem Herzinfarkt verstorben, gemeinsam mit seiner Frau Ellinor und seinem Geliebten Gottlieb Harms nach Ugrino-Vorschriften zu Hamburg-Nienstedten in einer Gruft.

Gemeinsame Tagträume: Ugrino verdankt sich vor allem Jahnns Freundschaft, seiner Liebesgeschichte mit Gottlieb Harms, den er bereits als Realschüler kennenlernt. Das homosexuelle Glück fällt aber nicht aus der Schöpfungsordnung heraus, im Gegenteil, es macht Gottes Willen auf besondere Weise offenbar - ein 1913 gewiss exorbitanter Gedanke.

Nun, die wilde Geschichte des Schriftstellers und Gottsuchers, Orgelfachmanns und Hormonforschers Hans Henny Jahnn erzählt jetzt mit einem dicken Buch Jan Bürger, zeitweise Redakteur der Zeitschrift Literaturen, unterdessen beim Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Er ist ausgewiesener Jahnn-Philologe, und sein Buch belegt eindrucksvoll, wie Hans Henny Jahnns Werk unterdessen editorisch aufbereitet und von zahlreichen Monographien und Einzeluntersuchungen gleichsam umlegt ist. Längst kein Geheimtip mehr, keine Privatsache versprengter Leser.

Jan Bürgers Nacherzählung von Jahnns Leben und Werk endet 1935. Die Bornholmer Jahre als experimenteller Bauer ebenso wie die Nachkriegszeit, in der Jahnn zu einem großen Zampano in der Hamburger Literaturwelt aufstieg, skizziert Jan Bürger nur - vielleicht ahnte er, welchen unerträglichen Umfang das Buch annehmen würde, wenn er es im vorgegeben Tempo bis 1959 fortschriebe. Auch meint Jan Bürger - vermutlich zu recht - bis 1935 die wesentlichen lebensgeschichtlichen und literarischen Materialien betreffend Jahnn versammelt zu haben. Obwohl man doch gern noch Genaueres darüber erfahren hätte, wie Jahnn, seinen Obsessionen folgend, in den Fünfzigern - vermutlich illegal - Urinproben von Hamburger Gymnasiasten sammelte. Die Hormonforschung sollte mit zahlenmystischen Kalkulationen zusammengehen, die Jahnn auch seinem Orgelbau und seiner Literatur unterlegte.

Was Bürgers Buch über Jahnn schadet: Germanistik. Die literaturwissenschaftliche Attitüde bringt ihn dazu, gegenüber allen Äußerungen und Aktivitäten Jahnns ungefähr dieselbe Distanz zu wahren. Jahnns anhaltend eindrucksvolle Prosa, die, in Verzweiflung und Begeisterung, jeden biologisch-theologischen Irrwitz einschmilzt, traktiert Jan Bürger mit derselben gleichmütigen Stimme wie die Architekturphantasien der Glaubensgemeinde Ugrino und den Stutenkult. Der, als literarisches Element von Jahnns erstem großen Roman, Perrudja, den Leser bis an die Grenze zur Sodomie führt; wogegen der Leser nichts einwendet. In der Gestalt des hormonell wertvollen Urindrinks für den aufstrebenden jungen Literaten Rühmkorf aber ist der Stutenkult nur komisch.

Die germanistische Attitüde verbietet es Jan Bürger, aus dem krass Absurden und Lächerlichen von Hans Henny Jahnns Interessen und Aktivitäten erzählerischen Effekt zu schlagen. Wie man so etwas macht, ohne seinem seltsamen Helden Respekt und Sympathie zu verweigern, zeigte Harry Mulisch exemplarisch in seinem Essaybuch über Sinn und Unsinn bei Wilhelm Reich, Das sexuelle Bollwerk, 1973 (Rowohlt Taschenbuch 1999). Was Reich sich von seiner kosmischen Energie namens Orgon erhoffte, liegt Hans Henny Jahnns Phantasien über die Hormone und die Harmonie der Weltordnung wohl nicht so ferne. Wie sich hier insgesamt ein Zeittunnel in das frühe 20. und das 19. Jahrhundert eröffnet, die ja zahllose Gottsucher und Heilsbringer hervorbrachten, von Rudolf Steiner und seiner Anthroposophie bis zu - ja, tut uns leid - Adolf Hitler. Bürgers germanistischer Gleichmut bleibt unirritiert.

Während von Wilhelm Reichs Ende im alleinseligmachenden Orgon nichts übrig bleibt als traurige Gedanken an ein einstiges Genie (und Harry Mulischs lehrreich-komisches Buch), kann man die Ugrino-Religion, die Hormonkur, die Rettung der Menschheit durch Orgelmusik von Hans Henny Jahnns literarischem Werk gut unterscheiden. Dabei mögen die Theaterstücke verloren sein, weil sie noch zu stark auf die kultische Praxis der Traumreligion zugeschnitten waren. Bleibt aber Jahnns Prosa, die zu lesen, zu studieren lohnt.

Jan Bürger: Der gestrandete Wal. Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn. Aufbau Verlag, Berlin 2003, 450 Seiten, 25 €.

Jahnns Werk ist in einzelnen Bänden im Suhrkamp Verlag und im Hoffmann und Campe Verlag lieferbar. Die preiswerte Jubiläumsausgabe in acht Bänden (Hoffmann und Campe) ist nur noch gebraucht zu bekommen.

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