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Wer bändigt die globalen Hexenmeister?

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Harald Schumann und Christiane Grefe zeigen Wege zu einer sozialen und ökologischen Weltordnung. Von Michael Müller

Von MICHAEL MÜLLER

Fin de siècle, so nannte 1886 zuerst die französische Zeitung Le Décadent die bis zum Ersten Weltkrieg weit verbreitete Untergangsstimmung. Inspiriert von Friedrich Nietzsches Kritik an bürgerlichen Erscheinungsweisen artikulierten damals viele Intellektuelle und Künstler zwischen Euphorie und Endzeit, Fortschrittswahn und Zukunftsangst ein Gefühl der Ohnmacht gegen die auftrumpfende Industrie, eine alles erdrückende Technik und militärische Aufrüstung. Ihre Darstellung von Überdehnung, Erschöpfung und Orientierungskrise wurde zur ästhetischen Auseinandersetzung mit der aufkeimenden Gewalt.

Bereits 1848 hatten Karl Marx und Friedrich Engels die heraufziehenden Umwälzungen grandios im Kommunistischen Manifest beschrieben: "An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander? Die moderne bürgerliche Gesellschaft gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er beschwor."

Harald Schumann und Christiane Grefe wählen in ihrem Buch Der globale Countdown diesen Rückblick für einen Ausblick. Was vor hundert Jahren schon gefürchtet wurde, die zerstörerischen Kräfte des Geldmarkts, ist wieder aktuell. Die Autoren weiden sich nicht an der damaligen Endzeitstimmung, der zwei Weltkriege und die große Depression folgten. Aber sie beschreiben in vielen Rückgriffen auf den New Deal und das Vertragswerk von Bretton Woods, dass die wirtschaftliche Dynamik umgelenkt werden kann und muss in Wohlfahrt, Beschäftigung und auch in Klimaschutz. Die Voraussetzung ist die politische Bändigung des globalen Kapitalismus.

Wie in der Globalisierungsfalle (Rowohlt Verlag), an die das Buch anknüpft, werden die Gefahren der globalen Epoche, deren herausragendes Merkmal die Aufhebung der zeitlichen und räumlichen Distanz ist, faktenreich beschrieben: die Schuldenkrise, die Spaltung der Gesellschaften, die heraufziehende Klimakatastrophe, die reale Gefahr globaler Ressourcenkriege und vielfältige Formen neuer Gewalt. Die Party ist vorbei.

Zugleich zeigt das Buch die Ambivalenz der globalen Moderne auf: der Zwang zur Zusammenarbeit, der ökologische Imperativ, die Erfindung des Regierens von unten oder der Wiederaufstieg der Vereinten Nationen. Die Antwort ist eine Weltinnenpolitik, die sich gegen die großen Finanzinstitute durchsetzen muss, die als nicht legitimierter Ersatz für die fehlende Weltordnung das Kommando übernahmen.

Das Buch zeigt eine Vielzahl der Wege zu einer sozialen und ökologischen Weltordnung. Was ein wenig fehlt, ist die programmatische Leitidee, die den Umbau bündelt und erfolgreich macht. Das ist seit dem Erdgipfel 1992 von Rio das Konzept der nachhaltigen Entwicklung. Sie schafft durch eine veränderte Zeitpolitik gegen die heute dominierende Kurzfristigkeit die Basis, die ein verändertes Fortschreiten lokal, national und weltweit möglich macht. Damit ist sie die wichtigste Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung.

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