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R. B. Bardis „Der Kaiser / die Weisen und der Tod“: Wunschtraum und Wahn

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Von: Micha Brumlik

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Kaiserpfalz in Goslar: ein Bild multikultureller Gelehrsamkeit am Hof Friedrichs II. in Palermo.
Kaiserpfalz in Goslar: ein Bild multikultureller Gelehrsamkeit am Hof Friedrichs II. in Palermo. © M&G Therin-Weise/Imago

Judenhass, mittelalterliche Aufklärung, Traumdeutung: Der staunenswerte Roman der jüdischen Autorin R.B. Bardi ist wiederzuentdecken.

Die neueste Forschung hat das noch lange Jahre überlieferte Bild eines finsteren Mittelalters gründlich revidiert: das eines Mittelalters, das zwischen einer lichten Antike hier und einer sonnenhellen Renaissance dort eher dumpf vor sich hin schlummerte. So konnte die Forschung zeigen, dass es nicht zuletzt der Islam war, der während all dieser Jahrhunderte das antike Erbe bewahrte und revitalisierte. Eine Gestalt, die schon früh für diesen neuen Blick auf das Mittelalter stand, war der im 13. Jahrhundert in Sizilien residierende deutsche Kaiser Friedrich II. (1194 – 1250), der 28 Jahre in Italien lebte und an seinem Hof christliche, jüdische und nicht zuletzt muslimische Geistliche – die Intellektuellen jener Zeit – um sich scharte.

Ihm widmete der aus der Schule Stefan Georges kommende Historiker Ernst Kantorowicz – er emigrierte später in die USA – eine noch immer lesenswerte Biographie, auf die zehn Jahre später ein Roman aus der Feder einer Frau folgte: ein Roman, der 1938, im Jahr des sogenannter „Anschlusses“, im jüdischen Saturn Verlag in Wien erschien. Seine Autorin – sie nannte sich R.B. Bardi – wurde 1878 als Rachel Berdach in Budapest geboren, ging in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nach Berlin, um 1938 nach London zu emigrieren. 1947 verließ sie London und zog in die Schweiz, in die Umgebung von Zürich, wo sie 1961 starb.

Berdachs einziger Roman „Der Kaiser/die Weisen und der Tod“ handelt von Gesprächen, Debatten und oft strittigen Beziehungen zwischen jüdischen, muslimischen und christlichen Gelehrten an Friedrichs Hof und stellt nicht weniger als ein intellektuell inspirierendes und sprachlich brillantes Stück Literatur dar; ein Stück Literatur, das den finsteren Zeiten der 1930er Jahre die Utopie einer kosmopolitischen Gesellschaft entgegenhielt – sich dabei aber keineswegs mit einer Kritik von christlichem Judenhass zurückhielt.

Das Buch:

R. B. Bardi: Der Kaiser / die Weisen und der Tod. Hg. v. Peter Moses-Krause u. Irene Tobben. Das Arsenal, Berlin 2022, 240 S., 24,90 Euro.

In den im Roman geschilderten Gesprächen und Diskussionen zwischen dem jüdischen Gelehrten Benaron, dem muslimischen Wissenschaftler Abu Sina sowie diversen Bischöfen und anderen christlichen Geistlichen geht es auch immer wieder um Vorurteile und Hass gegen das Judentum, Haltungen, denen der Rabbi und der islamische Philosoph begründet widersprechen.

Nicht zuletzt aber geht es in diesen Gesprächen auch um Frauen und Frauenfeindlichkeit – und zwar in einer Weise, die nicht zufällig an die – von Sigmund Freud in jenen Jahren entfaltete – Psychoanalyse erinnert. Tatsächlich könnten sich die beiden 1938 in London getroffen haben – nachdem sie ihm ihren Roman geschickt hatte und er ihr nach der Lektüre schrieb: „Sehr geehrte Frau (oder Fräulein?) Ihr geheimnisvoll-schönes Buch hat mir in einem Maße gefallen, das mich meines Urteils unsicher macht. Ist es die ergreifende Verklärung jüdischen Leidens, ist es die Überraschung, dass man am Hofe des genialen und gewalttätigen Staufers soviel von den Weisheiten der Psychoanalyse begriffen hat, die mich sagen lassen, dass ich schon lange nichts so Gehaltvolles und poetisch Gelungenes gelesen habe! (...) Wer sind Sie? Woher haben Sie all das genommen, was Ihr Buch ausdrückt? Nach dem Vorrang, den Sie dem Problem des Todes einräumen, sollte man erraten, dass Sie sehr jung sind. Wollen Sie mir nicht einmal einen Besuch schenken? Ich hätte Zeit an Vormittagen. Ihr sehr ergebener Freud“

Ob es wirklich zu einer Begegnung kam, ist nicht bekannt; auf jeden Fall aber stellt dieser von Peter Moses-Krause und Irene Tobben neu edierte, mit einer aufschlussreichen editorischen Notiz sowie einem Glossar versehene Band nicht nur ein bemerkenswertes Beispiel sogenannter „Exilliteratur“ dar, sondern ein funkelndes sprachliches Kunstwerk, das bis heute – jedenfalls in der schwierigen Gattung historischer Romane – seinesgleichen sucht. Freilich irrte sich Freud in der Einschätzung des Alters der Autorin: 1938 war Berdach bereits 60 Jahre alt. Tatsächlich wären einer sehr jungen Autorin weder die detaillierten Kenntnisse des christlichen Antijudaismus jener Zeit noch jüdischer Schriften zuzutrauen gewesen, die in den Gesprächen zwischen den Geistlichen dreier Konfessionen zum Ausdruck kommen.

Doch geht es dabei nicht nur um Gott, sondern auch um ein im engeren Sinne freudianisches Thema, um Träume. So entgegnet der Rabbi Ausführungen des Abu Sina, des muslimischen Weisen, der Träume als Wunscherfüllung gedeutet hatte: „Schon als ihr das zum ersten Mal behauptetet, Herr Abu Sina, ging es mir nicht ein. Denn von der Wirklichkeit sind die Gesichte des Traumes durch zu viel Unsinn getrennt, als dass man ihren Winken folgen könnte. Ich kehre“, so der Rabbi, „euren Satz von vorhin um: Traum ist der Wahn Gesunder, wenn sie schlafen.“ Das wurde so 1938 geschrieben. Freuds Traumdeutung aber erschien erstmals 1899.

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