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Ein Feigenbaum.

Literatur

Ein Baum, ein Haus, ein Land

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In seinem neuen Roman "Unter dem Feigenbaum" schildert Goran Vojnovic den Staatszerfall in jedem einzelnen Herzen.

In einem Weiler in Istrien stirbt 87-jährig Aleksandar Djordjevic in seinem Haus unter einem großen Feigenbaum. Unter dem Bett des Toten findet sein Enkel Jadran ein Fläschchen mit den Herztropfen der Großmutter, die schon ein Jahr vor ihrem Mann starb. Hat Aleksandar die Medizin auf einmal eingenommen und sich damit selbst den Tod gegeben? Jadran, der Ich-Erzähler, behält seinen Verdacht für sich.

Aus seinem Zweifel entfaltet er die ganze komplizierte Geschichte seiner Familie und zugleich die Geschichte eines untergegangenen Landes. Immer wieder verlässt der Autor die Erzählerperspektive und steigt in Szenen aus den Vierziger-, Fünfziger- und Siebzigerjahren ein. Einen Reim auf alles Geschehene können sich Jadran und sein Autor Vojnovic nicht machen. Aber wer könnte das schon? Wer mit den beiden auf Zeitreise geht, wird dafür mit vielen schönen Bildern, gelungenen Szenen aus dem Ehe- und Familienleben und tiefen Einsichten in Charaktere belohnt.

Die Mutter des verstorbenen Aleksandar ist mit ihrem kleinen Sohn vor den Deutschen aus Serbien ins slowenische Ljubljana geflohen; dort herrschen anfangs die Italiener. Furcht begleitet die Jüdin von klein auf. Deshalb heiratet sie einen Serben, der ihr und dem Sohn seinen serbischen Namen gibt und dann aus ihrem Leben wieder verschwindet. Die Mutter stirbt noch im Krieg. Der kleine Aleksandar wächst als Serbe im jugoslawischen Slowenien auf und wird Förster. Mit den Instinkten der jüdischen Mutter lässt er sich nach Momjan versetzen, ein kroatisches Dorf gleich an der Grenze zu Slowenien, wo man sich gut verstecken kann.

Der unechte Serbe mit seiner slowenischen Frau in Kroatien, der bosnische Schwiegersohn: Man ist versucht, in dem Haus unter dem Feigenbaum mit seinen starken und schwächeren Ästen, seiner verzweigten Krone eine Allegorie auf Jugoslawien zu sehen. Aber das Verhältnis geht tiefer. Mit ihrem Schweigen über die Vergangenheit, den Rätseln der Familiengeschichte, mit den ewig kaputten Zweierbeziehungen, den Fluchten aus der Heimat, dem Verlassen und Verlassenwerden ist jede einzelne Figur ein Symbol für das zerbrochene Land. Jana, die slowenische Frau des alten Aleksandar, wird dement und „löscht“ viele Familienmitglieder, sogar ihren Mann, aus der Erinnerung. „Auslöschung“ wurde offiziell auch genannt, was Slowenien mit Jugoslawen tat, die in dem nun unabhängigen Lande lebten, sich aber nicht um dessen Staatsangehörigkeit beworben hatten.

Erzählungen vom Balkan

Die „Cefurji“, die in Slowenien lebenden „Balkanesen“, sind das große Thema des Autors und Filmregisseurs Goran Vojnovic, dessen Eltern selbst aus Kroatien und Bosnien stammen. Die nationale Erzählung in Slowenien hat die mehr als siebzigjährige jugoslawische Periode aus der Geschichte ausgeschnitten und alle, die mit ihrer physischen Präsenz an Jugoslawien erinnerten, verdrängt. Nicht bloß psychologisch: Dass die „Balkanesen“ schließlich doch Slowenen werden durften, wird von der Rechten im Land heute noch nicht gutgeheißen. Der Autor Vojnovic nun holt die „Ausgelöschten“ zurück in fast jedes slowenische Haus; sein Erstling war der bis heute größte Bestseller in dem kleinen Sprachraum.

„Unter dem Feigenbaum“ beschäftigt ein ähnliches Personal wie die ersten beiden Romane, fasst den Rahmen aber weiter. Safet, der Vater des Ich-Erzählers, wirkt, redet, säuft und handelt, wie sich Slowenen einen Bosnier vorstellen – chaotisch, rätselhaft, immer am Rande zum Tramp. Sein angeheirateter Onkel Dane dagegen kommt dem jugoslawischen Klischee von einem Slowenen nahe: zwanghaft, spießig, streng. Vojnovic schickt die beiden in einen vielschichtigen Dialog; die Klischees fallen, aber dahinter bleibt Hass. In Kneipendebatten werden, im Ton des postkommunistischen Zynismus, moralische Grundfragen der Zeit verhandelt. Seinen stillen, schweigsamen Figuren begegnet der Autor behutsam und genau – der Mutter Vesna etwa, die von den Kontroversen und Konflikten in der Familie nichts wissen will.

Der kleine, feine „EU-Musterschüler“ Slowenien ist, mit den Augen des Balkan gesehen, eine unmögliche Kreuzung zwischen Kosovo und Tirol. Bei Vojnovic heißt es spöttisch „Jodel-Tungusien“. Die Perspektive der balkanischen Minderheit ist nicht nur für das eigene Land aufschlussreich. War die gepriesene EU-Erweiterung wirklich nur die berühmte „Win-win-Situation“? Ging nicht auch etwas verloren?

Von naiver Jugo-Romantik oder gar KP-Nostalgie allerdings ist Vojnovic frei, und so richtet sich der Blick weg von der Politik auf Allgemeineres. Trennungen sind häufig, aber nie endgültig; immer begegnet man sich wieder. Meisterhaft geschildert sind die kleinen Szenen mit der dementen Jana, die Selbstreflexionen des jungen Vaters Jadran, seine Gefühle gegenüber dem Vater, der ihn und seine Mutter ohne Abschied verlassen hat, um in den bosnischen Krieg zu ziehen. Warum? Lernen lässt sich nichts daraus. Die Geschichte gehorcht keinen Bewegungsgesetzen: „Gott ist ein gewöhnlicher Trottel“, lautet der Standardspruch des alten Aleksandar.

Goran Vojnovic: Unter dem Feigenbaum. Roman. A. d. Slow. v. Klaus Detlef Olof. Folio Verlag,
Wien/Bozen 2018. 334 S., 25 Euro.

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