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Große Fußballergeschichte: Manuel Neuer.

Biermann "Wenn wir von Fußball träumen"

Ballgesättigter Beobachter

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Eine Leidenschaft, der das große Geld am Ende nichts anhaben kann: Der Fußballautor Christoph Biermann erzählt in "Wenn wir von Fußball träumen" auch eine Sozialgeschichte des Ruhrgebiets.

Eine gängige Erzählung des Fußballs handelt davon, wie durch die Kälte des Geldverdienens die Seele des Spiels eingefroren wurde. An Belegen mangelt es nicht. Die großen Spielerkarrieren von Manuel Neuer und Mario Götze sind geprägt von dem Makel, dass sie ihren Vereinen Schalke 04 und Borussia Dortmund, für die sie nicht nur spielten, sondern deren erste Fans sie auch waren, schnöde zugunsten des FC Bayern den Rücken kehrten. Ihre Fußballbiografien werden so immer auch im Zeichen des Verrats fortgeschrieben werden.

Der Fußballjournalist und -schriftsteller Christoph Biermann weiß um die Mythen des Fußballs. Er liebt sie, er hat an ihnen mitgeschrieben, aber er misstraut ihnen auch. Deshalb ist er zurückgereist, dorthin wo er „wechkommt“, wie es die Einheimischen wohl sagen, und wo man noch heute an jeder Würstchenbude über wahre Geschichten vom Fußball stolpern kann.

Biermanns erste Mannschaft war Westfalia Herne, Heimatklub des legendären Nationaltorwarts Hans Tilkowski, heute beinahe so vergessen wie der Verein, der fünftklassig in der Oberliga Westfalen seine Spiele austrägt.

Heimreise, ja. Aber keine sentimentalische. Biermann hat sich vielmehr auf den Weg gemacht, um einerseits die erstaunliche Haltbarkeit der Fußballmythen zu untersuchen, andererseits aber auch die Wandlungsfähigkeit eines Sports zu beschreiben, der wie kein anderes soziales Geschehen die gesellschaftliche Dynamik der neuesten Zeit abbildet. Fußball als Lesegerät.

Trauerarbeit im Ruhrgebiet

Biermanns Reiseerzählung operiert nicht mit steilen Thesen. Vielmehr garniert er seine eigene ballgesättigte Biografie mit Zeitzeugen wie den Punkmusiker Schorsch Kamerun und den Soziologen Rolf Lindner, die sehr unterschiedliche Erzählungen über das Ruhrgebiet und seine Beziehung zum Fußball anzubieten haben und die Biermann zu einer leicht lesbaren Sozialgeschichte des Ruhrgebiets zusammensetzt.

Deren Kernerzählung handelt von einer unabgeschlossenen Deindustrialisierung, die das Gesicht vieler Städte verändert hat und in deren Folge manch großer Klub wie Rot-Weiß Essen oder Rot-Weiß Oberhausen in die Bedeutungslosigkeit stürzte. Das geht nicht ohne Wehmut und Trauerarbeit, aber Christoph Biermann ist ein viel zu kluger Beobachter, als dass er es dabei bewenden lassen könnte.

Natürlich gibt es Geschichten wie die des Joachim Hopp, des letzten Arbeiterfußballers, dem noch unter Tage der Schweiß von der Stirn rann, obwohl er bereits als Profi für den MSV Duisburg auflief. Der Ruhrgebietsfußball ist noch immer besessen vom Malocher-Image seiner Spieler, und die Vereine tun alles, um dieses Selbstbild, und sei es mit Unterstützung teurer Marketingagenturen, in die Zukunft zu retten. Am Ende vermag nicht einmal das große Geld der Leidenschaft für das Spiel etwas anzuhaben.

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