Charles Dickens
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Charles Dickens in klassischer Schriftstellerpose.

150. Todestag

Der begabte Mr. Dickens

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Am 9. Juni vor 150 Jahre starb der berühmteste englische Schriftsteller neben Shakespeare. In Deutschland wurde er gerne missverstanden.

Während Charles Dickens in Deutschland immer noch gelegentlich für einen Jugendbuchautor gehalten wird – das gehört zu dem verbreiteten Missverständnis, dass Bücher über Kinder Kinderbücher wären –, bemüht sich die Realität nach Kräften, das Gegenteil zu beweisen. Je mehr Menschen in Bedrängnis geraten, je weiter die so genannte Schere, die immer Ärmere von immer Reicheren trennt, auseinandergeht, desto deutlicher finden wir uns in den Welten wieder, von denen Dickens erzählt.

Welten, in denen arme Leute früh sterben und in denen die Kinder armer Leute sehr arm dran sind; Welten, in denen Almosen verteilt werden, aber die Almosengeber gehören zuweilen zu den schändlichsten Figuren in Charles Dickens’ Romanen; Welten, in denen Kinderarbeit die industrielle Revolution maßgeblich voranbringt, aber die arbeitenden Kinder haben am wenigsten davon (wie die Sklaven anderswo, muss man tatsächlich sagen); Welten, in denen man besser nicht in die Mühlen der Behörden gerät und in denen alles mit mindestens zweierlei Maß gemessen wird, je nach Einkommen. Ein Titel & ein guter Leumund sind auch kein Nachteil.

Dass Charles Dickens davon mit Effekten, mit Humor und mit Sentimentalität erzählt, gibt ihm nicht Unrecht – obwohl auch dieser Eindruck immer wieder entstand –, es erinnert lediglich daran, dass er mit seinen Texten Erfolg haben wollte. Dies gelang ihm ausgezeichnet. Die Auflagen der Zeitschriften, in denen seine Romane erschienen, schnellten hoch, man wird grün vor Neid.

Heute, an seinem 150. Todestag, wollen wir aber fair bleiben. Und daran erinnern, dass Charles Dickens, am 7. Februar 1812 in der Nähe von Portsmouth geboren, am 9. Juni 1970 um 18.10 Uhr auf seinem Landsitz bei Rochester gestorben, nicht von gestern ist.

Charles Dickens wusste, was soziale Ungerechtigkeit war, und zwar aus eigener Anschauung. Generationen von zartfühlenden Leserinnen und Lesern weinten über den kleinen Findling Oliver Twist, der im Armenhaus beharrlich um mehr Essen bittet und daraufhin den Ärger des Jahrhunderts bekommt. Aber da der Erfinder der weltberühmten Szene ein ausgezeichneter psychologischer Stratege ist, ist es eigentlich eine ganz ambivalente Situation, in der weniger zartfühlende Leserinnen und Leser möglicherweise sogar lachen. Oliver ist zu diesem Zeitpunkt neun und die anderen, abgebrühteren Kinder schicken ihn vor. Vor allem die vernünftigen Leserinnen und Leser werden jedenfalls begreifen, dass Kinder insgesamt niemals in eine solche Situation kommen dürften. Die Lektüre von Charles Dickens’ Romanen macht empfindlich, sehr empfindlich gegen die Verquickung von sozialen Leistungen und Wohlverhalten.

Die britische Armengesetzgebung unterschied von 1834 an ganz offiziell zwischen den „deserving“ und den „undeserving poor“, den Bedürftigen, die Hilfe verdienten, und denen, die sie nicht verdienten. Es lässt sich leicht vorstellen, was das für Kategorien waren und wie diese Kategorien bis heute nicht nur Engländer überzeugen.

Dass der zwölfjährige Dickens nach dem finanziellen Ruin seines Vaters die Schule verlassen und einige Jahre in einer Fabrik für Schuhwichse Etiketten kleben musste (ähnliches wird seinem David Copperfield widerfahren), ist ein klassisches traumatisches Erlebnis. Charles Dickens wird nicht darüber sprechen, aber zusehen, dass er Geld verdient, viel Geld. Und dass er gut gekleidet ist und überhaupt aussieht wie der Gentleman, der er selbstverständlich auch ist. Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass er nachher einen Landsitz hatte und die Minute seines Todes in die Annalen der Literaturgeschichte aufgenommen worden ist. Er war reich und jeder kannte seinen Namen.

Im übrigen war er kein Revolutionär und wollte keiner sein. Oliver Twist wird in der gut organisierten Gang des Finsterlings Fagin seinen Weg machen. Kapitalismus an sich ist nicht das Übel, geht man maßvoll mit ihm um.

Dickens weckt also den Neid des schreibenden Zeitgenossen, indem er von seinem Schreiben gut, teilweise sehr gut leben konnte. Er war begabt, er war schnell, früh machte er sich mit Gerichtsreportagen einen Namen. Er verhandelte hart und brach mit der auch in England geltenden Regel, dass Künstler weltfremd und uninteressiert an Geld sein sollten. Dickens war nicht weltfremd und keineswegs uninteressiert an Geld, wie gesagt.

Dickens schrieb selbstverständlich Zeitungsromane, die sich glänzend verkauften. Den Regeln, die vor allem krasse, verheißungsvolle letzte Sätze vorsahen, folgte er, beziehungsweise prägte sie selbst. Nicht immer war er mit dem Schreiben seinen Lesern weit voraus. So konnte er auf Reaktionen interaktiv eingehen – wobei er sich zum Beispiel nicht von den zahllosen Briefen erweichen ließ, in denen er angefleht wurde, Little Nell im „Raritätenladen“ nicht sterben zu lassen.

Das Mädchen Little Nell ist ein kleiner Engel, die meisten Frauen in den (15) Romanen von Dickens sind Engel oder Luder oder Fregatten. Das wollten die Leute so, und es hat auch mit Blick auf sein Privatleben nicht den Anschein, dass Dickens ein besonders originelles Frauenbild gepflegt hätte.

Der Kontakt zu seinen Fans hatte Reize und Vorteile, allerdings muss man sich Dickens auch als einen beruflich stark geforderten, gehetzten Menschen vorstellen. Bei einer großen späten Amerika-Lesetour als weltberühmter Mann las er regelmäßig vor bis zu 5000 Zuhörern. Ohne Mikrofon. Dickens, liest man, verausgabte sich bei den Auftritten in gesundheitsgefährdendem Ausmaß. Er wurde nur 58 Jahre alt. In seinen Briefen in die Heimat listete er exakt auf, wie viel er wo verdient hatte, eine tüchtige Summe kam zusammen.

Einmal hörte ihn der Kollege Mark Twain und zeigte sich nicht sehr beeindruckt. „Die Art, wie er sein Haar und seinen Bart so entschieden nach vorne bürstet, gibt ihm ein ulkiges Scotch-Terrier-Aussehen.“ Das ist eine Beobachtung, die offensichtlich von Charles Dickens stammen könnte. Mark Twain fand außerdem, dass der Engländer nicht besonders gut vorlas, und er machte sich ein bisschen über seine Aussprache lustig.

Auch in Dickens’ Zeit fiel ein heftiger Cholera-Ausbruch in London, 1854. 10 000 Menschen starben. Dickens, der gerne reiste, befand sich auf dem Kontinent, sorgte aber dafür, dass in seiner Zeitschrift „Household’s Words“ ein Artikel eingerückt wurde, in dem er daran erinnerte, wie oft er schon vor den Folgen mangelhafter Hygiene gewarnt hatte.

Dickens war und ist am Puls der Zeit. Er selbst dokumentiert es, zudem gibt es gute Biografien, namentlich die von Hans-Dieter Gelfert (Beck 2012), die durch Übersicht und Details begeistert.

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