Buch-Rezension

Balzac auf dem Dorfe

Viel Theorie: In Norbert Niemanns Roman "Willkommen neue Träume" mischt sich der theoretisch hoch gerüstete Präzisierungsdrang des Autors immer wieder in den Bewusstseinsstrom seiner Figuren.

Von HERIBERT KUHN

Wenzel Poßmann, eine der sympathischeren Figuren in Norbert Niemanns Roman "Willkommen neue Träume", neigt nicht zu Affekten; als er aber in der Zeitung die Bemerkung eines "bekannten Schriftstellers" zur Kenntnis nehmen muss, es "sei heute unerheblich, das konkrete Dasein des Menschen darzustellen, die Comédie humaine müsse nicht noch einmal geschrieben werden", ärgert er sich "maßlos".

Mit Vorbehalt darf man Poßmann und seinem Erfinder Niemann eine gewisse Übereinstimmung unterstellen, was ihre Auffassung von Literatur angeht. Beide betrachten das gegenwärtige Leben und Zusammenleben der Menschen als eine terra incognita, die zu erforschen und darzustellen Aufgabe der Literatur sei. Einerseits.

Andererseits steht beiden nicht jene epische Naivität zu Gebote, derer sich manche Vertreter der jüngeren Schreibergeneration wieder erfreuen. Poßmann und Niemann wissen um die Bedeutung der Theorie, vor allem der soziologischen, und sie wissen um den historischen Prozess, in dem die Theorie der Literatur zentrale Kompetenzen streitig machte. Wenn also Poßmann einen "Prosaessay" verfasst, macht schon die diskussionswürdige Gattung dieses Textes deutlich, dass es mit dem bloßen Dahererzählen nicht mehr getan ist, will jemand der gegenwärtigen "Geisteslage der Nation" gerecht werden.

Sinnkrise? Ab aufs Land!

Für Niemanns literarischen Anspruch und die Schwierigkeiten, die er mit sich bringt, ist der Hinweis auf Honoré de Balzacs literarisches Großunternehmen gewiss kein Zufall. Teile der unvollendeten "Menschlichen Komödie" gelten als Urtext soziologischer Betrachtungsweise der Gesellschaft. Hier, bei Balzac, durchdringen sich Gesellschaftstheorie und Erzählen noch in nicht konkurrierender Form; bekanntlich wurde dies spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts anders, der analytische Diskurs gelangte schließlich zu solcher Deutungshoheit, dass die Literatur zeitweise sogar überflüssig erscheinen konnte.

Sicher ist das Schnee von Gestern; aber in Niemanns aktuellem Roman tritt einem dieses 70er-Jahre-Problem wieder entgegen. Der Autor ist derjenige aus der nach 1960 geborenen Generation von Schriftstellern, der Theorie nicht bloß als mögliches Spielmaterial ansieht. Man darf unterstellen, dass das Versprechen von Balzacs Werk das poetologische Ideal ist, das Norbert Niemann in seinem jüngsten Roman leitet.

Asger Weidenfeldt, landesweit bekannter Kulturjournalist, kehrt infolge einer Sinnkrise und unmittelbar vor der Übernahme einer von ihm selbst konzipierten TV-Sendung aus Berlin in sein Heimatdorf Vössen zurück. Vössen liegt an einem großen bayerischen See, Bilderbuchidyll, das auch Asgers Mutter die passende Umgebung für ihre mondäne Residenz liefert. Clara Weidenfeldt genießt den Ruhm einer Filmdiva, den sie sich als Star einer legendären Truppe von Filmleuten erwarb.

Die Abhängigkeit von dem früh verstorbenen Regiegenie Schwaiger, der sie mit sadistischem Kalkül zu seinem Geschöpf formte, ist ihr bis ins fortgeschrittene Alter als seelische Hypothek geblieben. Zusammen mit ihrem Sohn, der die aktuelle Generation Kulturschaffender repräsentiert, bildet sie in Fuchsenhub (so der Name ihres Anwesens) das Zentrum des sozialen Kosmos', den Niemann auf 600 Seiten entfaltet.

Orte in der Art Vössens gibt es in Bayern mehrere. In ihnen verbinden sich folkloristisch aufgebrezelte Dorfkultur und die Schwundformen agrarischen Lebens mit dem Bodenständigkeitsbedürfnis einer das Luftreich des Imaginären bestellenden Medien- und Kulturelite. Niemann, der sich bereits mit seinem Debütroman "Wie man's nimmt" (1998) auf die Provinz als den Schauplatz seiner Geschichten festgelegt hat, nutzt in "Willkommen neue Träume" dieses in keinem Großstadtmilieu zu findende Hybrid von Lebensformen, um weit auseinander liegende Wirklichkeiten zu konfrontieren.

"Das Dorf Vössen ist die ganze Welt im Kleinen, nicht wahr?" stellt der katholische Geistliche der Gemeinde fest, der, von der Wiederkehr des Katholizismus als Sinnpotential profitierend, eine Glaubensoffensive gestartet hat. Vössen als Integral der als unüberschaubar komplex behaupteten Welt vorzuführen, ist auch Niemanns Absicht. Auch er ist angetrieben von der "Jagd nach dem totalen Überblick", auf die eingelassen zu haben, dem Prosaessayisten Poßmann von seiner vernachlässigten Ehefrau vorgeworfen wird.

Der Aufstieg, eine Fiktion

Der Welterklärungsanspruch führt zwangsläufig in die Theorie, der Wille zum Erzählen muss aber auf der unhintergehbaren Einzigartigkeit der Figuren beharren. In dem Spannungsfeld vagiert die auktoriale Perspektive. Mal erklärt Niemann selbst, wie alles zu verstehen sei, mal ist es eine der Figuren, die alles deutet. Manchmal stehen Einsichten da wie unbezweifelbare Diagnosen, dann wieder bilden personale Perspektive und die auktoriale Außensicht Schnittmengen.

Das liest sich dann so: "Sozialpsychologisch betrachtet, machte sie sich auf den Weg von der Tochter einer alleinerziehenden Mutter aus dem unteren Mittelstand in den gehobenen Dienstleistungssektor. Kulturell gesehen war der Aufstieg Fiktion, denn der Unterschied zwischen den beiden Gruppen definiert sich allein durch Geld, konnte aber freilich gewaltig sein."

Der theoretisch hoch gerüstete Präzisierungsdrang des Autors mischt sich immer wieder in den Bewusstseinsstrom seiner Figuren, so auch Asgers, der zur späten, trunkenen Stunde konstatiert, dass die "unverträgliche Mixtur aus rauschender Party und hemmungsloser Narrenfreiheit im ländlichen Idyll nur schiefgehen" konnte.

Der Duktus dieser metasprachlich geschliffenen Distanzierungsakte ist sich leider jeweils zu ähnlich, um als spezielle Eigenart der Romanpersonen durchzugehen. Nach dem dritten Buch darf man feststellen, dass Norbert Niemanns Fähigkeit zu Theorie und Analyse die Oberhand gewonnen hat über seine erzählerischen Möglichkeiten.

Gegenüber dem verschrobenen Aufklärer und Lessingspezialisten Matthias Boker aus Niemanns Debüt, der sich ein "Leben ohne Verrat am Leben" wünschte, und der die Mühen vorführte, die die gedankliche Durchdringung der Zeitverhältnisse einem dabei fast kindlich gebliebenen Gemüt abverlangen - gegenüber diesem Boker ist Asger Weidenfeldt eine blasse Kopfgeburt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare