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Von oben sieht ein Labyrinth immer übersichtlich aus.

Stephan Thome

Wir Barbaren

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Stephan Thomes neues Buch ist ein gewaltiger historischer Roman.

Auf vielfältige Art erzählt Stephan Thome in seinem neuen, für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman von Barbarentum und Zivilisation. Das christliche Europa findet sich dabei in der Position der Barbaren wieder, obwohl es sich selbst – vertreten durch britische Diplomaten, Militärs, Missionare, Geschäftsleute – moralisch doch so sicher ist.

Dass die Chinesen die Europäer außerdem als „ausländische Teufel“ bezeichnen – auch in Ermangelung eines anderen Wortes –, berührt die Besucher und Eindringlinge unangenehm, und auch Thomes Leser, zumal diese sich vom heutigen Wachstums-China ihrerseits überfordert fühlen mögen. So entsteht von vornherein ein schillernder Gegensatz: eine von heute aus gesehen verdrehte Welt, in der Europa jung und ungezogen im uralten China herumtrampelt, während aber jüngere Chinesen bereits begreifen, dass sie technisch  nachrüsten müssen (eine Dampfmaschine kaufen und zerlegen).

Zwischendurch geht es um ein Buch, das seiner Zeit voraus ist und ungedruckt bleiben wird: „Wer das Buch las, musste den Eindruck bekommen, dass dem Vereinten Königreich der Aufstieg zur Zivilisation erst noch bevorstand und dass auf dem Weg dorthin Stolpersteine lauerten ... China hingegen befand sich bereits auf dem Abstieg, war dem Abendland also einen Schritt voraus und musste sich dennoch bemühen, den Anschluss zu halten.“ Der (englische) Leser im Buch nennt das „Humbug“. Wir nicht.

Rebellion im kaiserlichen China

Dieses Spannungsfeld verdankt sich einer fabelhaften Stoffwahl, aber auch der Haltung des Autors dazu. Überraschenderweise hat sich Thome, 1972 im hessischen Biedenkopf geboren und bisher Spezialist für beengte deutsche Beziehungskisten („Grenzgang“, „Fliehkräfte“, „Gegenspiel“) diesmal für ein umfangreiches historisches Thema entschieden.

Als „Taiping-Aufstand“ ging eine Rebellion im kaiserlichen China zur Mitte des 19. Jahrhunderts in die Geschichtsbücher ein, so sie denn darin einging (was wissen Europäer eigentlich von China?). Zum Christentum konvertierte Chinesen errichteten dabei einen „Gottesstaat“, dessen Herrscher sich für einen Bruder Jesu hielt. Aus Sicht der Kaisertreuen waren sie die (keinen Zopf tragenden, sich die Stirn nicht hochrasierenden) „langhaarigen Banditen“.

Welche Seite die gewalttätigere ist, lässt sich bei Thome schwer entscheiden. Die Leichen und Leichenteile der Massakrierten – beide Seiten sind bis unter die Zähne bewaffnet, aber die Waffen sind altmodisch – verstopfen Flussläufe. Im eskalierenden, Tote in zweistelliger Millionenhöhe fordernden Bürgerkrieg mischen Engländer (und auch Franzosen), ihre Kanonenboote und ihre Handelsinteressen mit. Man kennt solche Geschichten, die sich durch die Geschichte ziehen, aber man kennt sie nicht so.

Ein Labyrinth an Handlungssträngen

Thome baut „Gott der Barbaren“ – bei dem es sich also um den christlichen Gott handelt – als klassischen historischen Roman auf: Eine Fülle an Figuren, deren jeweils logischerweise verengte Perspektive die Unüberschaubarkeit der Lage vermittelt. Ein Labyrinth an Handlungssträngen, in dem man sich verirren kann, zumal es nicht chronologisch aufgebaut ist und die Figuren sich zuweilen in Erinnerungen verlieren (wir immer mit).

Eine gewisse Anzahl auch an Erzählformen, Tagebuchaufzeichnungen werden eingestreut, offizielle Dokumente, Zeitungsartikel. Zum Teil bleibt das blass, bleiben auch die Figuren blass oder erfüllen – wie die junge Frau, die zu den „Banditen“ kommt – hölzern ihre Pflicht, auch diese Warte zu besetzen. Das gilt sogar für eine der zentralen Figuren, einen deutschen Idealisten, der als Karl-May-hafte Figur Abenteuer erlebt (wobei er dennoch den Abstand zwischen Karl Mays wildem Fabulieren und Thomes historisch informierter Erzählpraxis verdeutlicht).

Thome benutzt die Geschichte nicht als Mittel zum Zweck

Gar nicht blass hingegen bleibt die Geschichte selbst. Mag die Konstruktion gelegentlich knirschen und auf Holzwege führen, ist das Gesamtbild, das Thome entwirft, doch von funkelnder Aussagekraft. Die Verquickung von Politik und Wirtschaft, deren Interessen durch Moral, eventuell Religion und allemal die Behauptung, westliche Werte zu vertreten, übertüncht werden; der Ost-West-Konflikt, hervorgerufen nicht zuletzt durch ein fundamentales Nichtverstehen der anderen Seite; dazu die schiere Unmöglichkeit, Geschichte zu überblicken, während sie geschieht: Vertraute Aktualitäten spiegeln sich unforciert in der Vergangenheit, eine Technik, die der historische Roman so gut kennt wie das Science-Fiction-Genre.

Leichte Verschiebungen des Gewohnten erzielen dabei eine stark demaskierende Wirkung. Thome gelingt das aber umso besser, als er die Geschichte nicht als Mittel zum Zweck nutzt – was zu platten Parallelen führen könnte, hier ist aber nichts platt, alles ist verschlugen und eine Aufforderung zum Denken –, sondern für sich genommen ernst nimmt.

Beiläufig lernt man etwas über den Menschen

Und, wenn es am besten gelingt, auch wieder nicht zu ernst nimmt. „Gott der Barbaren“ enthält sagenhaft komische Szenen. Ein chinesischer General lernt einen Engländer kennen, der sich viel darauf einbildet, dass er Chinesisch spricht. Er ist schlecht zu verstehen, glücklicherweise hat sich ein alter Lehrer des Generals bereits daran gewöhnt.

Mühsam kommt man ins Gespräch über das Christentum. „Die Jahre werden zu Ehren des Sohnes nummeriert? Wieso nicht nach dem Vater? Wann wurde der geboren?“ – „Gottvater est öwig und das Schwoin der Wölt.“ – „Hat er gesagt, ihr Gott ist ein Schwein?“ – „Es liegt an den Tönen, wahrscheinlich meinte er zhu im dritten Ton: Der Herr der Welt.“

Denn im Einzelnen gelingt ebenfalls vieles trefflich, jener General etwa, der sich auf die Alten beruft, wenn er erklärt: „Der Unterschied zwischen den Barbaren und uns ist, dass wir Mitgefühl besitzen“. Oder der britische Diplomat, in dem sich Klugheit und Borniertheit nicht direkt streiten (dafür ist er zu blasiert), der aber doch skeptisch ist, wenn er einem Landsmann vom Militär begegnet. „Morgens die Bibel, abends das Cello, dazwischen schoss er mongolische Reiter zu Klump, und falls darin ein Widerspruch lag, wüsste Lord Elgin gern, wie man ihn nannte. Pflicht? Patriotismus?“ Beim Denken sind viele dieser Figuren klüger als beim Handeln. Auch sind die meisten von ihnen sehr einsam. So dass man beiläufig etwas über den Menschen lernt.

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