1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Die Ballade von Isabel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Katharina Granzin

Kommentare

Der neue Roman von Feridun Zaimoglu feiert allein die Wucht des Augenblicks

"Versehrt“ ist vielleicht das richtige Wort, mit dem sich verallgemeinernd die Personen kennzeichnen lassen, die diesen Roman, oder überhaupt die Textwelt Feridun Zaimoglus, bevölkern. Ob vom Krieg, von der Liebe oder von der Familie: Es sind Beschädigte, Menschen, die als Mitmenschen nicht mehr einwandfrei funktionieren.

„Isabel“, um die es im neuen Roman gehen soll, ist da nur ein Beispiel. Sie ist, wie sich nach und nach zeigt, immer noch eine schöne, immer noch eine junge Frau. Ihre Eltern hoffen, sie noch gut verheiraten zu können. Doch Isabel hat sich entschieden, das Spiel der Jungen und Schönen nicht mehr mitzuspielen.

Feridun Zaimoglu, dessen letzter Roman „Ruß“ auf Männer und ihre Probleme fokussiert war, stellt nun wieder eine Frau in den Mittelpunkt seiner sprachmächtigen Phantastereien.

Auch Isabel hat Probleme. Es ist allerdings nicht ganz leicht zu verstehen, welche. Immerhin, der Roman setzt zur Zeit einer Lebenskrise ein. Isabels Freund hat sich von ihr getrennt. Sie bezieht eine neue Wohnung in der Nähe des Alexanderplatzes – der Roman spielt in Berlin – und bekommt vom Ex noch eine Kollektion von Haushaltsgeräten geschenkt.

Sie spricht ihm einen freundlichen Dank aufs Band; offenbar ist die Trennung nicht der Grund für Isabels Eigentümlichkeit. Wer dieser Exfreund war, darüber schweigt der Roman sich aus, doch je mehr wir Isabel kennenlernen, desto besser versteht man, warum eine Beziehung zu dieser Frau schwierig sein muss.

Eine seltsame Tätigkeit

Diese immer noch ziemlich junge, ziemlich schöne Frau, die, wie man viel später erfährt, eigentlich Schauspielerin ist und bei Gelegenheit modelt, verdient Geld, indem sie sich einen Keuschheitsgürtel umschnallt und anwesend ist, während ein anderes Paar Sex hat. Es ist ihr einziges regelmäßiges Einkommen. Sie ernährt sich in Suppenküchen und Obdachlosentreffs, holt sich routiniert Klamotten aus gemeinnützigen Kleiderkammern und nimmt von dort auch ohne Skrupel die Geschenke, die sie anderen macht. Die ersten, die auf diese Weise – mit einem muffigen Lammfellmantel – beschenkt werden, sind ihre Eltern, die sie in ihrem „südlichen Land“ besucht, da sie dort drei Heiratskandidaten vorgestellt werden soll. Isabel macht sich schön, tut ihr Bestes, alle drei in die Flucht zu schlagen, und flüchtet, als die Männer sich dennoch für sie interessieren.

Der zweite, den Isabel mit einem unpassenden Kleidungsstück aus der Obdachlosenbetreuung ausstattet, ist „Soldat“, ein Mann, der Marcus heißt und mit Isabels Freundin Juliette zusammen war, die Selbstmord begangen hat. Ähnlich wie in „Ruß“ verbindet sich in „Isabel“ die Erzählung eines diffus traurigen Lebensverweigerer-Schicksals irgendwann mit Elementen einer Art Kriminalhandlung, ohne dass der Roman diesen Genre-Impuls weiterführen würde, beispielsweise hin zu einer vollständigen Auflösung. Isabels Freundin Christine, Mutter der toten Juliette, wird ermordet. Juliettes missratener Bruder, ein brutaler Geldeintreiber, sucht und bedroht Isabel, die von „Soldat“ gerettet werden muss. Umgekehrt ist Isabel in vieler Hinsicht die Rettung ihres Retters.

Aber wie kam es bloß dazu?

Handlungslogisch orientierte Fragen wie „Wer ermordete Christine?“ oder „Wie hat der böse Patrick Isabels Adresse herausgefunden?“ laufen aber angesichts des großen Daseinsdurcheinanders, das Zaimoglu in seinem Roman abbildet, ins Leere. Diese Prosa ist so radikal im erzählten Augenblick verhaftet, dass Hintergrunderklärungen an Bedeutung verlieren.

Zu dieser Orientiertheit am Augenblick gehören die auffällig dominierenden Dialoge. Sie sind in ihrer gestalteten Unmittelbarkeit dicht am Dramatischen, stark rhythmisiert, gleichsam musikalisch ausgeführt, wenn man sie denn laut spräche; in der stilisierten Knappheit ihrer Sprache aber oft einem choreografierten Duell ähnlicher als einem Duett.

Dass Zaimoglu sich generell für diesen Roman zum Ziel gesetzt zu haben scheint, so kurze Sätze wie möglich zu schreiben und auf ausgefallene Wortschöpfungen zu verzichten, bedeutet keinesfalls einen Verzicht auf den hohen Ton.

Nur bildet sich die für diesen Autor so typische stilisierte Kunsthaftigkeit hier weniger im einzelnen Wort heraus als im Zusammenhang – und Zusammenklang – des Textganzen.

Der stark performative Gestus des Romans verbindet sich mit dem großstädtischen Berliner Elends-Setting, in das der Autor seine Hauptfigur setzt, zu einer gleichsam etwas aus der Zeit gefallenen Sozialballade. Schon durch Isabels Wohnort wird Döblins „Berlin Alexanderplatz“ mit assoziiert. Die beharrliche Titulierung von Isabels neuem Bekannten Marcus als „Soldat“ hat viel von Brecht’scher Typisierungsmacht.

Die Hauptfigur aber bleibt rätselhaft. Aus welchen Gründen diese Frau so elend leben muss oder will – ob aus Protest gegen die patriarchalen Zumutungen der deutschen oder der „südlichen“ Gesellschaft ihrer Eltern, ob aus allgemeiner Lebensmüdigkeit oder warum auch immer –, erfährt nicht den Versuch einer Erklärung und scheint daher auch nicht so wichtig zu sein.

Und das ist dann doch ein eigenartiger Widerspruch. Ein Roman, der so beharrlich um das großstädtische Elendsmilieu kreist, sollte sich wirklich mehr dafür interessieren, was die eigene Hauptfigur eigentlich in die Misere treibt. Sonst bleibt ein Nachhall von literarischem Elendstourismus.

Die Berliner Stadtgeographie ist übrigens sehr detailliert und kenntnisreich beschrieben.

Feridun Zaimoglu: Isabel. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014.237 Seiten, 18,99 Euro.

Auch interessant

Kommentare