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Edward Russell (1895-1981)

8. Mai

Edward Russell: „Geißel der Menschheit“ – Augenblicke der Erinnerung

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Warum Edward Russells „Geschichte der Nazi-Kriegsverbrechen“ zum 8. Mai ein bisschen weiterhelfen kann.

  • „Kurze Geschichte der Nazi-Kriegsverbrechen“ des Briten Edward Russell als „Geißel der Menschheit“ wieder verfügbar
  • Russell schildert die Vernichtung der europäischen Juden und weitet den Blick auf andere Verbrechen
  • Zum 8. Mai liefert das Buch wichtige Impulse

Deutschland - Richard von Weizsäcker wagte sich weit vor. Der damalige Bundespräsident sorgte 1985, noch in der alten Bonner Republik, für ungeheures Aufsehen. In seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes warb er dafür, die Erinnerung an Kriegsende und Kapitulation neu zu bewerten. Der 8. Mai stehe für das Ende des verheerenden Krieges und sollte von den Deutschen nicht als Tag der Niederlage, sondern als Augenblick der Befreiung gewürdigt werden. „Der Jugend“, setzte er hinzu, schulde man nicht „die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit“.

Weizsäckers erzkonservativer Parteifreund Alfred Dregger, stets um die Vertriebenen bemüht, tobte: Anders als die Landsleute in der damals noch existierenden DDR, die den 8. Mai schon immer im Namen des Antifaschismus als Tag der Befreiung feierten, „kann das von uns, die wir in Freiheit leben, niemand erwarten“.

8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus

Was aber soll der 8. Mai noch einmal 35 Jahre später sein? Ein Tag des Innehaltens, der Erinnerung an unglaubliche Verbrechen, die von Deutschland begangen wurden? Nicht wenige wollen ihn, wie das Land Berlin, als Feiertag pflegen. Corona-bedingt bleibt von dem geplanten Staatsakt mit internationaler Beteiligung eine Kranzniederlegung an der Neuen Wache mit Präsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel.

Kehrt sich der geschichtspolitische Aspekt des Gedenkens an diesem Tag also vor allem nach innen und bietet zudem eine Möglichkeit der Verständigung in einem Land, das sich noch immer schwertut damit, Ost und West zusammenzubringen? Verlangt er nicht vielmehr ein von Selbstbehauptung geprägtes Bekenntnis zu dem, was Demokratie heute ist und perspektivisch sein soll? Der8. Mai als Tag, an dem die Republik sich ihrer selbst vergewissert?

„Kurze Geschichte der Nazi-Kriegsverbrechen“ von Edward Russell 

In dieser Situation empfiehlt der Publizist Moshe Zuckermann als einen Anknüpfungspunkt die wieder verfügbare „Kurze Geschichte der Nazi-Kriegsverbrechen“ des Briten Edward Russell. Er war unmittelbar nach Kriegsende Generalanwalt der britischen Rheinarmee und Rechtsberater während der Kriegsverbrechertribunale. Die erstmals 1955 in Deutschland veröffentlichte Studie von Lord Russell of Liverpool sei „zum Paradigma der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit“ geworden, schreibt Zuckermann in der Einleitung zur Neuauflage, für die Emil Fadel die ursprüngliche Übersetzung von Roswitha Czollek überarbeitet hat. Die Lektüre des Buches mit dem Titel „Geißel der Menschheit“, als eines „bahnbrechenden Werks“, sei ausdrücklich späteren Generationen angeraten.

Russell berichtet über die von den Nazis errichteten Konzentrationslager und spricht das brutale Wüten deutscher Soldaten in Osteuropa an. Es seien „willkürliche Racheakte“ gewesen, „die eine Verletzung der unangefochtenen Kriegsregeln als auch des allgemeinen Gefühls der Menschlichkeit darstellten.“ Im eindringlichen Vorwort zur westdeutschen Ausgabe seines bereits ein Jahr zuvor, 1954, auf Englisch erschienenen Buches merkt Russell an: „Die Zukunft Deutschlands hängt von der politischen Weisheit des deutschen Volkes ab.“ Schließlich sei das, was unter Hitler geschah, „zu furchtbar gewesen, als dass man es vergessen könnte“. Russell empfiehlt den Deutschen, „aus der Vergangenheit eine Lehre (zu) ziehen“, damit es „eine wirkliche Hoffnung für die Zukunft“ geben könne.

Edward Russell schildert die Vernichtung der europäischen Juden

Lord Russell of Liverpool: Geißel der Menschheit. Dt. v. Roswitha Czollek und Emil Fadel. Westend Verlag, Frankfurt a. M. 2020. 256 Seiten, 24 Euro.

Russell stützt sich dabei auf Protokolle von Verhören und die Berichte von Augenzeugen. Er schildert die Vernichtung der europäischen Juden und weitet zugleich den Blick auf andere Verbrechen: Auf die Gräueltaten, die Angehörige der Wehrmacht an anderen Soldaten und auch der Zivilbevölkerung in Osteuropa verübten. Und ebenfalls auf das, was man auf Bauernhöfen und in Produktionsstätten mit Zwangsarbeitern machte. Allesamt Verbrechen, die in der Wahrnehmung einer breiteren bundesrepublikanischen Öffentlichkeit in der Nachkriegszeit keine Rolle spielten. Russell schildert die zwangsweise Rekrutierung von Arbeitskräften in Polen, der Ukraine und in Russland: „Im Fall eines für die deutsche Kriegsführung gefährlichen Arbeitskräftemangels wollte man aus den besetzten Gebieten Sklaven beschaffen.“

Russell berichtet auch vom „Kommissarbefehl“, den er mit Verweis auf den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg „einen systematischen Mordplan“ nennt: Politische Kommissare der Roten Armee sollten von vornherein „nicht als Kriegsgefangene anerkannt“, sondern zügig „erledigt werden“. Die Wehrmachtsausstellung machte diesen Zusammenhang in den 1990er Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt: Die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ ließ sich nicht länger halten.

„Geißel der Menschheit“ sorgt für Aufsehen und Ärger

Die Dokumentation über die Verbrechen der Wehrmacht erschütterte die Republik. Pünktlich zum 8. Mai 1995. Dabei hätte man viel früher mehr über die Untaten der Wehrmacht wissen können, so denkt man womöglich bei der Lektüre des Buches von Edward Russell anno 2020.

Eigentlich hatte Russells Buch zum Zeitpunkt des Erscheinens in beiden deutschen Staaten für Aufsehen gesorgt – und für Ärger. Denn man hatte doch große Pläne „für die Neuaufstellung des neuen globalen Machtverhältnisses durften keine antideutschen Ressentiments zugelassen werden“, wie Zuckermann in seinem Vorwort anmerkt. Damals habe man nur ein Ziel vor Augen gehabt: „Die westdeutsche Republik sollte als Bastion des Westens gegen den expandierenden Kommunismus errichtet und gestärkt werden.“ Daher habe es den Versuch gegeben, „Lord Russells Buch zu verhindern“.

Edward Russell: „Geißel der Menschheit“

Über diesen Teil der Geschichte hätte der Leser gern mehr erfahren. Wie sich überhaupt eine gründliche Kontextualisierung der Darstellung als hilfreich erweisen könnte. Etwa dann, wenn Russell über die Kaltblütigkeit der sogenannten Einsatzgruppen berichtet: Im Krieg gegen die Sowjetunion „sollte mit den Armeegruppen die ihnen zugeteilte Einsatzgruppe marschieren“. In diesem Zusammenhang erwähnt Russell den Kommandanten Otto Ohlendorf. Die Neuauflage hätte Gelegenheit geben können, über Ohlendorf mehr zu erfahren: Er war im Einsatzgruppen-Prozess 1947/48 einer von sechs Angeklagten, die zum Tode verurteilt wurden. 1951 wurde er hingerichtet.

Die meisten anderen Täter, notierte später der Historiker Michael Wildt in seiner Studie über das Reichssicherheitshauptamt, kamen nach wenigen Haftjahren wieder frei. In diesem Amt, das hat Wildt nachgewiesen, konnte „erst das Amalgam aus konzeptioneller Radikalität, neuen Institutionen und einer auf keine Grenzen stoßenden Machtpraxis im Krieg jenen Prozess der Radikalisierung freisetzen, die in den Völkermord mündete“. Wildt veröffentlichte seine Studie über das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes 2002, fast fünf Jahrzehnte nach Russells „kurzer Geschichte der Nazi-Kriegsverbrechen“.

Über Radikalisierung, auch in ihren Anfängen, sollte man zum 8. Mai unbedingt sprechen. Vielleicht lassen sich Zumutungen für die Zivilgesellschaft erst mit Geschichten im Gepäck wirklich ermessen.

Von Matthias Arning

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