Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Befreit das Glück organisieren

Einblicke in Leben und Denken des italienischen Intellektuellen Antonio Negri und der Theorie des "Empire"

Von Gottfried Oy

Er wurde bereits in eine kommunistische Familie hineingeboren, 1933 in Padua, seine Kindheit war geprägt durch die Erfahrung der Resistenza. Nach dem Studium der Philosophie stieß Antonio Negri 1959 zur Redaktion der Zeitschrift Quaderni Rossi und entwickelte das mit, was später "italienischer Operaismus" genannt werden sollte: Undogmatische marxistische Intellektuelle erfanden damals den Marxismus neu. Während die Kommunisten die Integration der Arbeiterklasse in den Staat propagierten, stützten sich die Operaisten auf die Figur des "Massenarbeiters", des nicht ausgebildeten, meist aus dem Süden Italiens stammenden Hilfsarbeiters in den großen Fabriken des italienischen Nordens. Dessen Kämpfe für gleichen Lohn und gegen die repressive Kraft des Fabrikalltags wurden zum Vorbild für die späteren Auseinandersetzungen gegen den Druck der Lohnarbeit und für selbstbestimmte Lebensformen. Die Kämpfe der Marginalisierten werden zum grundlegenden Axiom, das Negris Arbeiten bis heute durchzieht: "Das ist vielleicht ziemlich marxistisch, diese Vorstellung, dass die Kämpfe die Geschichte machen: nicht nur die Geschichte übrigens, denn die Kämpfe bringen vor allem auch Wissen hervor."

Politisch, künstlerisch und jugendkulturell motivierte Gruppen begannen schließlich Ende der 1960er Jahre mit dem, was Negri den Versuch der Wiedereroberung des Lebens nennt. Gegen das rigide System der Fabrikgesellschaft wurde eine rebellische, antiautoritäre Verweigerungshaltung gesetzt - und das nicht nur in kleinen Intellektuellenzirkeln: "In Mailand, wo ich einen guten Teil der siebziger Jahre gelebt habe, gab es Stadtviertel, die quasi ‚befreit' waren, wo niemand Steuern, Tickets oder Mieten bezahlte... Es waren Stadtviertel, in denen man eine andere Gesellschaft ausprobieren konnte, in denen man auf beeindruckende Weise ausprobieren konnte, das Glück zu organisieren."

Während viele Analysen damals beschrieben, wie die kapitalistische Produktion immer mehr Bereiche des Lebens ergriff und schließlich zum alles beherrschenden Prinzip wurde, so beginnt Negri, den gleichen Prozess von der anderen Seite her zu aufzuzäumen: Die kapitalistische Produktionsweise ist es, die nicht mehr ohne das Wissen und die vitalen Aspekte des Lebens auskommt, aus der materiellen wird die immaterielle Produktion: "Auch das Hirn der Arbeitenden steckt jetzt in der Produktion, weil tatsächlich ihre Intelligenz... im Arbeitsprozess eingesetzt wird; zugleich, wenn das Mittel nicht mehr länger die Maschine, sondern das Hirn ist, wird die Bestimmung über die Produktionsmittel für das Kapital unmöglich. Man kommt zu dem wunderbaren Paradox: Das Kapital hat gleichzeitig alles gewonnen und alles verloren."

Die 1970er Jahre waren das Jahrzehnt, in dem sich diese Entwicklung abzuzeichnen begann. Begleitet wurde sie von den unterschiedlichsten Krisenphänomenen: Die fordistische Massenproduktion, wie sie in Henry Fords Autofabriken in den 1930er Jahren ihren Ausgang nahm, stößt an ihre sozialen und ökologischen Grenzen, die keynesianische Wirtschaftspolitik hinterlässt immense Schuldenberge und der Sozialstaat erodiert zunehmend. Die neoliberalen Strategen des Thatcherismus und der Reaganomics warteten schon auf ihre große Stunde. Während die sozialen Bewegungen die Krise zuspitzten, war die Antwort des italienischen Establishments der "Historische Kompromiss" zwischen Katholizismus und Stalinismus. Um sich ihre Unabhängigkeit von Moskau zu erhalten, ging die kommunistische Partei ein Bündnis mit den Christdemokraten ein, Leidtragende dieses Bündnisses war die radikale Linke.

Als mutmaßlicher militärischer und ideologischer Chef der Roten Brigaden wurde Negri am 7. April 1979 zusammen mit etwa 60 anderen Professoren und Universitätsdozenten festgenommen und in einem umstrittenen Prozess zu 13 Jahren Haft verurteilt. 1983 ins Europäische Parlament gewählt, gelang ihm die Flucht nach Paris ins Exil, das 14 Jahre andauern sollte. 1997 kehrte er schließlich nach Italien zurück, um eine Amnestiedebatte anzustoßen. Er landete erneut im Gefängnis. Erst vor einigen Wochen, im April 2003, wenige Monate vor seinem siebzigsten Geburtstag, wurde er endgültig freigelassen.

Anders als manch andere, die sich heute anekdotisch, distanzierend oder mit biografischem Tunnelblick dem "roten Jahrzehnt" der 1970er Jahre noch einmal nähern, behält Negri auch heute noch einen klaren Blick - nicht zuletzt, weil er weiterhin aktiver, politischer Intellektueller ist, der gemeinsam mit dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Hardt 2000 mit Empire eine bestechende, wenn auch umstrittene Analyse des globalisierten Kapitalismus vorgelegt hat. Empire ist untrennbar mit den Erfahrungen Negris, seiner Biografie und seinen politischen Interventionen verbunden, das verdeutlichen die Interviews, die Anne Dufourmantelle mit ihm geführt und nun als "biografisch-politisches Wörterbuch" aufbereitet hat.

Ein individuelles Leben als politischen Dreh- und Angelpunkt der Zeitgeschichte, wörterbuchtauglich? Auf dem schmalen Grad zwischen reflexivem Zugriff auf die eigene Biografie und überheblicher Welterklärungsformel bewegen sich auch Negris theoretische Ansätze. Ein Wörterbuch im eigentlichen Sinne ist trotzdem nicht aus Dufourmantelles Gesprächen mit Negri geworden - denn wer würde schon unter Begriffen wie Champ (Feld. Lager), Jamais plus (Nie wieder) oder Yeux (Augen) nachschlagen, um auf Informationen über Militanz, Krieg oder Kunst zu stoßen? Negri jedenfalls nutzt Dufourmantelles Stichworte, um seine Reflexion der eigenen Biographie voranzutreiben - das gelingt ihm mal mehr mal weniger, ohne sich selbst und seine politischen Kollektive zur jeweiligen "Speerspitze" der gesellschaftlichen Entwicklung zu erklären. Ein ergänzendes Interview zum Irak-Krieg liefert den tagesaktuellen Nachtrag zu Negris Lebensalphabet. Es widmet sich kritischen Fragen an die Theorie des Empire angesichts des imperialistischen Backlash im Zeichen des Kampfes gegen die "Achse des Bösen".

Während sich Anne Dufourmantelle - vielleicht bewusst - aus den Expertenstreitigkeiten um Empire heraushält, positioniert sich der Empire-Übersetzer Thomas Atzert in einem gemeinsam mit Jost Müller herausgegebenen Diskussionsband in eben dieser Expertenriege. Atzert und Müller lassen zunächst zwei Kritiker - Giovanni Arrighi und Joachim Hirsch - zu Wort kommen, um Negri dann mit deren Thesen zu konfrontieren. Dreh- und Angelpunkt ist hier die Frage nach der Bedeutung der Nationalstaaten im Prozess der Globalisierung.

Gewohnt nebulös bleiben allerdings auch in dieser Publikation die Ausführungen zum Begriff der Multitude. Neben Negri und Hardt versuchen sich Judith Revel und Anne Querrien an einer Annäherung und verlieren sich doch nur in Allgemeinplätzen. Irgendwie geht es wohl um die Bestimmung einer Art "neuen Proletariats" beziehungsweise einer Art "sozialen Klasse". Um nicht in die "Populismusfalle", wie Joachim Hirsch es nennt, zu tappen und alles, was von "unten" kommt, für gut zu erklären, bedarf es exakterer Bestimmungen dessen, was die Multitude ausmacht. Hier bleibt noch viel zu diskutieren. Ein zweiter Empire-Band ist in Arbeit - man darf gespannt sein.

Antonio Negri: Rückkehr. Alphabet eines bewegten Lebens. Gespräche mit Anne Dufourmentelle. Aus dem Französischen von Thomas Atzert. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003, 238 Seiten, 17,90 €.

Thomas Atzert, Jost Müller (Hrsg.): Kritik der Weltordnung. Globalisierung, Imperialismus, Empire. ID Verlag, Berlin 2003, 142 Seiten, 14 €.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare