1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Barcelona: Wir sind die Stadt der Bücher

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

An Sant Jordi, dem katalanischen Tag der Bücher, musste man sich dieses Jahr warm und regenfest anziehen.
An Sant Jordi, dem katalanischen Tag der Bücher, musste man sich dieses Jahr warm und regenfest anziehen. © Imago

Spanien ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, aber Barcelona zeigt mit dem Festtag Sant Jordi, wer die Nase vorn hat: Katalonien.

Das ist nichts für Menschen, die aus Covid- oder anderen Gründen kein Gedränge riskieren wollen – aber für alle anderen in dieser Stadt ganz offensichtlich schon. Auf La Rambla, der kilometerlangen Prachtpromenade Barcelonas, dazu in einigen Nebenstraßen, stehen Büchertische dicht an dicht – die meisten davon überdacht, das wird heute noch wichtig sein. Und an den mal hochglanzgeordneten, mal wilden Bücherreihen und -stapeln vorbei, an im Akkord signierenden Autorinnen und Autoren vorbei schieben sich Alte und Junge, Maskenträgerinnen und Unbesorgte, Gepiercte und Stöckelschuhträgerinnen, Großväter und Teenager, versuchen es hier und da sogar Eltern mit Kinderwagen. Die Besucherin aus Frankfurt denkt: Eine Buchmesse unter strahlender Sonne! Immer hinein.

Weil sie aber meist nur auf Rücken und Hinterköpfe blickt, fällt ihr erst nach einer Weile auf, dass es im dichten Treiben auch recht manierliche Schlangen gibt. Einheimische erzählen, dass manche treue Buch-Verehrerin, mancher leidenschaftliche Buch-Verehrer sich bereits frühmorgens anstellen und stundenlang auf eine Widmung warten. Oder sich, jedenfalls die Sportlichen, an eine der prächtig schmiedeeisernen Rambla-Laternen klammern, um einen Blick und ein Handy-Foto zu erhaschen.

Die längste Schlange an diesem Tag gilt vermutlich Alice Kellen: Es ist das Pseudonym einer Spanierin, die mit Liebesromanen immens erfolgreich ist. Junge Frauen tragen Exemplare ihrer Bücher, in denen befremdlich viele Post-its kleben – hier wurde eine gründliche Exegese betrieben. In Deutschland kennt, mangels Übersetzung, noch niemand Alice Kellen. Aber das könnte sich im Herbst ändern, wenn Spanien Gastland der Frankfurter Buchmesse ist.

Spanien, wohlgemerkt. Doch hat sich das katalanische Barcelona vor Jahren schon zur „Stadt der Bücher“ und der Verlage erklärt. Die Besucherin aus Frankfurt wird umfangreich mit Grafiken versorgt, auf denen zum Beispiel zu erkennen ist, dass 51,7 Prozent des gesamten spanischen Verlags-Umsatzes in Katalonien erzielt werden, 41,5 Prozent in Madrid, der schmale Rest in Regionen wie Andalusien, Galicien, Euskadi (Baskenland). „La Cultura Catalana“, die katalanische Kultur, war bereits im Jahr 2007 Ehrengast der Buchmesse. Und in diesen Tagen rund um Sant Jordi, dem Festtag des Hl. Georg und Todestag von Cervantes, an diesem menschenwimmelnden 23. April, an dem sich (fast) alles um Bücher dreht, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass Katalaninnen und Katalanen ganz gut ein weiteres Mal auf den Rest Spaniens verzichten könnten, wenn sie dann im Oktober nach Frankfurt kommen.

Die Verlage in Barcelona, so Núria Cabutí, bei Penguin Random House CEO für Spanien, Portugal und Lateinamerika, seien „Schlüsselpartner“ für ganz Lateinamerika. Auch in Miami habe man ein Büro, dort lebten schließlich 52 Millionen spanischsprachige Menschen. Geradezu euphorisch berichtet Markus Dohle, CEO von Penguin Random House und just aus New York für Sant Jordi angereist, von 20 Prozent mehr Umsatz in den beiden Pandemiejahren (in Deutschland waren es zwei Prozent). Jahr für Jahr, so Dohle, werde auf der ganzen Welt mehr Geld für Bücher ausgegeben, Covid habe das beschleunigt und stabilisiert. Und nein, Bertelsmann (zu dem Penguin Random House gehört) verdränge und fresse keineswegs alle kleineren Verlage. Ein Kleinverleger, um vielleicht zu widersprechen, sitzt freilich nicht mit am Tisch.

Auch im Gespräch mit Jesús Badenes, CEO der Verlagsgruppe Planeta, bekommt man das Gefühl, dass jedenfalls spanisch- und katalanischsprachige Menschen nicht weniger, sondern immer mehr lesen. Oder Hörbücher nutzen. Mehr Kinderbücher, viel mehr Graphic Novels, auch mehr Literatur habe man verkauft (letztere vor allem an Leserinnen, aber das ist nicht nur in Spanien so). In der Pandemie hätten die Menschen Europas nach fiktionalen Welten gesucht, so Badenes.

Dazu passt, dass die Plakate für den diesjährigen Sant Jordi bonbonbunte Buch-und-Rosen-Explosionen zeigen. Laut Tradition schenken Männer Frauen am 23. April eine rote Rose, Frauen Männern ein Buch. Aber von Anfang an – seit 1931 feiert Katalonien seinen Schutzpatron zusammen mit dem Welttag des Buches – scheint man sich eher nicht daran gehalten zu haben, wird kreuz und quer verschenkt. Allerdings laut Statistik insgesamt rund sieben Millionen Rosen und „nur“ 1,5 Millionen Bücher.

Die kann man am 23. April üblicherweise mit zehn Prozent Rabatt kaufen, so dass es auch in die an diesem Tag weit geöffneten Buchhandlungen kein Reinkommen gibt. Oder nur mit Wartezeit, obwohl doch Barcelona im Frühjahr 2022 keinen Corona-Abstand mehr hält. Es scheint das Prinzip zu gelten: Wer heute kein Buch kauft ... Glücklicherweise war man bereits am Vortag in der vor einem Jahr (!) mutig und gediegen ganz neu eröffneten Buchhandlung Finestres, wo man von der Einkäuferin Mireya Valencia ebenfalls nur Gutes von den offenbar besonders buchhungrigen Katalaninnen und Katalanen hört, von 50 000 Büchern, die Finestres vorrätig hält, alle handgepflückt sozusagen. Und weder nach Autorennamen noch Sprachen, sondern nach Themen sortiert, so dass Kunden die Chance haben, Bücher zu entdecken, von denen sie gar nicht wussten, dass es sie gibt und sie sie interessieren könnten. Zeit sollte man mitbringen, doch, certainly.

Die Sant-Jordi-Tradition scheint auch zu erfordern, dass jede Katalanin und jeder Katalane von (verlegerischer oder schreiberischer oder sonstiger) Bedeutung am Abend des 22. April auf die große Party der Tageszeitung „La Vanguardia“ (die Vorhut) geht. Schwer zu sagen, was es braucht, um auf der Gästeliste zu erscheinen. Aber kurz ist die Liste, auf der man äußerst zügig abgehakt wird, wirklich nicht, viele sind bereits da, so dass man auf diesem Fest schon mal das Schlängeln und Drängeln üben kann.

Seit März 2011 erscheint die „Vanguardia“ als größte Zeitung Kataloniens (auch) in katalanischer Sprache; so dass es sich als ziemlich sinnlos herausstellen wird, sich das 56-seitige „Especial Sant Jordi“ zu greifen. (Aber es werden imposant viele Bücher darin besprochen.) Der Abend beginnt mit kurzen Ansprachen. Man ist hörbar stolz auf Barcelonas Bedeutung als Bücher- und Verlagsstadt, aber auch die Wörter Ukraine, Krieg und Solidarität fallen; sie müssen ja auch fallen an diesem lauen Abend im April 2022, an dem der Krieg gegen die Ukraine gleichzeitig weit weg zu sein scheint.

Apropos lauer Abend, apropos frohes Bücherfest unter katalanischer Sonne. Gegen Mittag werden an Sant Jordi ominös dunkle Wolken aufziehen, keiner wird sich stören lassen, bis es, gefühlt von einer Sekunde auf die andere, regnet und hagelt, ein Sturm die Hagelkörner schräg durch die Luft jagt. Das Publikum verteilt sich in Haus- und Geschäftseingänge, auch in die U-Bahn, denn ein Schirm hilft da nicht viel. Eine erstaunliche Zahl der Standbetreiberinnen und -betreiber zaubern große Plastikplanen hervor. Wenn sie Glück haben, haben sie genug Leute zum Festhalten.

Noch dreimal wird an Sant Jordi 2022 ein Gewitter über Barcelona ziehen. Aber sobald der Regen aufhört, werden die Büchertische wieder abgedeckt und sind wie von Zauberhand die Leute zurück. Einmal, nach dem Hagel, applaudieren sie der Sonne.

Auch interessant

Kommentare