„Paradise City“ umkreisen sie bedrohlich, aber es gibt schon jetzt Goldschakale in Deutschland.
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„Paradise City“ umkreisen sie bedrohlich, aber es gibt schon jetzt Goldschakale in Deutschland.

Thriller

Zoë Beck: „Paradise City“ – Schakale in der Uckermark

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Zoë Becks dystopischer Zukunftsthriller „Paradise City“.

Im Norden hat sich das Meer schon eine Menge Land geholt. Auch ist nicht mehr Berlin, sondern nun Frankfurt die Hauptstadt, ist das Rhein-Main-Gebiet eine einzige, allerdings sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossene Megacity. Außerhalb dieser Agglomeration wohnen, jedenfalls als Journalistin Liina noch ein Teenager ist, die Parallelen, Menschen, die sich lieber fernhalten von jeder Vernetzung, aber eben auch von technischem und anderem Komfort. Lieber verzichten sie auf Annehmlichkeiten, manchmal müssen sie sogar hungern, als dass sie gechipt sein und sich überwachen lassen wollen. Denn die Gesundheits-App KOS schreibt alles vor: wann man welche Medikamente zu nehmen hat, wann man ruhen soll – aber kann es sein, dass die Künstliche Intelligenz hinter KOS auch errechnet, wer für die Gemeinschaft wertvoller ist und auf wen verzichtet werden kann?

Zoë Beck, geboren 1975, in Berlin lebend, hat den dystopischen Thriller „Paradise City“ geschrieben, in dem die Fürsorge des Staates für seine Bürgerinnen und Bürger zwar ursprünglich gut gemeint war, KOS aber zur Bedrohung geworden ist. Ein Abschalten der App ist trotzdem nicht erwünscht, wird sanktioniert. Liina, die schon mit dem zweiten neuen Herzen lebt, folgt meist den Anweisungen, manchmal aber auch nicht. Ohnehin hat sie, als Rechercheurin eines der letzten nichtstaatlichen Nachrichtenportale – Beck nennt es wie den Frankfurter Stadtteil „Gallus“ –, oft zu viel Stress für eine Transplantierte.

Der Norden ist versunken

Das Buch:

Zoë Beck: Paradise City. Thriller. Suhrkamp, Berlin 2020. 282 Seiten, 16 Euro.

Was heute von Wissenschaftlern prophezeit wird, es ist in Zoë Becks Roman schon eine Weile Wirklichkeit: gewaltig steigende Meeresspiegel, Hitze auch in den früher gemäßigten Breiten (33 bis 35 Grad gelten in Frankfurt schon fast als kühl), immerhin eine Abkehr von fossilen Brennstoffen, allerdings auch eine Wiederansiedlung bzw. Tolerierung von Raubtieren. Ganz selbstverständlich sind außerhalb der Megacitys Wölfe, Bären, Schakale unterwegs. Es wachsen Palmen am Main. Den immerhin gibt es noch in irgendeiner Form.

Liina wird von ihrem Chef in die Uckermark geschickt, dort scheinen zuletzt einige Menschen durch Tierbisse ums Leben gekommen zu sein. Langweilige Geschichte, findet die Journalistin und mault. Dann hat ihr Chef einen Unfall (oder stieß ihn jemand vor die Bahn?), liegt im Koma, wird eine renommierte Journalistin ermordet. Und ist die Leiche einer zuletzt gebissenen Frau verschwunden. Liina hat keine Ahnung, warum die Sache plötzlich gefährlich wird.

Zoë Beck spart nicht an Details, füllt die so heikle wie heiße Zukunft mit vielen kleinen, so futuristischen wie – aus heutiger Sicht – plausiblen Einfällen aus. Doch ihre Figuren sind wie wir, mies gelaunt, intrigant, ängstlich, eifer- und sehnsüchtig. Manche versuchen immerhin, das Richtige zu tun.

Und es gibt noch Finnland, eine Art Exil, in dem Stille und Sicherheit für eine Weile noch zu finden sind.

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