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Barbara Thériault.

Soziologie

Barbara Thériault: „Die Bodenständigen“ – Tiefes Thüringen

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Eine kanadische Soziologin unterwegs in Erfurt.

Erst war es nur das Wort, das der in Erfurt lebenden Soziologin aus Kanada auffiel: bodenständig. Wie übersetzt man es? Gar nicht, entschied sie sich, und machte sich auf die Suche nach seiner feineren Bedeutung.

Bodenständig nennen sich Männer, die gern karierte Hemden tragen und die sicher nicht zu viel trinken, wenigstens der eigenen Einschätzung nach. Barbara Thériault hört ihnen zu, schaut sie sich an. Bodenständig ist in ihrem Erfurter Bekanntenkreis die Küche, bodenständig sind Stars ohne Allüren. Man wahrt das rechte Maß. Mit dem karierten Hemd wirkt man gepflegt, aber nicht modisch. Gut gekleidet sein, meint nicht die neueste Kollektion, gut essen heißt nicht Bocuse oder Witzigmann. „Richtig gut“ ist nicht Mittelmaß, sondern ist das Ziel, ist perfekt. Es ist die Tugend der Mäßigung, der „temperantia“, der Sophrosyne, die schon Platon pries.

Auch wenn das Wort bodenständig nicht übersetzbar sein sollte, gibt es das Phänomen – und karierte Hemden – natürlich auch anderswo. Nur ist der Boden je ein anderer. Mit Vergleichen und Klassifizierungen geht Thériault vorsichtig um. Sie wertet und verallgemeinert nicht, sondern blickt und zeigt, wie eine Fotografin: Sie wählt den Bildausschnitt, fokussiert, wählt für jedes ihrer Objekte Blende, Belichtung und Entfernung und drückt ab. Betrachten müssen wir die Aufnahmen dann schon selber.

Das Buch

Barbara Thériault: Die Bodenständigen. Erkundungen aus der nüchternen Mitte der Gesellschaft. Edition Überland, Leipzig 2020. 220 S., 14,40 Euro.

Politik spielt nur gelegentlich herein – etwa wenn einer sagt: „Es gibt zu viele Parteien“, ein Standardsatz, den die Autorin erbeutet hat und den sie behutsam und überzeugend deutet: Die das sagen, wünschen sich Klarheit, übersichtliche Verhältnisse. Die Lösung heißt: Gegensätze nicht austragen, sondern vereinen.

Erreichen lässt sich das Ziel, wenn man vorgeht wie die bodenständige „Bratwurst-Hexe“, die auf der Einkaufsstraße von Erfurt einen Imbiss betreibt. Vorne im Straßenverkauf gibt es Bratwurst, hinten im Sitzbereich ist die Küche vegetarisch. „Ich wollte für alle da sein“, sagt die Hexe. „Ich wollte, dass Paare, bei denen einer Fleisch isst, der andere Vegetarier oder Veganer ist, zu mir kommen.“ Trivial seien solche Versöhnungen nicht, befindet Thériault: „Heute ziehen soziale Kämpfe nicht über Klassen und große Theorien hinweg; sie spielen sich vielmehr im Alltag ab.“

Frei von Voyeurismus

Viele ihrer Beobachtungen hat Thériault als Kolumne in der Lokalzeitung veröffentlicht, und entsprechend frei ist ihr Blick von Voyeurismus. Die Linse richtet sich auf Tattoos im Schwimmbad, auf vietnamesische Kinder bei der Jugendweihe, auf das Bestattungswesen und die Sitte zu heiraten, Verwandten und Freunden das aber nicht zu erzählen. Keine Erwähnung findet, dass die „Mitte der Gesellschaft“, die die Autorin da in Augenschein nimmt, sich oft „das Volk“ nennt und zu einem Viertel AfD wählt. Den Weg vom Alltag zur Politik müssen die Leser selber finden.

Das macht den Reiz von Barbara Thériaults Büchlein aus: Legt man es weg, hat man keine neue Formeln gefunden. Im besten Fall hat man gelernt, genauer hinzusehen.

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